Frau mit Periodenbeschwerden auf der Couch.
Laut einer Umfrage empfinden es 78 Prozent als unangenehm, sich im Job aufgrund ihrer Periode krankzumelden.
APA/AFP/CHARLY TRIBALLEAU

Seit einigen Jahren ist einiges im Gange zum Thema Menstruation. Seit zehn Jahren wird am 28. Mai der Weltmenstruationstag begangen, und mehr oder weniger genauso lange wird die Periode stärker öffentlich verhandelt. Das Geflüster über Krämpfe, Kopfschmerzen oder Durchfall während der Periode ist weniger geworden, die Forderungen nach einem Ende der Scham lauter. Von aktivistischer Seite sowie von kommerzieller. Die Werbungen gingen von blauer zu roter Flüssigkeit über, die zwecks Beweis der Saugkraft der Binde oder des Tampons zum Einsatz kommt. Und hier und dort läuft sogar etwas Blut die Schenkel entlang.

In den 1980er- und 1990er-Jahren war das noch anders. Weiß war damals die erste Wahl, um Periodenprodukte zu bewerben. Blütenweiße kurze Tennisröckchen oder enge Jeans, deren Strahlen bewahrt und deren Trägerinnen von der Sorge über potentiell alles durchdringendes Menstruationsblut befreit werden müssen. Da ist nichts, gehen Sie weiter, so die Botschaft. "Menstruation" oder "Periode" wurde auch nicht in den Mund genommen, und abgesehen von PMS-Witzen wurde auch außerhalb von TV-Spots kaum darüber gesprochen.

Das hat sich seit dem stetig steigenden Interesses an Feminismus geändert. Unter den Schlagwörtern "Period Pride" oder "Period Positivity" wurde in den vergangenen Jahren die Menstruation ein Stück weit enttabuisiert.

So sprechen etwa Sportlerinnen inzwischen darüber, dass ihre Leistung selbstverständlich auch von ihrem Zyklus abhängig ist. Zum Beispiel die österreichische Langstreckenläuferin Julia Mayer. Sie musste bei der Leichtathletik-WM in Budapest 2023 wegen Krämpfen im Unterleib mehrmals stehen bleiben, büßte daher etliche Plätze ein – und Mayer nannte auch den Grund. Auch beim diesjährigen Vienna City Marathon forderte die Periode ihr körperlich und mental Zusätzliches ab. Dass die Regel dazwischengrätscht, Pläne gecancelt oder zumindest verkompliziert werden – das durfte lange kein Thema sein, obwohl es für unzählige Frauen monatlich Realität ist.

Negative Konsequenzen

Auch im Job. Inzwischen gibt es immerhin viele und schnell auffindbare Infos, ob man wegen Regelschmerzen in den Krankenstand gehen darf (Ja) oder ob man verpflichtet ist, die Periode als Grund für den Krankenstand mitzuteilen (Nein). Viele Frauen überlegen sich genau, ob sie den Grund für diesen möglichen regelmäßigen Ausfall kundtun möchten. Spanien machte zuletzt Schlagzeilen mit der gesetzlichen Regelung eines "Menstruationsurlaubs", der diesen Namen allerdings nichts verdient. Anders als in Österreich bekommen Spanier:innen erst ab dem dritten Tag eine Entgeltfortzahlung. Menstruationsbeschwerden dauern aber oft nicht länger als drei Tage, wodurch Frauen für ihr Fehlen aufgrund ihrer Periode oft kein Entgelt bekamen. Diese Versorgungslücke wurde nun geschlossen, eine Lücke, die es in Österreich nicht gibt.

Doch auch in Österreich gibt es die Sorge, aufgrund eines periodenbedingten Ausfalls Nachteile zu haben. Laut einer aktuellen Umfrage der NGO Plan International unter Frauen und Mädchen in Österreich empfinden es 78 Prozent als unangenehm, sich im Job aufgrund ihrer Periode krankzumelden, 31 Prozent befürchten Unverständnis oder sogar negative Konsequenzen.

Unwohlsein, Schmerzen und Rückzug sind noch immer der monatliche Standard für viele Frauen. 30 Prozent jener, die wegen Periodenbeschwerden ärztliche Hilfe suchten, vermissten ausreichend Unterstützung. 71 Prozent schränken Aktivitäten in ihrem Leben ein oder sagen diese ganz ab. 24 Prozent der Mädchen gaben an, dass sie sich überfordert und hilflos fühlten, als sie ihre erste Periode bekamen. 95 Prozent der Frauen und Mädchen empfinden Blutflecken auf der Kleidung als Worst-Case-Szenario.

