Zu sehen ist eine einzelne schwarze Taste einer Tastatur, darauf eine weiße Aufschrift
Die digitale Welt nie betreten müssen? Oder doch Unterstützung für den Umgang mit ihr bieten?
Foto: Getty Images / Salih Deniz

Ich sehe in der Digitalisierung große Vorteile auch für ältere Menschen und wehre mich ebenso massiv gegen die in Verbindung mit ihr drohende Diskriminierung. Letztere betrifft nicht nur Menschen über 60 Jahre, sondern viele andere, die sich aus egal welchen Gründen in der digitalen Welt nicht zurechtfinden oder keinen Zugang zu dieser haben.

Ein "Recht auf analoges Leben", wie es die SPÖ unter Parteichef Andreas Babler fordert, halte ich allerdings nicht für sinnvoll, ja sogar für rückschrittlich. Denn die Zukunft ist digital, und es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass auf dem Weg in diese Zukunft niemand zurückgelassen wird. Das geht aber nur, wenn die Menschen einerseits genügend Zeit und Möglichkeiten haben, digitale Kompetenz aufzubauen, und gleichzeitig bis dahin auch analogen Zugang zu Förderungen und alltäglichen Leistungen und Diensten bekommen. Diese Übergangszeit wird sicherlich noch zehn bis 15 Jahre dauern. Bis dahin fordere ich eine "Parallelwelt" ein: digital und analog.

Vorteile nutzen

Es muss uns allen bewusst sein, dass sich die Digitalisierung nicht aufhalten lässt. Daher muss man lernen, "die Welle zu reiten" und die Vorteile zu nutzen. Der Digitalisierungsgrad der Bevölkerung ist unbestritten niedrig. In Österreich hat man die Digitalisierung – gut gemeint – vorangetrieben und, anstatt die "Zielgruppe", nämlich die Bürgerinnen und Bürger, digital fit zu machen, auf ein digitales Pfingstwunder gewartet, durch das sie durch göttliche Eingebung digital firm werden. Doch so funktioniert das nicht. Das wurde auch erkannt. Der aktuelle Plan, österreichweit 4500 Workshops zu veranstalten, kommt spät, ist aber zumindest ein Schritt in die richtige Richtung. Ihm müssen rasch weitere folgen.

Die Folgen dieses Versäumnisses gehen weit über die Frage hinaus, ob ein Antrag auf eine Förderung online oder per Post gestellt wird. Leistungen in Gesundheit und Pflege werden zukünftig ebenfalls verstärkt digital erfolgen, weil Personal fehlt, weil die Kosten explodieren, weil Kassenstellen von Allgemeinmedizinerinnen und Allgemeinmedizinern nicht nachbesetzt werden können, weil Menschen mit digitaler Unterstützung weiterhin und länger in den eigenen vier Wänden leben können statt im Heim, weil, weil, weil …

Die Menschen mitnehmen

Anders lief es in Estland. Dort erkannte man nach der Erringung der Unabhängigkeit von der Sowjetunion, dass der Aufbau und Unterhalt einer traditionellen, analogen Verwaltung für das kleine Land mit 1,4 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern zu teuer kommt. Die Politik setzte daher auf "e-estonia", den digitalen Staat. Der Zugang der Bürgerinnen und Bürger zur Digitalisierung ist im Grundrecht verankert. Und der Staat tat und tut alles, um die Menschen auf diesen Weg mitzunehmen: flächendeckende, schnelle Internetanbindung, kostenloser Zugang im öffentlichen Raum bis zur letzten Waldlichtung und – die vermutlich wichtigste Voraussetzung für den Erfolg – digitale Kenntnisse für alle. Seit den frühen 1990er-Jahren gab es kostenlos Kurse, in denen man den Umgang mit Computern erlernte. Eines der Programme, in dem hunderttausende Menschen digitale Kompetenz erwarben, finanzierte übrigens die Privatwirtschaft, wohlwissend, dass sie selbst davon profitiert. Der Zugang zu den Services wurde bewusst einfach gestaltet, damit wirklich jede/r damit umgehen kann.

Deshalb denke ich, dass uns eine "Analog-Garantie" langfristig nicht weiterbringt und dass die Menschen – vom Schulkind bis zum Pensionisten – jede Unterstützung, um digital fit zu werden, bekommen müssen. Bis dahin müssen aber auch alle die Möglichkeit bekommen, analog zu leben, um nicht zurückgelassen zu werden.

Wir brauchen daher kein Recht auf analoges Leben, sondern die Möglichkeit einer analogen Übergangszeit in eine digitale Welt. (Ingrid Korosec, 22.5.2024)