Chris Pappas ist seit drei Jahren Bürgermeister einer Gemeinde in der KwaZulu-Natal-Provinz.
AFP/RAJESH JANTILAL

Der junge Bürgermeister Christopher Pappas, der sich für nicht weniger als die Rettung Südafrikas zuständig sieht, steht auf einem vertrockneten Feld und zählt Ziegelsteine. Sie werden von einem Lkw geladen, Pappas setzt Haken auf der Bestellliste für Sozialbauten in einem Township. Die beiden Bodyguards hinter sich ignoriert er.

Eigentlich hatte Pappas das Sicherheitsbudget vor drei Jahren zusammengestrichen. Da wurde er als erster Weißer einer mehrheitlich von Schwarzen bewohnten Gemeinde der KwaZulu-Natal-Provinz zum Bürgermeister gewählt. Und das als denkbar unwahrscheinlicher Kandidat: "Klein, dünn, Brillenträger, rote Haare und blasse Haut, 32, Stadtplaner, homosexuell", lautet Pappas' Selbstbeschreibung in einem Buch, das er über seine Amtszeit geschrieben hat. Titel: Südafrika retten.

Anstelle von vier Bodyguards wollte Pappas maximal einen. So wie er den gesamten aufgeblähten Personaletat eindampfte und auch den für die zahlreichen gemeindefinanzierten Bürgerversammlungen und Feste. Über sie hatten sich Spießgesellen der Regierungspartei African National Congress (ANC), die bis dato auch in Umngeni das Sagen hatten, mithilfe von Catering-Aufträgen am Budget bereichert. Pappas schaufelte Mittel frei für Infrastruktur, die Ankurbelung der Wirtschaft. Er wollte den Beweis antreten, dass seine Partei, die Democratic Alliance (DA), mehr ist als ihr Image einer weißen Klientelpartei.

52 politische Morde

Doch dann wurde einer seiner Stadträte getötet. Die Ermittler verdächtigen Kriminelle, denen er die illegal gelegten Stromleitungen kappen ließ. Es war einer von 52 politischen Morden im Jahr 2023 in der Provinz. "Ich habe darauf bestanden, dass er zwei Bodyguards anstellt – zumindest für die Wahl", flüstert eine Mitarbeiterin, während ihr Chef eine alte Frau umarmt, die bald von einer Lehmhütte in ein Steinhaus ziehen wird.

Pappas zuckt mit den Schultern. "Wenn ich tot bin, dann bin ich tot und kriege es nicht mit", sagt er. Der Mann ist zäher, als er aussieht. In einem anonymen Facebook-Post hieß es, er habe seinem Ex-Verlobten Aufträge zugeschanzt. Der Bürgermeister konnte die Vorwürfe entkräften, aber das Medienecho war enorm. Er glaubt, dass es auch darum ging, homophobe Ressentiments anzufachen, schließlich wurde auf seine sexuelle Orientierung hingewiesen. Ohne Erfolg: "Das ist nie ein Problem gewesen."

Chris Pappas promises 300 000 jobs to KwaZulu-Natal residents
Thousands of Democratic Alliance (DA) supporters gathered at Durban’s Curries Fountain Stadium for the party's KwaZulu-Natal Rescue South Africa tour campaign. The party’s premiere candidate, Chris Pappas, was among DA leaders in attendance for Saturday’s camp
Eyewitness News

Seine Karriere hat längst landesweite Relevanz. Die DA machte ihn für die Wahl am Mittwoch zum Spitzenkandidaten in KwaZulu-Natal, dem Epizentrum des ANC-Absturzes. Nur wenige Politiker der Partei sind hier medial so präsent wie Pappas, den das Magazin Time in seine Liste der 100 international aufstrebenden Führungspersönlichkeiten aufnahm.

Das klingt glamouröser als sein Alltag, in dem Pappas das ANC-Versagen ausbadet. Die Kassen des Landes, eines der 40 größten Regierungsbudgets weltweit, sind geplündert. Die Schulen bekommen nur noch einen Teil der Zuschüsse der nationalen Regierung, die Kindergärten gar keine mehr. Selbst die Post kann der Gemeinde die Gebühren für Strom und Grundstück nicht mehr zahlen. "Wir übernehmen das, weil die Leute ja ihre Sozialhilfe bei der Post abholen müssen", sagt Pappas.

ANC steht vor Absturz

Drei Jahrzehnte nach Ende der Apartheid hat die Misswirtschaft des ANC endlich Konsequenzen. Laut Umfragen wird er erstmals seine absolute Mehrheit in Südafrika verlieren, könnte von 57 auf rund 45 Prozent fallen. Damit steht Afrikas geopolitisch wichtigste Nation vor einer Ära der Koalitionsregierungen. Das wird chaotisch, weil die Opposition zersplitterter denn je ist, nicht nur wegen der populären neuen MK-Partei von Ex-Präsident (und Ex-Häftling) Jacob Zuma.

