Mitglieder der Freiheitlichen Jugend Wien bei einer Straßenblockade der Letzten Generation nahe dem Wiener Naschmarkt.
APA/EVA MANHART

Wenn Dominik über Politik spricht, wirkt er zurückhaltend, fast schüchtern. Aber in seinen Ansichten lässt er sich nicht erschüttern. Das Land stehe am Abgrund, und schuld daran seien ÖVP und Grüne. "Die Bundesregierung hat bei mir in allen Themen versagt", sagt der 20-jährige Steirer im STANDARD-Gespräch. Das habe in der Corona-Pandemie begonnen, als er im Einzelhandel tätig war und sich mehrmals gegen seinen Willen habe impfen lassen müssen. Aber genauso schlimm sei es mit der Migration, der Teuerung und in allen anderen Politikfeldern. Doch glaubt Dominik zu wissen, wer das Land aus der Misere führen kann: die FPÖ. Ihr möchte er am 9. Juni bei der Europawahl seine Stimme geben. "Eine zweite Wahl habe ich nicht", sagt er. Die Partei sei für ihn alternativlos.

Damit ist Dominik nicht allein. Immer mehr junge Menschen wenden sich in Europa rechten Parteien zu. In Deutschland ist die AfD laut einer aktuellen Trendstudie die beliebteste Partei bei unter 30-Jährigen. Von den jungen Leuten, die eine Präferenz haben, würden sie 22 Prozent wählen. Vor zwei Jahren waren es nur neun Prozent. In Frankreich zeichnet sich ein ähnlicher Trend ab. Dort erzielt der Rechtspopulist Jordan Bardella bei der jungen Generation Spitzenergebnisse. Unterliegt auch die österreichische Jugend einem Rechtsruck?

FPÖ attraktivste Partei für Junge

Zumindest deutet der kürzlich publizierte Jugend-Trendmonitor darauf hin. Demnach empfinden 18 Prozent der 14- bis 29-jährigen Österreicherinnen und Österreichern die FPÖ als attraktivste Partei, gefolgt von der Bierpartei mit rund 16 Prozent. Das ist noch immer weniger als bei älteren Wählergruppen, denn insgesamt liegen die Blauen in Umfragen aktuell bei knapp 30 Prozent.

Jugend Trendmonitor von Marketagent / Der Standard

Bei dem Rechtsruck in Österreich handle es sich also um kein "Jugendphänomen", sagt Jugendforscher Matthias Rohrer. "Aber auch bei jungen Menschen in Österreich ist die FPÖ mittlerweile eine etablierte Partei.“

Ein Wandel in der politischen Orientierung bei jungen Erwachsenen bahne sich in Österreich schon länger als in Deutschland an, sagt Rohrer. In den 2010er-Jahren seien die stärksten Parteien bei den unter 30-Jährigen die Grünen und die FPÖ gewesen. Das habe sich mit Sebastian Kurz geändert. Er hat "junge Wählerinnen und Wähler" angesprochen. Sein Engagement schlug sich bei den ÖVP-Ergebnissen in der letzten Nationalratswahl nieder. Damals erreichte die ÖVP bei unter 30-Jährigen 27 Prozent. Die FPÖ lag bei 20 Prozent in dieser Altersgruppe.

Spielen mit Triggerpunkten

Jetzt profitiere die FPÖ auch bei der jungen Generation von der Schwäche der ÖVP in der Regierung, glaubt Rohrer. Aus dem Pool jener Wählerschaft, die gemeinsame Ansichten beider Parteien vertritt, gewann die FPÖ kürzlich viele junge Stimmen für sich. Sie schaffe es gut, "Triggerpunkte zu bespielen". Damit meint er, die Blauen adressieren junge Sorgen rund um Migration, steigende Preise und Sicherheit. Auch meistern sie es, sich neben Bierpartei und KPÖ als Protestpartei einzuschmeicheln. Dabei vermitteln sie ihrer Wählerschaft das Gefühl, dass sie mit einem Kreuz bei der FPÖ anderen Parteien einen "Denkzettel" verpassen könne.

