Amsterdam macht es, Venedig und Barcelona tun es auch: Die Städte ergreifen gröbere Maßnahmen, um den Zustrom an Gästen einzudämmen. Amsterdam mit 21 Millionen Hotelübernachtungen im Vorjahr schiebt etwa neuen Hotels den Riegel vor. Im Sommer 2021 legte die Stadtregierung eine Tourismusquote fest. 18 Millionen Besucher pro Jahr, mehr sind nicht erwünscht. Es gibt ein Bündel an Ideen, um der Massen Herr zu werden: verschärfte Regeln im Nachtleben, keine Touristenbusse im Zentrum und vieles mehr. Venedig versucht sich neuerdings an einem Tagesticket um fünf Euro. Auch die katalanische Tourismusmetropole Barcelona dreht an vielen Schrauben, um den Tourismus verträglicher und einträglicher zu machen.

Doch wann ist der Tourismus zu viel? "Wenn der Lebensraum der Bewohner und Bewohnerinnen so beeinträchtigt wird, dass sie ihrem Alltag, dem Arbeiten und Wohnen nicht mehr nachgehen können", sagt Cornelia Dlabaja. Die Stadt- und Tourimusforscherin an der FH der Wirtschaftskammer Wien beschäftigt sich schon lange mit dem Thema – wie mittlerweile viele Tourismusorganisationen und die Politik auch. Gezwungenermaßen. Vielerorts trösten die Einnahmen aus dem Tourismus die Einheimischen nicht mehr darüber hinweg, dass Preise explodieren, Wohnraum knapp wird, ein Alltag kaum möglich ist.

Wirtschaftsfaktor

Auch in Österreich ist der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftszweig. Die touristischen Einnahmen 2023 bemaß jüngst eine Analyse der Bank Austria auf fast 31 Milliarden Euro. Ausländische Gäste trugen laut Außenhandelsbilanz 23,1 Milliarden bei. Tourismus bringt Wohlstand und Jobs. Je mehr Touristen, umso größer der Einfluss auf Wirtschaft und Gesellschaft.

Touristen und Touristinnen in der Wiener Innenstadt.
Gekommen, um nicht zu bleiben: Viele Gäste schauen an manchen Destinationen auf der Jagd nach schicken Fotomotiven vorbei. Dass hier Menschen leben und arbeiten, wird oft übersehen.
APA/TANJA UNGERBÖCK

Das Verhältnis touristischer Nächtigungen zur Einwohnerzahl wirft ein Schlaglicht auf das Geschehen. Österreich liegt mit 17 Nächtigungen pro Kopf, davon zwölf Nächtigungen durch ausländische Gäste, weit über dem EU-Schnitt von 6,4. Die Spitzenreiter sind Kroatien und Island mit mehr als 20 Nächtigungen. Der Durchschnitt sagt ohnehin wenig über die Betroffenheit in Regionen und Städten aus. Hallstatt bringt es im Sommer auf 137 Nächtigungen pro Einwohner, Maria Alm auf 211. Ab einem Wert von 200 spricht man von hoher Tourismusintensität für Gemeinden. Spitzenreiter im Sommer ist Weißensee mit 464, im Winter Untertauern mit 1616. Warum führt das dort nicht zu den gleichen Debatten wie in Hallstatt?

Verdrängung der lokalen Bevölkerung

In Hallstatt gibt es kein Ausweichen, sagt Wifo-Forscherin Anna Burton. Dazu komme, dass in diesen Zahlen die Tagesgäste nicht berücksichtigt seien. Hallstatt hat viele davon. Nicht nur in Hallstatt, auch andernorts versucht man zuallererst, mit Verkehrskonzepten gegenzusteuern. Und Wien? Die Hauptstadt ist von Overtourism weit entfernt, auch wenn Citybewohner das anders sehen. In Wien mit seinen rund 1,9 Millionen Einwohnern auf einer Fläche von rund 415 Quadratkilometern fallen die 17 Millionen Nächtigenden weniger ins Gewicht als die 21 Millionen im flächenmäßig halb so großen Amsterdam mit rund 820.000 Einwohnern. "Wien wird definiert als Stadt, wo es zu Dichtephänomenen kommt", sagt Forscherin Dlabaja. Zu viele Leute auf einmal, die den Stephansdom von außen umkreisen oder den Albertinaplatz bevölkern. Kommt vor – aber nur im ersten Bezirk, sagt Dlabaja. Mit ein Grund, dass die "Stadt den Tourismus trägt", seien auch die ökonomischen Verhältnisse – anders als in Hallstatt oder Venedig, wo es auch zu Verdrängungsprozessen der lokalen Bevölkerung komme.

Ein Mann karrt in Venedig das Gepäck der Gäste durch die Stadt. 
Venedig versucht es nun mit einer Eintrittsgebühr von fünf Euro für Tagesgäste. Die Menschen wird das wohl kaum davon abzuhalten, die Lagunenstadt zu besuchen.
AP/Luca Bruno

Der erste Bezirk habe eine Geschichte wie viele Altstadtkerne, sagt Dlabaja. Es gibt gut 16.000 Einwohner, um die Jahrhundertwende waren es viel mehr. "Der Stadtkern hat sich zu einem Wirtschaftsstandort transformiert mit Banken, Firmensitzen, Stadthotellerie, Gastronomie." Der öffentliche Raum werde vor allem touristisch genützt. Die Bewohner seien – auch angesichts der rasant gestiegenen Immobilienpreise – schon weg gewesen, ehe die Massen dank Billigfliegern und Airbnb gekommen seien.

Standort gestalten

Was den Tourismus betrifft, so findet Dlabaja ohnehin, dass Wien mit der sogenannten Visitor-Economy-Strategie das Beste hat, was es derzeit in diesem Feld gibt. Es gehe dabei nicht nur um Wertschöpfung, sondern um die Frage: Wie kann ein Standort so gestaltet werden, dass es auch für die Bewohnenden passt? Ihr Auftrag ist es, sich mit verschiedenen Stakeholdern nun den Albertinaplatz, den Michaelerplatz, den Helden- und den Schwedenplatz in der City genau anzuschauen.

Ideen hat Dlabaja schon jetzt. "Beim Heldenplatz stelle ich mir vor, dass das kein Parkplatz ist. Er könnte auch für die Anrainer nutzbar gemacht werden." Trivial sei das nicht. Wifo-Forscherin Anna Burton pflichtet bei. "Es braucht ein umfassendes Paket, man muss wohl mehrere Sachen ausprobieren." Das Tagesticket in Venedig werde wohl nicht viele davon abhalten, zu kommen, aber man bekomme einen besseren Überblick über die Gäste und könne daraus Schlüsse ziehen. Ob es die richtigen sind, muss sich weisen. So habe eine Bettenobergrenze in Barcelona dazu geführt, dass im Umkreis zahlreiche Hotels entstanden sind. (Regina Bruckner, 21.5.2024)