Frank Genser (li.) und Christoph Schüchner als Ober und Gast in "Die Rechnung" bei den Festwochen.
Nurith Wagner Strauss

Nur Politik bei diesen Festwochen? Iwo! Wer das behauptet, hat Die Rechnung nicht gesehen. Tim Etchells dreht darin eineinhalb Stunden lang auf einer Glatze aufs Herrlichste Locken. Dabei ist die Sache eigentlich einfach: Ein Ober und ein Kellner in einem Lokal (vielleicht eines mit Michelinsternen, das weiße Tischtuch lässt einen darüber im Unklaren), der Ober schenkt dem Gast ein Glas Wein ein, hört damit aber nicht auf, der Wein läuft über aufs Tischtuch, den Tisch, rinnt auf den Boden, der Gast springt auf, Panik, der Wein wird aufgetupft, das Tischtuch zusammengefasst und in die Ecke entsorgt. Doch da beginnt die Kompliziertheit: In dem Moment tauschen Ober und Gast die Rollen, und es geht wieder von vorne los. Und all das vollkommen ohne irgendwelche politische Ambitionen. L’art pour l’art, die einzig im Koordinatensystem der Kunst siedelt.

Es ist eine meisterhafte Fingerübung, die der britische Regisseur da für das Festival d'Avignon entwickelt hat und die im Rahmen der Festwochen bis Mitte Juni durch alle Wiener Bezirke tingelt. Mit der Präzision von Zahnrädern läuft das Werkl zwischen Slapstick, einer Folge Mr. Bean und absurdem Theater à la Samuel Beckett ab. Ein Kniff dabei liegt in der Variation. Wieder und wieder wird die immergleiche Szene gegeben und unter verschiedenen Vorzeichen immer wieder leicht anders: wie das Besteck aufgelegt wird, wie man einander grüßt, wie das Überlaufen des Weins kommentiert wird ... Mal ist der Gast cholerisch, mal will er hilfreich sein, mal verheddert sich der Ober im aufzuschüttelnden Tischtuch, mal stürzt ihn der Wunsch des Gastes nach einem anderen Wein, den es nicht gibt, in existenziellste Not. Ein weiterer Kniff des Abends: Er kommt in der Anlage fast bieder daher, ist in sich aber sehr clever und leicht gebrochen.

Dreamteam

In Wien ist die Produktion mit geringstem Materialaufwand in Kooperation mit dem Volkstheater entstanden. Dessen beide Ensemblemitglieder Frank Genser und Christoph Schüchner spielen sich – Otto Schenk und Helmut Lohner können sich als Dreamteam anschnallen – mit einem sympathischen Hickhack, einer besserwisserischen Keppelei und einer Irrsinnsleistung, was Ausdruck und Detailfreude angeht, immer weiter in die önologische Krisensituation und die Herzen des Publikums hinein. Was für ein Wahnsinnsspaß und was für ein Glück, dass die Produktion im Herbst in den regulären Spielplan übernommen wird!

Der letzte Kniff des kleinen großen Stücks liegt schließlich darin, wie es – stetig untermalt von einem Soundtrack wie Computerspielmusik aus den 1990ern, immerhin hat die ganze Anordnung auch etwas von einem Bug in einer Software – seine Gemachtheit ausstellt, ja sogar aufs Korn nimmt, und damit das Theater an sich feiert und den fiktionalen Pakt, den es mit dem Publikum zu schließen vermag darüber, was auf einer Bühne alles geht und was das Publikum ihm glauben und durchgehen lassen will. Man will! (Michael Wurmitzer, 20.5.2024)