Sean "Puff Daddy" Combs mit Cassie Ventura in Los Angeles im März 2016. Zu der Zeit kam es zu dem Übergriff, der nun auf einem Überwachungsvideo aufgetaucht ist.
AFP/CHRIS DELMAS

"Genug ist genug", postete Sean Combs am 6. Dezember auf Instagram. Bedeutungsschwer in weißer Schrift auf schwarzen Grund gesetzt, erklärte der als Puff Daddy berühmt gewordene Rapper, Produzent und Unternehmer, er habe lange genug geschwiegen, lange genug zugesehen, wie seine Reputation und sein Charakter öffentlich zerstört würden. "Lasst mich das absolut klarstellen: Ich habe nichts von den schrecklichen Dingen getan, derer ich beschuldigt werde." Er werde für seine Namen kämpfen, für seine Familie und die Wahrheit.

Im November war Combs von seiner ehemaligen Lebensgefährtin Cassie Ventura auf 30 Millionen Dollar geklagt worden. Sie hat ihm vorgeworfen, sie sexuell misshandelt, geschlagen und zum Sex mit Prostituierten gezwungen zu haben, oft unter Drogen, die er ihr verabreicht haben soll. Kaum waren die Anschuldigungen aufgetaucht, waren sie schon wieder vom Tisch. Man habe sich freundschaftlich und außergerichtlich geeinigt, hieß es von den Anwälten Combs'. Wie teuer diese Einigung war, darüber vereinbarten die Parteien Stillschweigen.

Sean "Diddy" Combs apologizes after video of alleged attack is released
CBS Evening News

In der Folge tauchten drei weitere Frauen auf, die Combs Ähnliches vorwarfen, Dinge, die in den 1990ern geschehen sein sollen: Misshandlungen, sexuelle Gewalt. Auch der Musikproduzent Rodney Jones alias Lil Rod reichte eine Klage ein. Combs soll auch ihn sexuell belästigt und unter Drogen gesetzt haben. Combs hat diese Vorwürfe stets bestritten. Doch am Wochenende strahlte der amerikanische Nachrichtensender CNN ein Video aus, das Combs bisheriger Verteidigungsstrategie die Substanz nimmt.

Darauf sieht man ihn, wie er im Jahr 2016 im Gang eines Hotels in Los Angeles, nur mit einem Handtuch bekleidet, Ventura auf dem Weg zum Lift verfolgt, auf sie einschlägt, sie tritt, als sie auf dem Boden liegt, und sie um die Ecke schleift. Das soll im Anschluss an eine der von Ventura "Freak-offs" genannten Sexpartys passiert sein. Combs soll unter Drogeneinfluss gestanden sein und die Videoaufnahmen des Hotels später für 50.000 Dollar erstanden haben, um zu verhindern, dass sie an die Öffentlichkeit gelangen. Das hat nicht funktioniert.

"Unentschuldbares Benehmen"

In einem Statement der Polizei von Los Angeles wurde am Wochenende mitgeteilt, dass Combs für diese Übergriffe nicht belangt werden könne, sie lägen zu weit zurück. Combs wiederum veröffentlichte auf Instagram ein Video mit einer Entschuldigung. Er sei damals tief gefallen gewesen, sein Benehmen sei unentschuldbar. Es seien die dunkelsten Zeiten seines Lebens gewesen. Er sei angewidert von sich selbst. Er habe eine Therapie begonnen, einen Entzug gemacht. Er bitte nicht um Vergebung, das sei unentschuldbar, es tue ihm wirklich leid.

Cassie Ventura erwähnt er nicht namentlich, bei ihr entschuldigt er sich in dem Video nicht. Venturas Anwältin Meredith Firetog sagte zu CNN, in dem Video gehe es mehr um ihn selbst als um all die Leute, die er verletzt habe. Die Reaktionen auf das Hotelvideo und Combs Entschuldigungspost reichen von satirischen Verarschungen bis zum Unverständnis. Rapper 50 Cent, der mit Sean Combs schon lange im Clinch liegt, fühlt sich in seiner Einschätzung der Person Combs bestätigt und veröffentlichte ein Troll-Post mit einem Rap, der seine Abneigung Combs gegenüber zum Ausdruck bringt.

Die Reputation, die Combs noch im Dezember mit allen Mitteln schützen wollte, ist nach diesem Video nachhaltig beschädigt, seine Position in möglicherweise noch folgenden Anklagen nicht besser geworden. Zurzeit laufen gegen Combs in vier Fällen Ermittlungen, Anklage gibt es zum jetzigen Zeitpunkt keine.

Update: Neue Anklage

Update: Gegen den Hip-Hop-Mogul Sean "Diddy" Combs ist am Dienstag eine weitere Klage wegen des Vorwurfs der sexuellen Gewalt eingereicht worden. Das frühere Model Crystal McKinney beschuldigt Combs in ihrer am Dienstag bei Gericht eingebrachten Klage, sie im Jahr 2003 in seinem New Yorker Studio unter Drogeneinfluss gesetzt und sie dann auf der Toilette zum Oralsex gezwungen zu haben.

Die damals 22-Jährige verlor der Klageschrift zufolge danach das Bewusstsein. Als sie aufgewacht sei, habe sie sich in einem Taxi befunden. Erst zu diesem Zeitpunkt habe sie festgestellt, von Combs "sexuell angegriffen" worden zu sein. Combs Anwälte wollen die Klage bekämpfen, das sie über ein Gesetz eingebracht wurde, das "Victims of Gender-Motivated Violence Act" heißt. Für eine Anklage wegen sexueller Nötigung sei es zu spät, die mögliche Tat verjährt. Combs Anwälte wollen verhindern, dass ihr Mandant über ein Gesetz belangt wird, nach dem eine Anklage möglich wäre. (Karl Fluch, 21.5.2024)