Dennoch gingen unter jungen Erwachsenen wie im Rest der Bevölkerung die politischen Meinungen stark auseinander. Ein Teil der Mitte-rechts-Fraktion rutsche weiter nach rechts, sagt Rohrer und ergänzt: Für Junge, die überdurchschnittlich enttäuscht von der Politik sind oder die kein politisches Angebot finden, wirkt die FPÖ wie eine attraktive Alternative. Aus dem linkskonservativen Spektrum lassen sich für die Partei wohl weniger Wählerstimmen fischen.

"Anspruch Mehrheit der Jugend" zu repräsentieren

Mit dem Höhenflug der FPÖ bei jungen Menschen rühmt sich der Bundesgeschäftsführer der Freiheitlichen Jugend, Laurenz Barth: "Wir erheben schon den Anspruch, die Mehrheit der Jugend in Österreich zu repräsentieren", erzählt er dem STANDARD bei einer Tasse Schwarztee im Wiener Café Eiles. Schließlich sei der Großteil der Jugend patriotisch und beschäftige sich mit dem "Bevölkerungsaustausch". Mit dem Begriff bezeichnet er eine Gesellschaft, die sich durch Migration wandelt. Junge Leute, denen Klimaschutz wichtig ist, seien in der "Minderheit". Allerdings befindet sich der Klimawandel laut dem Jugend-Trendmonitor unter den top fünf der Sorgen junger Menschen.

Seit 2019 ist der 26-jährige Barth Parteimitglied bei der FPÖ. Er berichtet, wie die Partei ihn just durch den Ibiza-Skandal anzog: "Ich habe das als Anschlag auf die demokratisch gewählte Regierung betrachtet." Er ist überzeugt: Die Medien hätten über die Causa falsch berichtet. Dass bei der Affäre allen Anschein nach ein Teil der gewählten Regierung versuchte, suspekte Deals mit einer vermutlich russischen Oligarchennichte auszuhandeln, lässt Barth unerwähnt. Auch der Umgang mit der Flüchtlingskrise bewog Barth mehr zu "rechtem Denken". Dieses sei ohnehin viel spannender als "linkes Denken". Das sei nämlich "widersprüchlich", "langweilig" und "schrecklich".

Schlüsselthema Zuwanderung

Wer Dominiks politische Ansichten verstehen will, gelangt ebenfalls zum Schlüsselthema Zuwanderung. Auf Instagram kommentierte er einen Post der Freiheitlichen Jugend zu einer Veranstaltung über Remigration. "Vielleicht komme ich vorbei", kündigte er an. Seiner Erzählung nach prägte ihn ein Besuch in Wien, bei dem er eine Schlägerei "live" miterlebte. Sie sei zwischen zwei Migranten entstanden, wie er an der Sprache vernommen zu haben glaubt. "Ich mache mir Sorgen, dass die Situation schlimmer wird und sich auf ganz Österreich ausweitet", kommentiert er das Ereignis.

Das Thema Sicherheit treibe laut Rohrer vor allem junge Frauen nach rechts. Dabei überlassen andere Parteien den Freiheitlichen oft das Spielfeld. Tendenziell sei der junge FPÖ-Wähler zwar oft männlich, doch vergrößere sich die junge und weibliche Wählerschaft. Auch sei der Bildungshintergrund der jungen Wählerinnen und Wähler laut Rohrer sehr unterschiedlich: Es neigen zwar mehr Menschen mit niedriger formaler Bildung zu FPÖ. Aber eben nicht nur.

Fühlen sich nicht verstanden

In Deutschland scheint es laut dem Jugendforscher Simon Schnetzer ähnliche Gründe zu geben, warum ein Teil der Jugend nach rechts driftet. Aus den Daten der Jugendtrendstudie "hören wir eine große Enttäuschung mit der Regierung heraus". Junge Menschen fühlen sich in ihren Ängsten und Sorgen nicht verstanden. Ein Großteil von ihnen sorgt sich um die Inflation, Krieg und knappen Wohnraum. Allerdings sei auch Migration ein Thema, das viele umtreibt. 41 Prozent der Befragten verspürten Angst vor mehr Zuwanderung. "Mit diesen Ängsten spielt die AfD und verspricht einfache Lösungen, die verfangen", sagt Schnetzer. Sie habe sich noch nie in der Regierung diesbezüglich beweisen müssen. Das sei ihr Bonus.

