Kinder auf einem großen Tisch beim Zusammenbauen von technischen Geräten
Was bringt der Girls' Day wirklich? Ansichten dazu gibt es unterschiedliche.
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Mehr als 2200 Schülerinnen aus 110 Schulen in 109 Unternehmen und Institutionen: Das Aufgebot war groß Ende April, als Mädchen in ganz Niederösterreich im Rahmen des Girls' Day in verschiedene Berufsfelder reinschnuppern konnten. Was die vielen Firmen dabei gemeinsam haben: Sie bieten männlich dominierte Jobs im Bereich der Technik oder Informatik. Ihr Frauenanteil in der Belegschaft ist niedrig. Aber am Girls‘ Day sollen potenzielle Nachfolgerinnen gefunden werden, die das irgendwann ändern sollen.

Mädchen hätten mit dieser Initiative die Möglichkeit, sich "wertfrei" technische Berufe anzusehen und mit Frauen vor Ort zu sprechen, die in den Unternehmen beschäftigt sind, lobt Landesrätin Christiane Teschl-Hofmeister den Tag. NÖ-Wirtschaftskammerpräsident Wolfgang Ecker setzt noch eins drauf, nennt den Girls' Day eine notwendige Investition "in unsere Zukunft, in unsere dringend benötigten Fachkräfte von morgen!".

Jährlich bundesweit

Ein großer Tag, mit großer Wirkung? Brauchen Mädchen überhaupt (noch) diese Wegweisung in die Technik? Der Girls' Day in Niederösterreich ist nur einer von vielen in Österreich. Auch in den anderen Bundesländern finden sehr ähnliche Veranstaltungen statt, bereits seit 2001 gibt es jährlich bundesweit Mädchentage.

Unternehmen wie die ÖBB, Wiener Linien, Siemens, Magenta, veranstalten regelmäßig Mädchentage. Die Idee ist mitunter, die gesellschaftliche Ansicht zu entschärfen, dass Physik und Mathematik, Metall und Elektronik für Burschen bestimmt sind. Und dass ihnen kommuniziert wird, dass Mädchen mehr Möglichkeiten für eine Lehre haben als nur Friseurin oder Bürokauffrau. Und dann war ja da auch noch der Kampf gegen den Fachkräftemangel, in dem der Girls' Day als ein kleiner Baustein fungiert.

Die ÖBB etwa sind seit 2003 beim Girls' Day dabei. Mehr als 2000 Mädchen sollen laut eigenen Angaben im Rahmen dessen mit VR-Brillen experimentiert haben oder das erste Mal den 3D-Druck ausprobiert haben. Auch als Lokführerin am Loksimulator sollen sie sich probiert haben. Traude Kogoj, Diversitätsbeauftrage bei der ÖBB ist sich sicher, dass diese Initiativen für mehr Mädchen in der Lehre bei der ÖBB gesorgt haben. "Vor zwei Jahren hat sich eine Teilnehmerin direkt nach dem Girls' Day für eine Lehre als Mechatronikerin beworben und ist seither mit großer Begeisterung dabei." Der Anteil der weiblichen Lehrlinge liege derzeit bei knapp 20 Prozent mit steigender Tendenz.

Zur Frage, wie sinnvoll oder zeitgemäß die Tage aus gesellschaftlicher Perspektive noch sind, hat etwa die Soziologin Greta Wienkamp von der Universität Bielefeld analysiert. In einer Forschungsarbeit hebt sie eine Kritik zum Konzept Girls' Day heraus: Das starke Differenzieren zwischen den Mädchen auf der einen Seite und den Burschen auf der anderen würde wieder stereotype gesellschaftliche Geschlechterbilder verstärken.

Ein Mädchen bedient eine VR-Brille
Der Töchtertag bei der ÖBB 2023. Mädchen konnten VR-Brillen ausprobieren.
ÖBB/Marek Knopp

An Interviews mit ehemaligen Girls'-Day-Teilnehmerinnen lasse sich ablesen, dass sie etwa fürchten, die exklusive Mädchenförderung könnte ihnen als Defizit ausgelegt werden. Auch medial in der Berichterstattung wäre immer wieder von "typisch männlichen" und "typisch weiblichen" beruflichen Fähigkeiten die Rede. In einem kurzen Marketingfilm einer Girls'-Day-Initiative, schreibt Wienkamp, heiße es etwa: "An diesem Tag kannst du auf Berufe treffen, an die du so noch nie gedacht hast oder dir bislang nicht zugetraut hast." Traude Kogoj von der ÖBB gehe es, wie sie sagt, aber vor allem darum, Rollenklischees aufzubrechen "und zu zeigen, dass Frauen jeden Beruf ausüben können, und eben die Scheu vor technischen Berufen zu nehmen."

Strukturell verbessert

Ein neuer Bericht des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) wiederum könnte Argumente gegen Girls' Days entkräften. Das Wifo sieht noch immer einen "erhöhten Handlungsbedarf" bei der Gleichstellung der Geschlechter. In den letzten zehn Jahren sollen zwar strukturelle Unterschiede verringert worden sein, aber es habe keine vollständige Anpassung an die Lebensumstände gegeben.

Frauen würden immer noch eher soziale, gesundheitliche und erzieherische Ausbildungswege wählen, Burschen eben eher Mint-Berufe. Ein Grund sei auch: Jugendliche in Österreich müssten sehr früh eine Berufswahl treffen. Junge Frauen in einer Mint-Ausbildung würden diese häufiger abbrechen und in andere Branchen wechseln.

Unternehmen seien hier gefragt, ihre Rahmenbedingungen zu hinterfragen und anzupassen, heißt es vom Wifo. Was der Girls' Day jedenfalls nicht kann, ist Ungleichheiten in späteren Lebenslagen anzupacken und zu verändern.

Immerhin gehen die Initiativen für junge Menschen seit längerem nicht mehr nur in eine Richtung: Seit 2008 haben auch Burschen bei den Boys' Days die Möglichkeit, in frauendominierte Berufe zu schnuppern, wie etwa in die Pflege oder die Pädagogik. Sie sollen die erreichen, die ein Händchen für Technik haben, aber den Bereich sonst vielleicht nie für sich entdeckt hätten: Girls' Days für junge Mädchen in Unternehmen. (Melanie Raidl, 7.6.2024)