Roy Cohn (stark: Jeremy Strong aus
Roy Cohn (stark: Jeremy Strong aus "Succession") und Donald Trump (Sebastian Stan) in "The Apprentice".
Filmfestival Cannes

Die zweite Cannes-Woche begann politisch. Und nein, es ist nicht zu einem MeToo-Eklat gekommen. Niemand verlas Anklagen, keine Liste wurde publik. Politisch wurde es durch zwei Filme im Wettbewerb, die sich umstrittener Persönlichkeiten annehmen. Wegen einer Prozessdrohung durch Donald Trump fällt der Löwenanteil der Aufmerksamkeit gerade dem iranisch-dänischen Regisseur Ali Abbasi zu. Sein Film The Apprentice, der am Montag Weltpremiere feierte, widmet sich den Ziehjahren des jungen Donald Trump im New York der späten 1970er- und beginnenden 1980er-Jahre. Das Skript stammt vom Journalisten Gabriel Sherman, der eine Bestseller-Biografie über den Fox-News-Gründer Roger Ailes mit dem Titel The Loudest Voice in the Room geschrieben hat. Laute Menschen am rechten Rand des politischen Spektrums finden sich denn auch in The Apprentice wieder.

Zu aller Überraschung ist das anfangs nicht Donald Trump, der kongenial reduziert vom diesjährigen Berlinale-Gewinner Sebastian Stan verkörpert wird. Donalds Haar ist noch nicht senfgelb, seine Haut noch nicht orangefarben. Mit frischem Teint und goldblondem Schopf macht der junge Mann zu Filmbeginn die Bekanntschaft von Roy Cohn (stark: Jeremy Strong), einem berüchtigten Anwalt, der den Prozess gegen die Rosenbergs führte und mit einflussreichen Republikanern befreundet ist.

Sebastian Stan,
Sebastian Stan (Donald Trump), "The Apprentice"-Regisseur Ali Abbasi und Maria Bakalova (Ivana Trump) in Cannes.
REUTERS/Yara Nardi

Die Begegnung ist schicksalhaft. Bald schon wird Trump zum Vertrauten des Anwalts, der möglicherweise auch einen Narren an dem blonden, blauäugigen Immobilienerben gefressen hat. Denn Cohn ist schwul, natürlich nicht offen, und er hat eine Sammlung an schmutzigen Geheimnissen anderer Leute, die ihm helfen, seine Prozesse zu gewinnen. Er ist ein Gewinner. Kein Loser. Das ist schon die erste Lektion, die er dem fügsamen Donald beibringt. Außerdem steckt er ihn in einen teuren Anzug, der trotz des dicken Hinterns, wie er abschätzig bemerkt, gut sitzt. Und er lehrt ihn die Regeln, die zu Reichtum und Macht führen. Etwa: Selbst wenn du verlierst, bist du ein Gewinner. Oder: Streite alles ab, gib nichts zu.

Ein TV-Monster

The Apprentice leiht sich nicht nur den Titel von der gleichnamigen Reality-TV-Show, die Donald Trump Anfang der 2000er-Jahre eine zweite Karriere beschert hat, der Film wendet selbst TV-Ästhetik an. Die Kamera ist ultrabeweglich, und das Bild ist fern von High-Definition-Ästhetik. Der Song Yes Sir, I Can Boogie wird zur Hymne Donalds, der mit Cohns Hilfe alle Hindernisse überwindet und gemeinsam mit Ivana (eigensinnig: Maria Bakalova) zum Celebrity-Power-Couple des New York der Reagan-Ära wird. Stichwort: Steuererlass für megalomanische Bauprojekte.

Ali Abbasi, der in seinen gefeierten Vorgängerfilmen Border und Holy Spider bereits Monster verschiedenster Temperamente ins Licht rückte, ist eine erstaunlich zurückhaltende Charakterstudie über die umstrittenste politische Figur der USA gelungen. Erst im Laufe des Films entwickelt sich der beeinflussbare junge Mann schrittweise zu "The Donald", und seine Züge entgleisen immer mehr. Die Diätpillen sind eigentlich Amphetamine, der Bauch wächst, die Haare schwinden, und Ivana gefällt ihm nicht mehr. Dann wagt sich Abbasi an die wenigen Entgleisungen: Fett wird abgesaugt, die Glatze chirurgisch repariert, und Ivana wird Opfer einer Vergewaltigung durch ihren Noch-Ehemann. Solche Szenen dürften den Ex-Präsidenten nun zu der Drohung bewegt haben, gegen den Film zu klagen. Klage immer! Auch das ist eine der Lehren, die Cohn Trump laut The Apprentice beigebracht hat.

Ein rechter, russischer Punk

Der russische Dichter und Politiker Eduard Limonov steht im Zentrum des zweiten Cannes-Biopics, das der Opernregisseur Kirill Serebrennikov nach der Vorlage eines Romans von Emmanuel Carrère mit einem unzuverlässigen Erzähler inszeniert. Der Dichter wird als freiheitsliebendes Enfant terrible porträtiert, das sich überall eingeengt fühlt. Sein Ziel: totale Freiheit, schöne Frauen, der Exzess. Nur leider ist er arm, das kommt ihm nicht zugute, als er in den 1970er-Jahren in einem New York wie aus Taxi Driver ankommt.

Kirill Serebrennikov, Limonov. Rauchender Mann im weißen Anzug vor gelben Taxi im New York der 1970er-Jahre.
Limonov (Ben Wishaw) im New York von Martin Scorsese.
Filmfestival Cannes

Nach dem Fall der Sowjetunion kehrt Limonov als glühender Verächter des Kapitalismus zurück nach Russland, gründet dort eine rechte Partei, die Nation und Bolschewismus verehrt. Als Punkversion Putins könnte man das Limonov-Porträt von Serebrennikov deuten, das der Faszination für seine querdenkende Hauptfigur allerdings über weite Strecken erliegt.

Ein Dorf in Somalia

Ganz andere Töne schlägt Mo Harawe in seinem Regiedebüt The Village Next to Paradise an, das in der Sektion "Un Certain Regard" läuft. Wie in seinen letzten Kurzfilmen begibt sich der somalischstämmige, in Wien lebende Regisseur wieder in sein Herkunftsland und fächert ein feines Porträt einer dort lebenden Patchwork-Familie auf. Ein älterer Mann, sein Kind – das sich später nicht als sein eigenes herausstellt – und die Schwester des Mannes, die sich gerade in einer Scheidung befindet: Sie alle schlagen sich durch den Alltag. Geld wird in dicken Bündeln gezählt, Möglichkeiten, es zu verdienen, werden beständig gesucht.

Als die Schule in dem kleinen Dorf schließt, wird der Bub aufs Internat in der Stadt geschickt. Das führt zur Entfremdung zwischen Vater und Sohn, eröffnet Letzterem aber neue Chancen. Am Ende geht es um die Schwester, die bis dahin im Hintergrund behände an ihrem Traum gearbeitet hat. Harawe filmt das mit einer äußerst klaren Bildsprache, die den Figuren vor der Kamera Zeit gibt, ihre Beziehungen zu entfalten. Ein selbstbewusstes und poetisches Debüt, dessen politische Dringlichkeit in den Zwischentönen liegt. (Valerie Dirk aus Cannes, 21.5.2024)