Eine neue Welt zu entwerfen oder jedenfalls ein neues Wien, diese Freiheit nimmt sich eine Ausstellung, die aktuell im Naturhistorischen Museum (NHM) Wien zu sehen ist. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht das Glacis, eine Freifläche rund um den ersten Wiener Bezirk, die von 1529 bis 1858 die Wiener Stadtmauer von den Vorstädten trennte. Seither ist das Gelände nach und nach verbaut worden und wird teilweise mehr, teilweise weniger optimal genutzt. Mit der aktuellen Ausstellung, die in Kooperation mit der Technischen Universität Wien durchgeführt wird, soll eine neue Diskussion über die Nutzung des einstigen Glacis entfacht werden, wie NHM-Generaldirektorin Katrin Vohland betont.

Entwürfe für Haus der Botanik
Studierende der Technischen Universität Wien haben Entwürfe für ein neues Haus der Botanik erarbeitet.
NHM Wien, Chloe Potter

Konkret haben Architekturstudierende der TU Wien Entwürfe für die Umgestaltung der Nachbarschaft des Naturhistorischen Museums entwickelt, insbesondere jener Bereiche, die aktuell für Parkplätze und Fahrspuren genutzt werden und früher einmal zu den grünen Freiflächen des Wiener Glacis gehörten. Auflage für die Entwürfe zur Neugestaltung war, dass ein neues Haus der Botanik darin Platz finden sollte, in dem sowohl die botanische Sammlung des NHM wie auch jene der Universität Wien unter einem gemeinsamen Dach untergebracht werden könnten.

Pflanzen als Thema der Zeit

"Für viele der Herausforderungen, die wir aktuell haben – sei es Anpassung an den Klimawandel, die Mitigation des Klimas, Klima- und Nachhaltigkeitsziele oder Nahrungsmittelsicherheit –, spielen Pflanzen eine zentrale Rolle", sagt Vohland. Insofern sieht sie die Botanik als "das Thema der Zeit". Um dem Thema in der Forschung und in der Öffentlichkeit mehr Sichtbarkeit einzuräumen, plädiert sie für den Bau eines neuen Hauses der Botanik.

"Die Idee ist mit der Universität Wien entstanden, und wir haben eine gemeinsame Vision entwickelt", sagt Vohland. Einen Auftrag habe es für den Denkanstoß zur Neugestellung des einstigen Glacis nicht gegeben. Eine Umsetzung ist derzeit auch nicht greifbar: Es gibt bisher weder politische noch finanzielle Zusagen. Die aktuelle Ausstellung zeigt einige der Entwürfe der Studierenden, die unter der Leitung von Gerhard Schnabl und Pier Paolo Tamburelli vom Forschungsbereich Gestaltungslehre und Entwerfen der TU Wien erarbeitet wurden, und will damit einen Diskussionsbeitrag leisten.

Botanische Sammlung NHM
Etwa 5,5 Millionen Objekte beherbergt die botanische Sammlung des Naturhistorischen Museums Wien.
NHM Wien, Rittmannsper

Komplizierte Eigentumsverhältnisse

Die Geschichte des Sammelns und Konservierens von Organismen wie Pflanzen, aber auch Pilzen und Flechten reicht weit zurück. Herbarien – als wissenschaftliche Sammlungen der Objekte – dienen in erster Linie der universitären Forschung und Lehre. Das Herbarium des NHM umfasst geschätzte 5,5 Millionen Objekte und wurde ursprünglich 1807 als kaiserliche Sammlung gegründet. Die genaue Anzahl der Objekte ist aber unbekannt, es sind auch nicht einmal zehn Prozent katalogisiert. Die Sammlung des NHM zählt jedenfalls zu den zehn größten botanischen Sammlungen der Welt. Vereint mit dem Herbarium der Universität Wien, laut Website im Jahr 1879 begründet und mit geschätzten 1,4 Millionen Herbarbögen von Pflanzen aus vielen Teilen der Welt in seinem Besitz, wäre ein Haus der Botanik ein Ort mit besonderer Strahlkraft. Es böte gleichzeitig die Möglichkeit, die Botanik auch sichtbarer zu machen, wie Vohland meint: "Das Thema kommt zu kurz, es ist auch schwer auszustellen." So sei es auch Teil der Vision, hier für Besucherinnen und Besucher attraktive Lösungen zu finden.

Ausstellung zum neuen Haus der Botanik
Eine aktuelle Ausstellung im Naturhistorischen Museum zeigt Entwürfe für ein neues Haus der Botanik.
NHM Wien, Chloe Potter

Die noch bis 30. Mai zu betrachtenden Entwürfe für das Haus der Botanik werden ergänzt durch Objekte der botanischen Sammlung, etwa eine Box mit gepressten Pflanzen oder eine Fruchtsammlung von Kiefernzapfen, sowie durch weitere, von Studierenden geschaffene Projektideen zur Weiterentwicklung des ehemaligen Wiener Glacis im größeren, städtebaulichen Kontext. Und vor allem auch als Kontrapunkt zu der starken Fokussierung auf den Individualverkehr in diesem Bereich seit Mitte des 20. Jahrhunderts, wie Gerhard Schnabl betont.

Katrin Vohland zeigt sich beeindruckt von der Diversität der Entwürfe und verweist auf den "großen Mehrwert", den ein derartiges Haus der Botanik für die Gesellschaft und Stadtentwicklung haben könnte. Die NHM-Generaldirektorin gibt aber auch zu, dass der Platz zwischen Volksgarten und Heldenplatz "kompliziert ist", auch bezüglich der Besitzverhältnisse von Stadt, Land und Privatiers. "Es gibt noch keine offizielle Zusage", es benötige sicherlich eine breite parlamentarische Zustimmung zu dem Projekt, die – auch mit Blick auf die Nationalratswahlen – nicht schnell und leicht vorhersehbar wäre. (Tanja Traxler, APA, 28.5.2024)