Teuerungen und die wachsenden Mietpreise besorgen auch Dominik. Er befürchtet, dass es noch schlimmer kommen könne. "Es ist jetzt schon schwer, dass die Menschen sich was leisten können.“ Er findet, andere Parteien außer die FPÖ lassen die Österreicherinnen und Österreicher in ihrem Kummer alleine. Ihnen gehe es nur um Macht. An den Vorwürfen gegen die FPÖ, in russische Spionage verwickelt zu sein, sei nichts dran, sagt Dominik. Da werde nur versucht, die FPÖ "vor der Wahl runterzumachen". Ex-Verfassungsschützer Egisto Ott wird unter anderem vorgeworfen, für den russischen Geheimdienst FSB spioniert zu haben. Der damalige FPÖ-Abgeordnete Hans-Jörg Jenewein reichte Ott wohl sensible Informationen weiter.

Eine Frage der Kommunikation

Nicht nur adressieren rechte Parteien die Sorgen der jungen Generation, sie nutzen auch das richtige Sprachrohr. Beispielsweise sind FPÖ und AfD die erfolgreichsten Parteien auf Tiktok. "Auf Social Media treffen sie eine attraktive Zielgruppe", sagt die Social-Media-Forscherin Hannah Metzler. Dort erreichten sie junge Menschen, die das Gefühl hätten, nicht in der Gesellschaft repräsentiert zu sein. Ihnen gebe Social Media ein Stück Community, das sie in der realen Welt nicht bekämen. Populistische Parteien fokussieren sich auf diese Form von Kommunikation. Sie senden interaktive, unterhaltsame und emotionale Botschaften – machen eben das, was beliebt ist und funktioniert.

Punkten mit negativen Emotionen

Dabei ziehen rechte Parteien die Aufmerksamkeit der Userinnen und User vor allem durch negative Emotionen an, sagt Metzler. Beispielsweise funktioniere die Anti-Eliten-Strategie auf Social Media gut. Oder das Auflebenlassen alter Männlichkeitsideale. Damit erreichen AfD oder FPÖ junge Männer, die sich mit dem in der Gesellschaft akzeptierten Feminismus alleingelassen fühlen, und offerieren eine Antwort auf ihre Identitätsfrage.

Spiel mit Sorgen: Auf Instagram scheut sich die Freiheitliche Jugend nicht, mit dem Thema Depression neue Mitglieder anzuwerben.

Bei einem Treffen mit dem STANDARD erzählt der freiheitliche Jugendvertreter Barth etwas genauer, was es mit der Strategie seiner Partei auf sich hat: Auf Tiktok sei Shadow-Banning für die Freiheitliche Jugend ein Problem. Unpassende Inhalte zeigt die App weniger an. Deswegen laden sie die Videos in abgewandelter Form auf unterschiedlichen Accounts hoch. Welche Accounts er genau damit meint, lässt der FPÖler offen.

Außerhalb von Social Media hat die FPÖ laut Barth noch zwei weitere Strategien, junge Mitglieder anzuwerben: über Aktionen und Events wie Sportveranstaltungen. Dabei habe vor allem durch die Corona-Politik ein "Aufschwung stattgefunden". Bei den Corona-Demos auf dem Ring habe es laut Barth enormes Rekrutierungspotenzial für rechte Organisationen gegeben.

Den Jungen Zuversicht schenken

Wollen andere Parteien junge Wählerinnen und Wähler von ihren Positionen überzeugen, müssten sie laut Schnetzer auf Social Media präsenter sein. Das sei aber nicht der einzige Aspekt. Es sei versäumt worden, junge Menschen in Krisen wie der Corona-Pandemie zu beteiligen. Das sorgte für ein "starkes Ohnmachtsgefühl", meint Schnetzer. Als die Schulen zumachten, mussten Schülerinnen und Schüler das nehmen, was "sie an Digitalbildung bekommen". Sie konnten wenig mitgestalten. Besser funktionierte die Teilhabe junger Menschen an der Politik bei Fridays for Future. "Da haben junge Menschen starke Wirkung entfaltet." Schnetzer glaubt: Kann die junge Generation mitentscheiden, schöpft sie Zuversicht. Das könnte auch rechten Parteien einige Stimmen kosten. (Marie Kermer, 9.6.2024)