Selena Gomez
Selena Gomez als Gangster-Ehefrau im Überraschungshit "Emilia Pérez".
Filmfestspiele Cannes

Am Samstagabend war es in Cannes endlich so weit. Das Regenwetter hatte sich verzogen, und mit Emilia Pérez wurde zur Festivalhalbzeit der erste Wettbewerbsfilm gezeigt, der für einhellige Begeisterung sorgte. Dabei hatte man Grund zur Sorge, dass das Musical ähnlich wie Francis Ford Coppolas Megalopolis seiner herausfordernden Prämisse nicht gerecht werden könnte. Denn die Handlung klingt so unwahrscheinlich, dass keine Künstliche Intelligenz der Welt jemals darauf kommen würde.

In Jacques Audiards Gangster-Musical Emilia Pérez geht es um den Drogenboss Manitas, der die junge Anwältin Rita (großartig: Zoe Saldana) anheuert, um für ihn eine diskrete Geschlechtsumwandlung zu organisieren. Nicht nur, um unterzutauchen, sondern auch, weil er der ultramaskulinen gewalttätigen Welt entfliehen möchte, in der er aufgewachsen ist. Schon immer wollte Manitas eine Frau sein, die Umstände ließen es jedoch nicht zu. Rita, die ihr Talent damit vergeudet, Frauenmörder zu verteidigen, geht auf den Deal ein und findet einen Arzt, der die Geschlechtsumwandlung vornimmt.

Transformation zur Menschenfreundin

Jahre später lebt Rita erfolgreich in London und trifft dort auf eine mexikanische Dame, die sich als ihr ehemaliger Klient herausstellt. Nun soll sie die Familie von Emilia Pérez (preiswürdige Doppelrolle: Karla Sofía Gascón), wie sich Manitas nun nennt, zurück nach Mexiko befördern. Emilias Frau Jessie (Selena Gomez) glaubt ihren Mann tot. Jessie ist auch nicht begeistert, zu einer matronenhaften Cousine zurück nach Mexiko zu ziehen. Sie tut es doch, einem Ex-Lover zuliebe. Das Leben geht weiter, Emilia gründet mit Rita eine NGO, die die Opfer von Kartellkriminalität ausfindig macht. Sie wird zur Wohltäterin, verliebt sich und muss sich dann doch einem letzten Showdown stellen, denn die Gewalt und Geldgier um sie herum'' hat sich unbeeindruckt von ihrer persönlichen Transformation gehalten.

Die Stars von "Emilia Pérez": Selena Gomez, Zoe Saldana und Karla Sofia Gascon.
EPA/ANDRE PAIN

Das ist großes Kino mit fantastischen Musicalnummern. Und auch wenn man an Pedro Almodóvar, an die Oper Carmen oder Leos Carax' Musical Annette denken mag, wagt Audiard doch etwas Neues. Das liegt daran, dass Audiard, der eigentlich ein Sozialrealist ist – mit dem Gefängnisdrama Un Prophète und dem Migrationsmelodram Deephan gewann er bereits Preise in Cannes –, seinen Film ernst nimmt. Er flieht weder in die Fantasie noch in die Parodie.

Und genau deshalb nimmt man Emilia Pérez die soziopolitischen Themen ab: Transidentität und die Frage, ob das Verflüssigen der Geschlechtergrenzen nicht auch eine Kur für gefährliche Stereotype wie männliche Gewalt sein kann. Die Kartellkriminalität in Mexiko, die mehrere Tausend Vermisste zur Folge hat. Und die Rolle einer jungen, schwarzen Latina im Justizsystem Mexikos, das gegen Frauenmorde nichts ausrichten kann. Angesichts der Tatsache, dass die musicalaffine, feministische Barbie-Regisseurin Greta Gerwig Jurypräsidentin ist, darf man davon ausgehen, dass es für Emila Pérez Preise geben wird.

Margaret Qualleys Beine

Margaret Qualley Cannes
Margaret Qualley spielt heuer in "The Substance" (Bild) und in "Kinds of Kindness" mit.
Filmfestspiele Cannes

Äußerst lau wurde indes der neue Film von Yorgos Lanthimos angenommen. Kinds of Kindness ist ein dreiteiliger Episodenfilm mit Emma Stone, Willem Dafoe, Jesse Plemmons und Margaret Qualley. Lanthimos distanziert sich hier von seinen Ausflügen ins Kostümfach (Poor Things), stattdessen inszeniert er reduzierte Fabeln, die sich an seinem Frühwerk der Greek Weird Wave orientieren. Verwechslungen, Abhängigkeiten und Fleischeslust definieren diese drei Filmchen. Das wirkt wie ein Möchtegern-Cronenberg-Film (der seinen Neuling am Montagabend präsentiert) ohne doppelten Boden. Flach und prätentiös, im schlimmsten Fall sexistisch.

Gut, dass Margaret Qualley, an deren langen Beinen schon Quentin Tarrantino Gefallen gefunden hat, ihre Objektifizierung in Christine Fargeats feministischem Bodyhorror The Substance sogleich parodieren darf. Dort presst sie sich an der Seite einer großartigen Demi Moore in ein riesiges Frauenmonsterkostüm und bespritzt ein schaulustiges Publikum mit Blutfontänen. Das macht Spaß und ist nach Kinds of Kindness eine notwendige Katharsis. (Valerie Dirk aus Cannes, 20.5.2024)