Die Inflation hat in der Eurozone so weit nachgelassen, dass die Europäische Zentralbank (EZB) wahrscheinlich im Juni erstmals seit 2016 die Zinsen senken wird. Doch ihr Chefvolkswirt Philip Lane bremst zu Recht die Erwartung deutlich niedrigerer Zinsen. Die Notenbank muss weiterhin vorsichtig bleiben, um das bisher Erreichte nicht aufs Spiel zu setzen. Denn sowohl die Teuerung an sich als auch die wegen ihr verabreichte Medizin in Form hoher Zinsen ist für die Wirtschaft schwer verdaulich. Das zeigt das Beispiel Österreich, wo die Inflation besonders heftig wütete.

Der EZB-Tower in Frankfurt bei Nacht.
Derzeit liegt der Leitzins in der Eurozone bei 4,5 Prozent. Im Juni wird ihn die EZB voraussichtlich absenken – aber wie schnell und wie stark?
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Bemerkenswert ist das zeitliche Zusammenspiel: Knapp nach der ersten Zinsanhebung der EZB Mitte 2021 war es vorbei mit der wirtschaftlichen Erholung in Österreich. Seitdem herrscht Stagnation, die im Vorjahr in einer Rezession mündete. Zunächst hatte die hohe Teuerung Teilen der Bevölkerung die Luft für Konsum geraubt, dann sorgten die gestiegenen Zinsen für Bremsspuren im Wohnbau und bei Investitionen. Erst im zweiten Halbjahr soll sich die heimische Wirtschaft wieder dynamischer entwickeln – was neuerlich zeitlich mit der Zinswende der EZB zusammenfallen dürfte.

Hohe Inflation ist Gift für die Wirtschaft, gerade deshalb muss die Notenbank mehr Fingerspitzengefühl beweisen als bei der ersten Teuerungswelle, die sie anfangs unterschätzt hatte. Der strukturelle Preisauftrieb im Euroraum bleibt hoch, etwa da die Demografie den Arbeitskräftemangel befeuert. Wenn die EZB die Zinszügel zu sehr lockert, riskiert sie, dass ihr die Gäule ein zweites Mal durchgehen. (Alexander Hahn, 27.5.2024)