Wer an diesem Pfingstwochenende nicht im Stau gestanden oder sich beim "Tutto Gas" in Lignano nicht den Schädel zugesoffen hat, wird vielleicht ein paar Stunden in der Natur verbracht haben. Sie ist in Österreich immer noch beeindruckend und scheinbar in weiten Strecken unangetastet. Man muss allerdings etwas genauer hinsehen – und dann erkennt man, dass es in vielen Bereichen eine begradigte, zubetonierte, angeknabberte, "hergerichtete" Natur ist, eine aus zweiter Hand. Die auch ständig immer weiter eingeschränkt oder "verschlimmbessert" wird.

Bergige, bewaldete Landschaft, leichter Nebel
In Europa wurde zu viel Natur zerstört, jetzt wird um die Trendwende gerungen.
Foto: Imago Images / Silas Stein

Die Erkenntnis, dass in Europa zu viel Natur denaturiert wurde, hat die EU zum sogenannten Renaturierungsgesetz bewogen, das im Wesentlichen darauf hinausläuft, "echte" Natur wiederherzustellen: Flüsse zu entgradigen, ausgetrocknete Moore wieder zu bewässern, Monokulturwälder wieder diverser und damit gegen Schädlinge und die Erderhitzung widerstandsfähiger zu machen.

Dagegen ist in Österreich der sogenannte Hausverstand aufgestanden. In den Bundesländern haben sich die Vertreter der Agrarindustrie, der Wiesenbetonierer und der Umwidmungskaiser gemeldet und haben das Gesetz blockiert. Das geht aufgrund der Rechtslage. Wenn aber innerösterreichisch keine Zustimmung zustande kommt, dann kann auch Österreich in der EU nicht dafürstimmen. Das Unglück will es aber, dass Österreich hier das Zünglein an der Waage ist. Seine Stimme wäre für eine Mehrheit notwendig.

Alarmierende Erkenntnisse

Aus diesem Grund fordert der Umweltdachverband jetzt, dass die Bundesländer ihre Blockade aufgeben. Die Bundesländerkonferenz der Naturschutzlandesrätinnen und -räte verhandelt diese Woche neuerlich das "Nature Restoration Law" (NRL). Franz Maier, Präsident des Umweltdachverbands, weist darauf hin, dass sich "eine Vielzahl österreichischer Wissenschafter:innen und de facto die gesamte Fachwelt" dezidiert für das NRL ausgesprochen hätten und explizit vor den fatalen Folgen im Fall seines Scheiterns warnten. "Wir brauchen es dringend, um die Klimaziele zu erreichen und den Trend des Artensterbens umzukehren."

Tatsächlich haben jetzt die beiden sozialdemokratisch regierten Bundesländer Wien und Kärnten erklärt, sie würden die Blockade aufgeben (das ebenfalls SP-regierte Burgenland nicht). Es wird spannend, ob sich die anderen dazu entschließen können, ebenfalls über die landwirtschaftlichen Lobbyverbände, die Bürgermeister und generell über die Naturgleichgültigen hinweg eine Entscheidung zu treffen. Umweltdachverbandschef Maier sagt, dass die anfangs berechtigten Bedenken der Land- und Forstwirtschaft berücksichtigt würden. Das Gesetz schaffe keine Verpflichtung für die Grundeigentümer, landwirtschaftliche Flächen stillzulegen. Aber das Gesetz sei entscheidend für den Kampf gegen das Artensterben und für Klimaschutz.

Irgendwer in der ÖVP hat von "Umweltschutz mit Hausverstand" oder "Augenmaß" gesprochen. Das ist eine populistische Phrase für die Weiter-so-Anhänger, nicht mehr. Der Fachverstand hat da ganz andere, alarmierende Erkenntnisse, und wer hinaus in die Natur geht, kann das ohne große Mühe nachvollziehen. (Hans Rauscher, 22.5.2024)