Die Überrestes des Feuers in Rafah.
REUTERS/Mohammed Salem

Lodernde Flammen, die sich durch Zelte fressen. Am Tag danach: Trümmer, Asche, durch die Hitze verbogene Wellblechteile, die vor kurzem noch Behausungen für Geflüchtete waren. Und Leichen – auch von Babys. Die Videos und Fotos aus Tel al-Sultan, einem Flüchtlingsgebiet nordwestlich von Rafah im Gazastreifen, sind schwer zu verdauen. Noch ist unklar, was sich hier konkret am späten Abend des Sonntag ereignet hat. Man weiß nur: Eine Explosion und Feuer im Flüchtlingslager haben dutzende Todesopfer gefordert. Man weiß auch: Kurz zuvor hatte die israelische Armee in ebendiesem Gebiet einen Luftangriff durchgeführt. Ob es zwischen dem Luftschlag und dem Feuer einen Zusammenhang gibt, "das überprüfen wir derzeit", erklärte ein Armeesprecher Montagmorgen noch.

In arabischen sozialen Medien war da der Konnex jedoch längst hergestellt, und der Zorn auf Israel war massiv. Das lag nicht nur an der hohen Opferzahl – laut palästinensischen Angaben sollen es 45 Tote und mindestens 60 Verletzte sein. Es sind vor allem der Ort und der Zeitpunkt des Luftschlags, die die Wogen hochgehen ließen: Nicht einmal 48 Stunden, nachdem der Internationale Gerichtshof (IGH) in Den Haag Israel aufgefordert hatte, die Offensive in Rafah zu stoppen und alles zu tun, um hohe Opferzahlen zu vermeiden, gingen in Tel al-Sultan die Flammen hoch. Laut Reuters sollen manche der Flüchtlinge, deren Behausungen in Tel al-Sultan nun abgebrannt sind, erst vor kurzem von der israelischen Armee aus anderen Teilen Rafahs evakuiert worden sein.

Angriff auf Kommandanten

Israels Armee bezeichnete den Luftschlag in einer ersten Reaktion als präzise Aktion gegen militärische Ziele im Einklang mit dem Völkerrecht, "auf Basis präziser Geheimdienstinformationen, die auf eine Hamas-Verwendung des Gebiets hinwiesen". Zwei führende Hamas-Kommandanten, die für zahlreiche Attentate gegen Israelis im Westjordanland verantwortlich gemacht werden, sollen bei dem Schlag getötet worden sein.

Die Berichte über zahlreiche Opfer infolge einer Brandentwicklung im Gebiet habe man wahrgenommen, sagte ein Armeesprecher. Eine Überprüfung des Vorfalls sei im Gange. Israels Premier Benjamin Netanjahu sprach im Zusammenhang mit dem Angriff bei einer Rede in der Knesset von einem "tragischen Fehler".

"Sehr schwerwiegender Vorfall"

Bemerkenswert ist, dass sich auch die oberste Militärstaatsanwältin Yifat Tomer-Yerushalmi noch vor dem Vorliegen erster Ergebnisse gezwungen sah, sich zu dem Vorfall zu äußern. Es handle sich um einen "sehr schwerwiegenden Vorfall", sagte Tomer-Yerushalmi, man werde ihn gründlich untersuchen.

Es liegt nahe, diese Stellungnahme im Konnex der jüngsten Mahnrufe aus Den Haag zu sehen: Der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs hatte seinen Antrag auf Haftbefehle gegen Israels Premier Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Yoav Gallant unter anderem damit begründet, dass er eine ausreichende Aufklärung mutmaßlicher Kriegsverbrechen durch israelische Einrichtungen vermisse. Genau dieser Argumentation will man nun – und wie Kritiker in Israel sagen, viel zu spät – entgegentreten.

International ist der Schaden aus israelischer Sicht längst entstanden. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zeigt sich "empört" über den Zwischenfall. EU-Außenbeauftragter Josep Borrell rief Israel auf, die Rafah-Offensive sofort zu beenden.

Raketen auf Tel Aviv

Am Tag vor dem Luftschlag in Rafah hatten im Großraum Tel Aviv erstmals wieder die Sirenen geheult, Bewohner der dicht besiedelten Gebiete rannten in die Luftschutzräume. Es gab mehrere Einschläge, die keine Verletzten forderten. Es war der erste Angriff aus Gaza seit vier Monaten, der Zentralisrael erreichte, und laut Angaben der israelischen Streitkräfte ging er von Stellungen in Rafah aus. Verteidigungsminister Gallant sieht sich durch den Angriff bestätigt, dass Israel seine Offensive in Rafah ausweiten müsse.

Der IGH in Den Haag hatte Israel aufgetragen, "die Militäroffensive in Rafah sofort zu stoppen". Das öffnet jedoch Spielraum für unterschiedliche Auslegungen: Während Israels Kritiker die Armee zum sofortigen Rückzug aus Rafah aufrufen, gibt es auch andere Stimmen, die nur ein weiteres Vordringen von Israels Bodentruppen für illegitim halten. In Israel sieht man immer noch ausreichend Spielraum, in Rafah militärisch zu operieren. "Wir haben auch weiterhin das Recht, uns zu verteidigen", sagte Tzachi Hanegbi, Nationaler Sicherheitsberater der Regierung Netanjahu. "Daran hindert uns der Gerichtshof nicht."

Widersprüche

War der Schlag auf Tel al-Sultan also ein Defensivschlag mit hohem Kollateralschaden? Das widerspricht wiederum der Darstellung der Armee, wonach man Präzisionsmunition eingesetzt habe.

Die Palästinenserführung in Ramallah hat sich ihre Meinung bereits gebildet: Israels Armee "greift gezielt Zivilisten an", heißt es in einer Stellungnahme aus dem Büro von Präsident Mahmud Abbas. Das Außenministerium in Katar warnte, dass der Vorfall die Bemühungen um einen neuen Geiseldeal belasten könnte. Genau das, nämlich ein Aussetzen der Verhandlungen über eine Waffenruhe, kündigt die Hamas am Montagnachmittag auch an. (Maria Sterkl aus Jerusalem, 27.5.2024)