Premier Benjamin Netanjahu im Vordergrund, die israelische Flagge im Hintergrund
Steht unter Kritik: der israelische Premier Benjamin Netanjahu.
Foto: AP / Abir Sultan

Benjamin Netanjahu hat die Tötung von mindestens 45 Zivilisten in einem Flüchtlingslager bei Rafah im Gazastreifen durch die eigene Luftwaffe als "tragischen Fehler" bezeichnet. Damit ist die ursprüngliche Behauptung der israelischen Armee, es habe sich um eine "präzise Aktion" gegen zwei hochrangige Hamas-Führer gehandelt, vom Regierungschef selbst widerlegt worden.

Auch mit modernen Hochpräzisionswaffen lassen sich solche Tötungsaktionen inmitten eines Zeltlagers von tausenden zivilen Flüchtlingen nicht so durchführen, dass nicht völlig unbeteiligte Frauen, Kinder und Alte dutzendweise getötet werden. Die Art der israelischen Kriegsführung steht damit ein weiteres Mal unter schwerster internationaler Kritik. Sie wird so lange fortgeführt werden, wie Netanjahu an der Regierung ist.

Kritischer Essay

Die Süddeutsche hat einen Essay des israelischen Schriftstellers Etgar Keret veröffentlicht, der an den Kern des israelischen Selbstverständnisses, aber auch unseres traditionellen Verständnisses vom Staat Israel geht: Anlässlich der Aufforderung des Internationalen Gerichtshofs an Israel, die Offensive in Rafah wegen der Gefahr eines Völkermords einzustellen, schreibt Keret:

"Viele beharren – zu Recht – darauf, dass die Anschuldigungen übertrieben und unbegründet sind, doch selbst sie müssen anerkennen, dass Israels politisches und militärisches Verhalten in den letzten sieben Monaten die internationale Unterstützung, die es am 7. Oktober erhielt, erodieren ließ und letztlich dazu geführt hat, dass es jetzt in Den Haag angeklagt wird. Man kann den Vorwurf des Völkermordes bestreiten und die Welt erneut an die unvorstellbare Brutalität der Hamas erinnern, aber nur wenige können ernsthaft behaupten, das Israel unter Netanjahus extremistischer Herrschaft sei dasselbe Land, das die Welt seit 76 Jahren kennt."

"Perfekter Sturm"

Ergänzend ist zu sagen, dass immer wieder neue Belege für die widerliche Bestialität der Hamas-Terroristen bei ihrem Überfall vom 7. Oktober an den Tag kommen – die israelischen Streitkräfte veröffentlichten jetzt ein Video eines gefangenen Palästinensers aus Gaza, der gesteht, wie er und seine Verwandten am 7. Oktober eine junge Frau zuerst vergewaltigt und dann getötet haben.

Aber das berechtigt die Regierung Netanjahu nicht zu dieser Art der Kriegsführung, von der der Schriftsteller Keret sagt: "Es gibt keinen umfassenden Plan, nur einen perfekten Sturm aus persönlichen Interessen, Egoismus, Dummheit und Sendungswahn."

Gegen den Krieg

Netanjahu hat inzwischen nur noch höchstens 20 Prozent Rückhalt im eigenen Land, nur eine Minderheit ist für eine Weiterführung des Krieges. Aber, so Keret: "Diese Minderheit hat nun einmal das Sagen. Und diese Minderheit versucht, die gesamte israelische Bevölkerung ihrer Autorität zu unterwerfen und sie auf einen Pfad der Verwüstung zu führen."

Vertreter der jüdischen Gemeinde in Österreich sagen, dass die Mehrheit der Gemeinden in Europa gegen den Krieg ist, dass sie versuchen, ihren Einfluss gegen den Krieg geltend zu machen. Bisher offenbar ohne Erfolg. Die extremistische Minderheit in Israel hat das Sagen und führt das Land, mit dem man nach wie vor solidarisch sein will, in einen Abgrund. (Hans Rauscher, 28.5.2024)