Sujetbild einer Schule mit zwei Kindern im Dunkeln
Bildungsminister Martin Polaschek (ÖVP) ortet ein großes Gewaltproblem an Österreichs Schulen. Die Zahlen aus der Kriminalitätsstatistik zeigen, dass der Anstieg angezeigter Fälle in Schulen und Bildungseinrichtungen zwischen 2019 und 2023 rund ein Prozent betrug.
Heribert Corn

Für Bildungsminister Martin Polaschek (ÖVP) war die Sache am Dienstagnachmittag glasklar: "Wir haben ein Gewaltproblem an österreichischen Schulen", konstatierte er in einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz. Die Sachlage sei erschreckend: "Wir nehmen diese Entwicklung sehr ernst." Der Grund für Polascheks Alarmismus sind Zahlen aus der Kriminalitätsstatistik, die das Innenministerium in einer parlamentarischen Anfragebeantwortung an FPÖ-Sicherheitssprecher Hannes Amesbauer veröffentlichte. Demnach ist die Kriminalität an Österreichs Schulen von 2021 auf 2023 in allen Bundesländern massiv gestiegen. Insgesamt stieg die Anzahl der Straftaten von 3363 auf 5984 Anzeigen.

In absoluten Zahlen ragt Wien heraus: Hier hat sich die Anzahl der angezeigten Straftaten von 962 auf 1932 verdoppelt. Beim Delikt Körperverletzung gingen die registrierten Anzeigen etwa von 196 auf 514 massiv nach oben. Im Bereich der schweren Körperverletzung haben sich die Fälle seit 2021 auf 25 verfünffacht. Der Großteil der strafbaren Handlungen an Schulen in Wien, konkret mit rund 1000 Fällen mehr als die Hälfte, betreffen aber Vermögensdelikte.

Bemerkenswert ist zudem, dass bei der Aufschlüsselung der Tatverdächtigen nach Nationalitäten jene mit einem nichtösterreichischen Pass in Wien mittlerweile überwiegen: Neben 704 Tatverdächtigen ohne österreichische Staatsbürgerschaft im Jahr 2023 gab es 558 mit einem österreichischen Pass. Im Jahr 2021 gab es noch knapp mehr österreichische Tatverdächtige als jene ohne einen österreichischen Pass. Relativ gesehen wurde der größte Anstieg an Straftaten in Schulen im Burgenland verzeichnet: Von 38 angezeigten Straftaten im Jahr 2021 erhöhte sich diese Zahl innerhalb von nur zwei Jahren auf 134.

Anstieg zwischen 2019 und 2023 beträgt ein Prozent

Was Polaschek bei seinem Auftritt vor den Medien nicht dazu sagte: Durch die Corona-Pandemie und Maßnahmen wie Schulschließungen kam es vor allem im Jahr 2021 bei den angezeigten Straftaten zu einer ordentlichen Delle: Es gab auch deutlich weniger Anzeigen als vor Covid. Um die Kriminalitätszahlen aus dem Jahr 2023 ohne Covid-Maßnahmen in Kontext zu setzen, lohnt ein Vergleich mit dem Jahr 2019: Aus einer früheren parlamentarischen Anfragebeantwortung, ebenfalls an die FPÖ, geht hervor, dass im letzten Vor-Corona-Jahr insgesamt 5912 angezeigte Straftaten an österreichischen Schulen verzeichnet wurden. Vergleicht man die Zahl von 2023 mit jener von 2019, beträgt der Anstieg österreichweit nur noch 1,2 Prozent. In einigen Bundesländern (Steiermark, Vorarlberg, Salzburg, Kärnten) kam es gar zu einem leichten Rückgang, während es einen vergleichsweise markanten Anstieg in Wien gab.

Diese Rechnung ließ Polaschek am Dienstag nicht gelten. Sich darauf zu berufen, dass die Zahlen im Vergleich zu 2019 "eh nicht so schlimm" seien, halte er für "zu wenig", sagte der Bildungsminister. Er kündigte an, die Prävention an Schulen zu stärken und verwies auf die Umsetzung der neuen Schulordnung: Ab dem Schuljahr 2024/25 muss etwa jede Schule ein verpflichtendes Kinderschutzkonzept samt Risikoanalyse umsetzen. Auch ein Kinderschutzteam sowie ein Verhaltenskodex werden an allen Schulen verpflichtend. Abseits davon brauche es bei Gewaltdelikten ein konsequentes Durchgreifen. "Wer sich nicht an die Regeln hält, wird mit voller Konsequenz bestraft", sagte Polaschek. Er pochte auch erneut auf eine Senkung des Strafmündigkeitsalters. (David Krutzler, 21.5.2024)