Trotzdem Bach: Daniil Orlov spielt dessen Chaconne einhändig
Trotzdem Bach: Daniil Orlov spielt dessen Chaconne einhändig.
Fabian Hammerl

Der Pianist spielt linkshändig. Nicht weil er keine rechte Hand hätte – selbige ist nur per Handschellen an einen Sicherheitssoldaten gebunden, der gelangweilt an seinem Handy herumfummelt, während der Pianist den Gipfelpunkt barocker Geigeninspiration, Bachs Chaconne, mit der linken Hand spielt – in der Klavierversion von Johannes Brahms.

Man sieht: Kirill Serebrennikovs Barocco ist keine reine Jukebox altehrwürdiger Musikwunder. Als Produktion, die in ihrer ersten Fassung 2018 noch in Moskau uraufgeführt wurde, als Serebrennikov längst unter Hausarrest stand, will Barocco eine assoziationspralle Szenenfolge sein, die Kunst als Akt der Selbstbehauptung und Freiheit zelebriert.

Zugleich ist die Produktion aber auch eine Hommage an jene historischen Personen, denen repressive politische Verhältnisse offenbar mehr Schmerzen bereitet haben als jenes Feuer, dem sie sich selbst auslieferten.

Geschichte des Prager Studenten

Es herrscht also eine Überfülle an Themen und Formen: Exaltierter Tanz, bis zur Raserei sich steigerndes Schauspiel und Videoprojektionen bilden mit der Barockmusik jene ästhetischen Elemente, die etwa die Geschichte des Prager Studenten Jan Palach einrahmen. Er verbrannte sich 1969 aus Protest gegen die Zerschlagung des Prager Frühlings.

Serebrennikovs Musiktheater mixt extrem viele Ebenen, zitiert ohne Unterlass und ist leider quasi versucht, nichts auszulassen. Der rote Faden der Produktion verbrennt so im Feuer der Ideenfülle. Da sind stille Momente, in denen etwa Victoria Trauttmansdorff als Palachs Mutter klagt. Da sind Slapstickszenen, die bei Tilo Werner zu einer Art heiterem Songmedley werden, das sich dem Todesthema widmet. Spätestens wenn der sympathische Jowey seinen leichtfüßigen Auftritt absolviert, verliert sich das Stück aber im Labyrinth der Einzelteile. Da geht es auch um die Letzte Generation, ebenso wie um Andy Warhol und jenes von Valerie Solanas begangene Attentat und allzu vieles mehr.

Starke Gesten

Dennoch ein einprägsamer Abend, dessen Bilder punktuell bleibende Strahlkraft aufweisen. Jener Pianist (Daniil Orlov), der im Akt der Selbstbehauptung Bachs Chaconne in die Tasten hämmert: Mit ganz wenigen Gesten kann Serebrennikov seine Botschaften ins ästhetisch Substanzvolle überführen.

Und Kompositionen von Henry Purcell und weiteren barocken Größen wie Monteverdi, Händel und Rameau geben dem Ganzen auch musikalisch reizvolle atmosphärische Ummantelung. Originalklangpurismus stand, trotz guter vokaler Leistungen, hier letztlich natürlich nicht im Vordergrund. (Ljubisa Tosic,21.5.2024)