Gounods "Faust" an der Staatsoper in Wien: Im Bild Adam Palka (Méphistophélès) und Jusung Gabriel Park (Wagner).
Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Goethes Faust ist im Theater das ganz große Ding. Passend dazu hat die Staatsoper mit Frank Castorfs aus Stuttgart importierten Inszenierung von Gounods Faust-Oper die Arbeit eines rollenden Steins der Theaterregie im Angebot. Der sozialistisch Sozialisierte hat das Streben eines alten weißen Mannes nach juvenilem Plaisir d'amour mit Kolonialismuskritik (Algerienkrieg) unterfüttert und in die Geburtsstadt des Komponisten verlegt. Und so zeigt die Drehbühne Aleksandar Denićs verschachteltes, patiniertes Paris-Konzentrat von seinen besten Seiten, also von allen.

Ähnlich viele Facetten wie die Bühne offerierte am Mittwochabend auch der Orchestergraben: Glut und Wehmut, die Leichtigkeit der Poesie und die stählerne Härte des Dramas fanden unter der Leitung Bertrand de Billys ihren Weg aus dem Untergrund und vermählten sich mit der Szene. Auf dieser kämpften Piotr Beczała und Nicole Car um ihre Liebe beziehungsweise gegen Tod und Teufel.

Geliebtes Trash-Terrain

Zum gern lanzenhaft aufrechten, bei Bedarf aber auch daunenweichen Sopran von Car passte die Partie der Marguerite so gut wie die Kostüme von Adriana Braga Peretzki. Diese zwei kleinen Troddeln an ihrem Kleid im dritten Akt! Mit einer Mischung aus Maria Callas (das herrisch strenge Timbre) und Peggy Bundy in Blond (Figur und Turmfrisur) trippelte die Australierin trittsicher im von Castorf so geliebten Trash-Terrain als (gefallener) Engel und verschminkte Heroine umher.

In der Nachfolge von Juan Diego Flórez gönnte Tenorstar Piotr Beczała dem Faust vokal baumstammstarke heldische Strahlkraft. Sogar ein (minimal zu) hohes C rang sich der Pole ab. Dafür langweilte Adam Palka als dynamisch und timbretechnisch eintöniger Méphistophélès à la longue. Aufhorchen ließ hingegen Stefan Astakhovs geschmeidiger und potenter Bariton (als Valentin), bezaubernd Patricia Nolz Arie als Siébel im vierten Akt. Freude im hufeisenförmigen Rund. (Stefan Ender, 23.5.2024)