Das Sozialverhalten von Raben und Krähen ist erstaunlich komplex: In einer Krähenschar hat nicht unbedingt der Stärkste Oberwasser. Stattdessen schwingen sich meist jene zum Anführer auf, die am besten vernetzt sind. Doch die Allianzen sind brüchig – und die aktuellen Gruppenchefs nutzen dies aus, indem sie strategisch die Beziehung der Artgenossen torpedieren.

Unter Kolkraben-Junggesellen wiederum entstehen regelrechte "Männerfreundschaften", Bindungen, die die Vögel beim Umherstreifen in der Landschaft immer wieder zusammenführen. Ein solcher sozial anspruchsvoller Lebensstil erfordert eine entsprechende Intelligenzleistung. Die kann man bei den Rabenvögeln auch hinter ihrem ausgetüftelten Nahrungserwerb vermuten.

Rabenkrähen am Feldrand
Rabenkrähen und ihre Verwandten zeigen ein ausgesprochen lebendiges Sozialleben. Forschende werten das als Zeichen einer hohen Intelligenz, die sie vielleicht sogar zum Zählen befähigt.
Foto: AP /Michael Probst

Geschickt mit Zahlen und Werkzeugen

Einige Krähenarten kennen in freier Wildbahn die Vorteile des Werkzeuggebrauchs. Die Neukaledonische Krähe etwa nutzt Dornen und Zweige, um Larven aus morschen Bäumen hervorzustochern. Bemerkenswerter noch werden die Leistungen der Krähenvögel unter menschlicher Anleitung. Ihre Intelligenz und Gelehrigkeit verschaffte den Krähen und Raben da und dort bereits Aufgaben im öffentlichen Dienst. In Frankreich und den Niederlanden beispielsweise sammeln die Vögel Zigarettenstummel ein, gegen eine per Automaten ausgegebene Leckerei, versteht sich.

Als einer der Gradmesser für tierische Intelligenz gilt aber auch die Fähigkeit zur Abstraktion. Und dazu gehört auch eine gewisse Form des Zahlenbegriffs. Bereits in früheren Studien haben Forschende nachgewiesen, dass Rabenvögel in dieser Hinsicht ein erstaunliches Verständnis mitbringen. Dazu zählt auch die Fähigkeit, Zahlenmengen zu beurteilen und in die richtige Reihenfolge zu bringen.

Mitteilen, wie viel noch kommt

Nun ist es einem Forschungsteam in Deutschland gelungen, eine Art Verbalisierung von Zahlen bei Rabenkrähen (Corvus corone) zu beobachten. Im Verhaltensexperiment zeigte sich, dass die Vögel eine vorgegebene Anzahl an Rufen hervorbringen können und dies im Voraus planen: Der Klang des ersten Rufs einer Krächzsequenz gab an, wie viele Rufe noch folgen werden.

"Rabenkrähen beherrschen ihre Stimme sehr gut. Sie können genau kontrollieren, ob sie einen Ruf ausstoßen wollen oder nicht", sagte Andreas Nieder von der Universität Tübingen, Hauptautor der nun im Fachjournal Science erschienenen Studie. Der Neurobiologe und seine Kolleginnen Diana Liao, Katharina Brecht und Lena Veit wollten diese Fähigkeit nutzen, um mehr über das Zähltalent der Vögel herauszufinden.

Krächzende Rabenkrähe
Die Experimente zeigten, dass Rabenkrähen ihre selbst erzeugten Rufe zählen können.
Foto: Andreas Nieder/Universität Tübingen

Rufe und Zahlenwerte

Für den Versuch bekamen drei Vögel unterschiedliche Bildsymbole zu sehen und bestimmte Töne zu hören. Das Training lief darauf hinaus, die Vögel zu ein bis vier Rufen als Reaktion auf die visuellen und auditiven Reize zu provozieren, sie also mit Zahlenwerten zu verbinden. Bei dem Versuch mussten die Krähen eine bestimmte Anzahl von Lauten von sich geben und das Ende der Lautfolge durch Picken auf einen Bestätigungsknopf anzeigen.

"Das gelang allen drei Vögeln. Sie konnten ihre Rufe in der Sequenz mitzählen", sagte Nieder. Die Zeit zwischen der Präsentation des Reizes und dem ersten Ruf der Antwort war dabei relativ lang, und sie wurde umso länger, je mehr Rufe gefordert waren. Die Länge der Verzögerung sei unabhängig von der Art des Hinweisreizes gewesen, schreibt das Team. "Das deutet darauf hin, dass die Krähen aus der präsentierten Information ein abstraktes Zahlenkonzept bilden, über das sie ihre Lautäußerungen vor dem Ausstoßen der Rufe plane", erklärte Nieder.

Erstaunliche Kontrolle

Es zeigte sich damit, dass die Krähen eine bestimmte Anzahl von Lauten erfolgreich und bewusst als Reaktion auf bestimmte Signale erzeugen konnten – ein Maß an Kontrolle, das bei anderen Tieren noch nicht beobachtet wurde. Untermauert wird dieser Befund durch die Analyse der einzelnen Krähenrufe einer Sequenz. "Wir konnten anhand der akustischen Eigenschaften des ersten Rufs in einer Zählsequenz vorhersagen, wie viele Rufe die Krähe erzeugen wird", sagte Nieder.

Dies gelinge den Vögeln jedoch nicht immer fehlerfrei. "Zählfehler, also etwa ein Ruf zu viel oder einer zu wenig, entstehen dadurch, dass der Vogel während der Sequenz die Übersicht über die bereits erzeugten beziehungsweise die noch zu produzierenden Rufe verliert", so Nieder. "Auch die Fehler können wir an den akustischen Eigenschaften der Einzelrufe ablesen."

Wie Kleinkinder

"Diese Fähigkeit der Krähen entspricht den Aufzählungsfähigkeiten von Kleinkindern, bevor sie lernen, kardinale Zahlenwörter zu verstehen", meinte das Team. Es könnte daher ein evolutionärer Vorläufer des echten Zählens sein, bei dem Zahlen Teil eines kombinatorischen Symbolsystems sind.

Aber auch so würde die Kompetenz, willentlich eine bestimmte Zahl an Lautäußerungen zu erzeugen, eine hochentwickelte Kombination von Zahlenkompetenz und Stimmbeherrschung erfordern. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass diese nicht allein dem Menschen vorbehalten ist. Sie eröffnet prinzipiell auch den Rabenvögeln eine ausgeklügelte Kommunikation", sagte Nieder. (tberg, red, 1.6.2024)