Jacob Zuma hat eine neue Patrei gegründet, die MK.
AFP/MICHELE SPATARI

Für Pappas' liberale DA wird die Frage sein, ob es chaotisch genug für eine große Koalition mit dem ANC wird – ein Szenario, bei dem das gen Russland und China gedriftete Südafrika wieder näher an den Westen rücken würde. Realistischer aber erscheint eine ANC-Koalition mit kleineren Parteien, etwa der linksradikalen Economic Freedom Fighters (EFF). In Südafrika ist jeder zweite junge Erwachsene arbeitslos, meist ohne Hoffnung – die Arbeitslosenquote von 33 Prozent ist die höchste der Welt. So oder so wird der träge Präsident Cyril Ramaphosa eine zweite Amtszeit bekommen. Die DA verspricht neue Jobs, ANC und EFF dagegen einen weiteren Ausbau des Sozialsystems, das mit 27 Millionen Empfängern bereits zu einem der größten der Welt mutiert ist.

Bei der letzten Wahl fuhr die DA trotz respektabler 21 Prozent mit dem damaligen schwarzen Parteichef Mmusi Maimane Verluste bei ihren Stammwählern ein. Seitdem ist die Partei wieder klischeehafter, weiße Gesichter wie die des aktuellen DA-Präsidentschaftskandidaten John Steenhuisen und von Pappas prägen das Bild. Die ethnische Herkunft dominiert Wahlen zwar nicht mehr so sehr wie zu Mandelas Zeiten. Doch 75 Prozent der schwarzen Wähler stimmten zwischen den Jahren 2016 und 2021 mindestens einmal für den ANC, das Gleiche gilt für 93 Prozent der Weißen und die DA.

John Steenhuisen zieht für die DA in die Wahl.
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Die anhaltende Identitätshürde nimmt Pappas auffallend empathisch. Er wuchs auf einer Farm auf, von Kindern der Arbeiter lernte er Zulu. Während Pappas also mit seinen Wählern in ihrer Muttersprache diskutiert, lachten diese neulich über Pappas' Chef. Steenhuisen wollte sein brüchiges Wahlbündnis Moonshot-Pakt preisen, mit dem er den ANC verdrängen will. "Ubula inyanga", rief Steenhuisen. Das bedeutet auf Zulu aber nicht wie von ihm beabsichtigt "kühner Flug in Richtung Mond", sondern "Schießt auf den traditionellen Heiler".

Passionierter Sportler mit Ausdauer

Pappas eilt kurz in sein Büro an seinen penibel aufgeräumten Schreibtisch. Ein paar E-Mails, Budgetplanung – und eine Klarstellung. Er will sich nicht auf seine Hautfarbe reduzieren lassen: "Wenn man im Flugzeug sitzt, will man dann einen Piloten mit einer bestimmten Hautfarbe? Oder zählt, dass er sein Handwerk versteht?"

Viel Zeit in klimatisierten Räumen aber bleibt nicht. Wer einen Tag lang mit dem passionierten Läufer Schritt halten will, der braucht Ausdauer. Und ein stabiles Auto. Nach der Koordinierung der Bauarbeiten inspiziert Pappas ein neues Verwaltungsgebäude, fachsimpelt mit Ingenieuren auf einer frisch geteerten Landstraße, fährt über zerfurchte Feldwege in abgelegene Dörfer und am Abend noch zu Angehörigen eines Verstorbenen.

Aller Voraussicht nach darf sich Präsident Cyril Ramaphosa über eine Wiederwahl freuen.
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In Umngeni kennen sie sein Tempo. Binnen weniger Wochen glich Pappas den bis dato chronisch im Minus verharrenden Haushalt der Gemeinde aus, schloss 175 neue Häuser an das Stromnetz an. Er glaubt, dass so eine Wende auch im Makrokosmus von KwaZulu-Natal möglich wäre. Und darüber hinaus.

Bis zu 10.000 schwarze Bürger kommen zu seinen Wahlkampfveranstaltungen. Pappas weiß, dass die DA trotzdem landesweit kaum Chancen auf eine Regierungsbeteiligung hat. In KwaZulu-Natal stehen die Chancen auf eine Provinzregierung gar ohne ANC-Beteiligung immerhin ein bisschen besser. Dem Land, zermürbt von Misswirtschaft und Armut, bleibe nicht viel Zeit, sagt Pappas. "Der Topf kocht bald über."

Aber aufgeben komme auch bei einer Wahlniederlage nicht infrage. Dann mache er eben in Umngeni weiter, im südafrikanischen Mikrokosmos. Vorerst. (Christian Putsch aus Umngeni, 28.5.2024)