Wagner Staatsoper Meistersinger
Beckmesser (Martin Gantner, re.) bei der Arbeit nach Vorschrift: fulminanter Wagner-Gesang im Haus am Ring.
Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Ein wenig fürchtet man sich ja immer vor den Meistersingern. Fünfeinhalb Stunden, das sitzt man nicht mal eben schnell auf einer Pobacke ab. Dann die Deutschtümelei … die antisemitische Konnotation der Prügelszene im zweiten Aufzug wird übrigens im aktuellen Monatsmagazin der Staatsoper beleuchtet, im Hinblick auf den Festakt zur Wiedereröffnung des Hauses 1955.

Zum Fürchten geriet am Pfingstsonntag das Vorspiel unter der Leitung von Philippe Jordan: behäbig, elanbefreit und wackelig, das Blech zu laut. Ein Tiefpunkt. Doch von nun an ging's bergauf. Gleich der erste, beseelte Chorauftritt berührte, und auch solistisch schien bald die Sonne. Nach seinen (gefeierten) Auftritten als Lohengrin wurde David Butt Philip auch als Walther von Stolzing dank seines geschmeidig-güldenen und auch leistungsstarken Tenors zum vokalen Strahlemann. Wie nuanciert und wendig der Brite zu singen vermag! Und wie spontan er agiert! Ein Geschenk. So wie die selbstbewusste Eva, von Hanna-Elisabeth Müller mit einem Alleskönnerinnensopran gezeichnet: Fülle, dramatische Kraft, Elastizität und öliger Schimmer, alles da.

Georg Zeppenfeld war als Hans Sachs ganz wohltemperierter Wohlklang, also tadellos, aber auch ein bisschen fad: der Thomas Schäfer-Elmayer der Wagner-Bässe. Da wirkte Michael Volle bei der Premierenserie 2022 wohl belebender. In jeder Hinsicht fulminant der Beckmesser von Martin Gantner. In der Mittellage ideal, obenrum mit stumpfem Pressing: Aktivposten Günther Groissböck als Veit Pogner. Aus Michael Laurenz schossen als David Spitzentöne wie Hochdruckfontänen, prägnant die verhärtete Magdalene von Christina Bock. Die Inszenierung von Keith Warner ist leichtgewichtig, das Finale erfreut mit Eiscremefarben. Jubel für alle. (Stefan Ender, 21.5.2024)