Frau mit großem Bauch durch Schwangerschaft
Eine Schwangerschaft macht es vielen Naturwissenschafterinnen unmöglich, im Labor weiterzuarbeiten.
AP/LM Otero

Ein Kind zu bekommen zählt für viele Menschen zu den einschneidendsten Momenten im Leben. Für Frauen bedeutet es zudem einen Wendepunkt in ihrer Karriere. Denn obwohl es immer mehr Bestrebungen gibt, geschlechterspezifische Unterschiede auszugleichen, wird spätestens beim Thema Kinderkriegen deutlich, dass in vielen Branchen noch lange keine Gleichberechtigung herrscht. Forschung gilt dabei – insbesondere in den Naturwissenschaften – als besonders familienunfreundlich. Lange Arbeitszeiten, befristete Verträge und fehlende Unterstützungssysteme sind nur die Spitze des Eisbergs.

Für Frauen gelten in der Wissenschaft oft eigene Regeln. Schließlich darf eine Forscherin, sobald sie schwanger wird, aus arbeitsschutzrechtlichen Gründen nicht mehr im Labor arbeiten. Ausschlaggebend dafür ist das Mutterschutzgesetz, in dem es sinngemäß heißt, dass der Arbeitgeber eine schwangere Frau keine Tätigkeiten ausüben lassen darf, die eine unverantwortbare Gefährdung für sie oder ihr Kind darstellt.

Gleichberechtigt forschen

Eine schwangerschaftsbedingte Pause kann in Hinblick auf Publikationsdruck und Konkurrenzdenken karrieretechnisch allerdings zu erheblichen Nachteilen führen. Mit sogenannten Schwangerschaftslaboren möchten Forschungseinrichtungen in dieser Situation Abhilfe schaffen. Labore dieser Art sind speziell eingerichtet und setzen dadurch weder das ungeborene Kind noch die Schwangere selbst einer Gefahr aus.

Konkret heißt das: Chemikalien, die nachweislich schädigend für das ungeborene Kind oder krebserregend sind, haben im Schwangerschaftslabor nichts zu suchen. Auch allgemeine Richtlinien für werdende Mütter wie etwa das Vermeiden von langem Stehen werden in Schwangerschaftslabor berücksichtigt. Denn das Mutterschutzgesetz unterscheidet in diesem Zusammenhang nicht zwischen Labor- oder Büroarbeit. Offizielle Zahlen zur Verbreitung solcher Labore gibt es laut Wissenschaftsministerium nicht.

Blutprobe Labor
Mit Blut zu arbeiten ist kein Problem für Schwangere, lange Stehzeiten in Laboren jedoch schon.
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Schwanger im Labor

Die Lebensmittelchemikerin Hannah Zenker forscht seit fast zwei Jahren an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) in Erlangen zur Allergenität von Milchproteinen. Ihr Labor wirkt auf den ersten Blick nicht außergewöhnlich: Eine Waage, mehrere Packungen Einweghandschuhe, diverse Zentrifugen und zahlreiche Pipetten sind zu sehen. Doch es ist anders als übliche Labore – denn Zenker ist aktuell im fünften Monat schwanger.

Gefährliche Arbeitsschritte übernehmen nun studentische Hilfskräfte oder Kolleginnen und Kollegen. Den Großteil ihrer Experimente kann die Lebensmittelchemikerin dank des Schwangerschaftslabors jedoch selbstständig fortführen. "Für mich ist das eine wirklich wichtige Gleichstellungsmaßnahme", sagt Zenker. Schwangerschaft sei für viele Forscherinnen ein belastendes Thema, erzählt die Lebensmittelchemikerin. "Das sollte es in meinen Augen nicht sein", unterstreicht sie.

Bislang lässt nur eine kleine Wölbung unter dem locker sitzenden Laborkittel auf ihren Zustand schließen. Doch schon im Juli erwartet die 31-Jährige ihr zweites Kind. Als Zenker im Winter 2023 von ihrer Schwangerschaft erfuhr, wurde ein wenig genutzter Raum zum temporären Schwangerschaftslabor umfunktioniert. "Natürlich lässt sich ein perfekt ausgestattetes Labor nicht einfach so aus dem Boden stampfen. Wir mussten das Labor erst mal so einrichten, dass Arbeiten möglich ist", erzählt sie.

Lebensmittelchemikerin Hannah Zenker im Labor
Im Labor von Lebensmittelchemikerin Hannah Zenker wurden alle gefährlichen Arbeitsschritte ausgelagert. Dadurch kann die Wissenschafterin auch während der Schwangerschaft weiterforschen.
Anna Tratter

Kind oder Karriere

Laut "Gender Index" des Bundeskanzleramts (PDF) waren in Österreich im Jahr 2021 gerade einmal 28 Prozent der MINT-Professorinnen und -Professoren weiblich. Für diese niedrige Quote spielt auch die Vereinbarkeit von Kind und Karriere eine Rolle. Den richtigen Zeitpunkt für ein Kind zu erwischen sei in der Forschung ein Riesenthema – das bestätigt auch Zenker. "Schwangerschaft, Mutterschutz und Stillzeit – das haut schon ganz schön rein", sagt die Forscherin. Schwangerschaftslabore könnten in puncto Gleichberechtigung ein Schritt in die richtige Richtung sein.

Das Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien, das Gregor-Mendel-Institut für Molekulare Pflanzenbiologie (GMI) der ÖAW sowie das Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie (IMP) unterhalten am Vienna Biocenter ein gemeinsames Schwangerschaftslabor. Dadurch sollen Frauen in Führungspositionen gefördert werden. Die Verbindung von Beruf und Familie soll so auf allen Ebenen funktionieren, heißt es in einem Bericht des IMBA.

Bei der Auswahl der verwendeten Chemikalien ist jedoch Vorsicht geboten: "Wir verlassen uns nicht auf eine Quelle, sondern überprüfen das Gefahrenpotenzial einzelner Stoffe mithilfe von Datenbanken und aktuellen Publikationen sehr sorgfältig", betont Sicherheitsbeauftragte Amina Zankel, die in dieser Position für IMP, IMBA und GMI zuständig ist. Da viele Arbeitsschritte im Labor jedoch standardisiert sind, können so ganze Protokolle für schwangere Forscherinnen freigegeben werden.

Mögliches Sicherheitsrisiko

Doch der Bau eines Schwangerschaftslabors ist alles andere als selbstverständlich. Auf Anfrage nennen Forschungseinrichtungen vor allem Raumknappheit als Hindernis. Zudem wird die Separierung der schwangeren Forscherinnen – neben dem sozialen Aspekt – vor allem sicherheitsbedingt kritisiert. Immerhin sollten in einem Labor immer mindestens zwei Personen anwesend sein, damit im Notfall jemand Hilfe holen kann. Eine Abtrennung des Schwangerschaftslabors mittels Glasscheibe könnte dieses Sicherheitsrisiko jedoch minimieren.

Um Wissenschaft zukünftig familienfreundlicher zu gestalten, sind sich Expertinnen und Experten einig: Schwangerschaftslabore allein lösen das Problem nicht. Insgesamt braucht es bessere Fördermittel für Forschende mit Kindern. Denn bei den aktuellen Finanzierungsmöglichkeiten könnte man zu dem Schluss kommen, dass es für eine Wissenschafterin nicht vorgesehen ist, schwanger zu werden. (Anna Tratter, 11.6.2024)