Lena Schilling mit Werner Kogler und Olga Voglauer
Lena Schilling, flankiert von der grünen Führung: Hätte eine Parteifremde wie sie nie Spitzenkandidatin werden sollen?
© Christian Fischer

Die Grünen hätten sich den ganzen Zores ersparen können: In der Debatte um Lena Schilling werden Stimmen laut, die den Beginn der Fehlerkette der Partei nicht erst mit Werner Koglers Gefurze-Auftritt datieren. Statt eine parteifremde Person mit einem Mandat zu "belohnen", schrieb das Gründungsmitglied Franz Klug in einem Gastkommentar im STANDARD, hätten die Grünen ihren Nachwuchs pflegen sollen, um jemanden aus dem eigenen Kreis nach Brüssel zu schicken. Dann könnte man im EU-Wahlkampf über Ökopolitik reden statt über Charakterschwächen der Spitzenkandidatin.

Der Gedanke hat etwas für sich. Tatsächlich inkludiert eine klassische Parteikarriere einen Verträglichkeitscheck. Wer in der Hierarchie nach oben will, muss Vertrauen schöpfen, Allianzen schmieden. Das bedeutet keinesfalls, dass nur die Nobelsten Erfolg haben – auch Ellbogentechnik und Intrigen können, sofern verdeckt eingesetzt, hilfreich sein. Doch wer reihenweise unwahre Behauptungen über andere in die Welt setzt, wie der Vorwurf an Schilling lautet, wird kaum den nötigen Rückhalt erhalten, um Karriere zu machen.

Potenzial liegen lassen

Doch der Nebeneffekt dieses Filters ist tendenzielle Uniformität. Nichts gegen geborene Funktionäre, die keine Fraktionssitzung und kein Feuerwehrfest scheuen, um Wirkung zu entfalten. Aber es gibt auch ein politisches Leben abseits der Kader. Viele jüngere Menschen sind keineswegs ignorant, ergreifen jedoch in anderer Form Initiative, etwa in punktuellem Aktionismus. Das Parteigetriebe törnt sie ab.

Schließen Parteien Quereinsteiger aus anderen Milieus a priori aus, lassen sie Potenzial liegen – und brauchen sich nicht wundern, in jungen Augen als Riege von Apparatschiks rüberzukommen.

Ja, frischgefangenen Neo-Politikern kann es am erlernten Handwerk mangeln. Aber auch vermeintliche Profis haben sich schon als Fehlbesetzungen entpuppt. Man soll sich nicht der Illusion hingeben, dass sich in einer Partei stets die Qualität durchsetzt. Eine tragende Rolle spielt die richtige Seilschaft.

Van der Bellen kam von außen

Gerade die Grünen sind mit Auffrischung von außen gut gefahren. Der spätere Parteichef Alexander Van der Bellen hat sich einst nicht hochgedient, sondern es als Kandidat "von oben" in den Nationalrat geschafft; um ein Haar wäre er am Votum der Basis gescheitert. Ohne diesen Quereinsteiger gäbe es heute vielleicht einen blauen Präsidenten.

Auch die am zweitlängsten dienende Person an der grünen Spitze, Eva Glawischnig, stammte nicht aus dem Apparat. Das Gleiche gilt für Leonore Gewessler, eine der markantesten Ministerinnen der aktuellen Regierung.

Die Fälle sind nicht alle gleich gelagert. Im Gegensatz zu VdB und Glawischnig wurde Schilling nicht in untergeordneten Positionen aufgebaut, ehe sie in die erste Reihe kam. Franz Klugs Hinweis, wonach für die Klimaaktivistin auch Platz zwei auf der Wahlliste genügt hätte, ist nachvollziehbar. Nur hätten die Grünen dann das Potenzial einer Kandidatin verschleudert, die im Idealfall eben nicht nur eingefleischte Programmwähler ansprechen könnte.

Der Fehler liegt folglich eher bei mangelnder Vorbereitung: Entweder haben die Grünen über Schilling nicht ordentliche Erkundigungen eingeholt oder die falschen Schlüsse daraus gezogen. Für einen Abgesang auf Quereinsteiger aber gibt die Causa keinen Anlass. (Gerald John, 27.5.2024)