Free Bleeding

Und die Männer? Von ihnen halten es 44 Prozent für übertrieben oder inakzeptabel, sich wegen der Regel krankzumelden. 33 Prozent fällen das gleiche Urteil, wenn es um die "Vernachlässigung" von Hausarbeit wegen der Periode geht. Und 86 Prozent haben schon mal einen "blöden Spruch" über die Perioden von anderen mitbekommen. Es gibt somit noch reichlich Arbeit auf dem Weg zu einem diskriminierungs- und vorurteilsfreien Umgang mit der Periode.

Laut Plan International fehlt es 500 Millionen Frauen und Mädchen weltweit an ausreichendem "Wissen, Menstruationsprodukten, Zugang zu adäquater Sanitärinfrastruktur und anderen Ressourcen, um mit ihrer Menstruation sicher, hygienisch und ohne Scham umgehen zu können".

Mit ihnen wollte sich vor zehn Jahren die Künstlerin und Aktivistin Kiran Gandhi solidarisieren, als sie 2015 beim London Marathon menstruierend, aber ohne Tampon teilnahm. Eine geplante feministische Aktion war es trotzdem nicht, und es steckte auch ein Stück weit Pragmatismus dahinter. Sie trainierte ein Jahr für den Lauf. Als sie in der Nacht davor ihre Regel bekam, beschloss die nunmehrige "Flee Bleederin", sich nicht 42 Kilometer Gedanken um einen Tampon machen zu wollen, und ließ es schließlich laufen. So konnte sie auch noch auf alle aufmerksam machen, die keinen Zugang zu Periodenprodukten haben und trotz Schmerzen ihre Periode verstecken.

Andere Free Bleederinnen argumentieren auch mit dem Ende der Scham, die aber durch Periodenprodukte aufrechterhalten würde. Die Freibluterinnen wollen dem auf Misogynie basierenden Ekel ein Ende bereiten. Nach Kiran Gandhis Lauf häuften sich Berichte und Anleitungen zum Free Bleeding, und es zeigte sich, dass der Periode ihren freien Lauf lassen viel Aufwand bedeuten kann. Zum Beispiel eine präzise Körperbeobachtung, sodass man es womöglich irgendwann schafft, den Anmarsch eines Blutschwalls im Vorfeld zu bemerken, um rechtzeitig auf die Toilette zu gehen. Einfach in die Hose gehen lassen ist also wohl doch für die wenigsten eine Option.

Produktdiversität

Free Bleeding ist inzwischen weitgehend von der Bildfläche verschwunden. Stattdessen haben sich Periodenprodukte vervielfältigt und: Sie werden maximal feministisch vermarktet. Nicht nur die Werbegesichter wurden divers, auch die Produkte. Mit Flügeln, für Stringtangas, diverse Größen ("Finde das perfekte Produkt für dich"), für Sport dünn und beweglich, mit Biobaumwolle, umweltschonende Menstruationstassen oder Periodenunterwäsche.

Es wurde eine perfekte Liaison zwischen der feministischen Motivation, der Scham ein Ende zu setzen, und der Vermarktung von Periodenprodukten. Feminismus wurde in den vergangenen Jahren Dreh- und Angelpunkt von sogenannten Hygieneprodukten für Frauen. Konzerne wie Procter & Gamble schmücken ihre Webseiten mit zahllosen Texten zur ersten Periode, Geschlechterklischees oder der Stärkung des Selbstvertrauens. Auch in TV-Werbungen treten nicht mehr Durchschnittsmodels, sondern auch dicke Frauen mit individuellem Style und autonomem Gestus in Erscheinung. So etwa eine Foodtruck-Besitzerin, die alles allein schafft – trotz Menstruation. Dank ihrer Ultra-Instant-Dry-Binde, die sie nachts bestens schlafen lässt, damit sie fit ist für den nächsten erfolgreichen Tag.

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TV Werbung

Das erinnert letztlich doch wieder an die schneeweißen Tennisröckchen und engen Jeans aus den 1990er-Jahren. Menstruieren ist zwar okay, aber bitte mit der perfekten Periodenproduktausstattung, damit Sie leistungsfähig bleiben, jeden Tag, auch während Ihrer Tage. (Beate Hausbichler, 28.5.2024)