Er galt als möglicher Nachfolger für den obersten iranischen Führer Ayatollah Ali Khamenei – jedenfalls sollte er in seiner Rolle als Präsident das Land auf die Post-Khamenei-Ära vorbereiten. Doch nun ist Ebrahim Raisi bei einem Hubschrauberunglück gemeinsam mit Außenminister Hossein Amirabdollahian ums Leben gekommen.

Seit 3. August 2021 war Raisi Präsident der Islamischen Republik. Der ultrakonservative Hardliner sah sich als Nachfahre Mohammeds: Geboren wurde er 1960 in Mashhad, einer der sieben heiligen Städte der Schiiten, die den Schrein des Imam Reza beherbergt. Seine Familie von Klerikern leitet ihren Stammbaum bis zum "Propheten" zurück. Raisis Ehefrau Jamileh Alamolhoda ist die Tochter des Freitagsimams von Mashhad und Großimams des Reza-Schreins, mit ihr hat er zwei Töchter.

Raisi selbst bezeichnete sich als Ayatollah, doch seine theologischen Qualifikationen, die ihn zum Tragen des Titels berechtigten, wurden von seinen Gegnern in Zweifel gezogen. Er war ein strikter Anhänger der Todesstrafe und der Geschlechtertrennung und lehnte die Werte der westlichen Kultur ebenso radikal ab wie den Staat Israel. In Interviews sprach er wiederholt Drohungen gegen den jüdischen Staat aus, den Holocaust zweifelte er an.

Irans Präsident Ebrahim Raisi.
Irans Präsident Ebrahim Raisi hinterlässt eine Frau und zwei Töchter.
IMAGO/Iranian Presidency Office

Hauptverantwortlicher bei Khomeini-Massaker

Raisi studierte Theologie in Ghom. Im Alter von zwanzig Jahren wurde er 1981 – bald nach der islamischen Revolution – Staatsanwalt in Karaj, 1988 Vizestaatsanwalt in Teheran. Als solcher war er im selben Jahr einer der Hauptverantwortlichen für das sogenannte Khomeini-Massaker, eine außergerichtliche Massenhinrichtung politischer Gefangener. Auf Weisung von Ayatollah Ruhollah Khomeini wurden über fünf Monate hinweg mehrere tausend Oppositionelle "beseitigt", Raisi war eines von vier Mitgliedern einer Justizkommission, die die Opfer an den Galgen schickte.

1994 wurde er Chef des staatlichen Generalinspektionsbüros, 2014 wurde er Generalstaatsanwalt, 2019 Chefrichter.

Als es nach der iranischen Präsidentenwahl 2009 zu Protesten kam, war die Untersuchung von Vorwürfen der Vergewaltigung Gefangener die Aufgabe Raisis. Als Ergebnis seiner Ermittlungen wurden Gerichtsverfahren geführt – allerdings nur gegen jene, die Vorwürfe erhoben hatten.

Ebrahim Raisi in Menschenmenge
Ebrahim Raisi wurde in Mashhad geboren, in einer der sieben heiligen Städte der Schiiten.
AFP/Iranian Presidency/-

Unruhen nach Tod von Mahsa Amini

2017 trat Raisi erstmals für das Präsidentenamt an, verlor jedoch gegen den Amtsinhaber Hassan Rohani, der ihm im Wahlkampf unverblümt seine Justizverbrechen vorhielt. 2021 durfte Rohani nicht erneut antreten und alle anderen aussichtsreichen Kandidaten wurden schon vor der Wahl ausgeschlossen – Raisi konnte die Abstimmung problemlos für sich entscheiden. Seine Regierungszeit wurde bald von einer starken Protestbewegung erschüttert, die vom Regime mit brutaler Gewalt niedergeschlagen wurde. Insbesondere nach dem Tod der jungen Kurdin Jina Mahsa Amini, die in den Fängen der berüchtigten Sittenpolizei ihr Leben verlor, erreichte die Empörung gegen das Regime bisher ungeahnte Ausmaße. Raisi äußerte sich teils beschwichtigend, gab jedoch den USA die Schuld an den Protesten. Mehr als zweihundert Menschen wurden bei der Niederschlagung der Proteste getötet.

Bei einem Treffen mit dem palästinensischen Terrorführer Ismail Haniyeh im vergangenen März bezeichnete Raisi Israel als "Kindermörderregime". Den Westen verurteilte er für die Unterstützung Israels, dem er einen Völkermord unterstellte. Das Massaker der islamistischen Terrororganisation Hamas in Israel am 7. Oktober hingegen bezeichnete er als legitim. Lob fand er auch für die "Öffentlichkeitsarbeit und Medienkampagne des palästinensischen Widerstandes" gegen Israels Einsatz gegen die Hamas. (vos, 20.5.2024)