Ein Bild aus der Serie "Twilight" (1998/2002), die Gregory Crewdson damals berühmt machte.
Albertina/Gregory Crewdson

Als "single-frame movies" bezeichnet Gregory Crewdson seine Bilder, also als Filme in einem einzigen Foto. Der Vergleich hält – nicht wegen des Aufwands und der Akribie, mit denen der US-Künstler an die Arbeit geht: Stets baut er entweder lebensgroß in einem Studio nach, oder er castet Schauplätze, lässt dafür Straßen sperren und rückt mit Kränen für die Scheinwerfer an. Er entwirft zudem für alle seine Fotoserien Storyboards. Und auch wenn seine Szenen bis auf wenige Protagonisten entvölkert scheinen, sind rund um sie Heerscharen von bis zu 100 Helfern im Einsatz.

Inzwischen bedient Crewdson nicht einmal mehr die Kamera selbst, sondern hat dafür den Kameramann Richard Sands, der sonst mit Steven Spielberg und Francis Ford Coppola dreht. Manchmal braucht es tagelang, bis ein Foto im Kasten ist, darauf folgen mehrere Monate Postproduktion.

Welche Geschichten seine Bilder erzählen, wird zwar nie ganz klar, stets sind sie aber etwas unheimlich. In der Albertina ist nun eine große Retrospektive des 1962 in Brooklyn geborenen Künstlers zu sehen: 90 Werke aus neun Werkserien vom Studienabschluss (1986/88) bis zu Eveningside (2021/22). Alle diese, vielfach Großformate, gehören der Albertina, der Schau ging eine Schenkung von 182 Werken voraus.

Blockbusterkino

Kurator und Fotoexperte Walter Moser hat sich lange um sie bemüht. Crewdson ist ein Superstar, seine Arbeiten finden sich in jeder großen Sammlung der Welt. Sein Erfolg setzte damals zügig ein, seit den 1990ern wird Crewdson von der Galerie Gagosian vertreten, heute kostet ein Abzug mehrere Hunderttausend Dollar, nebenbei unterrichtet er die Fotoklasse in Yale. Wer sich von seinen Arbeiten an die Leuchtkästen von Jeff Wall erinnert fühlt, der auch mit sehr viel Aufwand Rätselbilder erzeugt, liegt nicht falsch.

Immer wieder brennt es bei Gregory Crewdson irgendwo, auch in der Serie "Beneath the Roses" (2003/08).
Albertina/Gregory Crewdson

Wer an Horror- oder Science-Fiction-Filme des Blockbusterkinos denkt, aber auch nicht. Crewdson ist ein Vertreter der Postmoderne. Er geht davon aus, dass Wirklichkeit nicht mehr authentisch erlebt werden kann, sondern unsere Wahrnehmung von ihr automatisch durch Medien gefiltert ist. Indem der Fotograf existierende Bilder der Populärkultur referenziert, macht er "Bilder über Bilder", sagt Moser. Diese Vorbilder reichen von Steven Spielbergs E.T. über 1950er-Melodramen (Frauen im weißen Nachthemd) bis zum Film noir. "Lebensverändernd" sei für Crewdson 1986 der Film Blue Velvet gewesen und die Art, wie David Lynch darin hinter die vermeintliche Idylle von Kleinstädten spähte.

Spiegel, Nässe, Schweigen

Dieser Blick prägt Crewdsons Werk bis heute, ebenso wie der Umstand, dass er seine Motive fast ausschließlich im Großraum Massachusetts findet und auf Schauspieler verzichtet. Bewohner sind seine Modelle. Zudem macht seine Marke aus, dass sich in seinen Bildern immer wieder verlässlich dieselben Elemente finden. So blickt man in der Schau wiederholt auf fast leere Kleinstadtstraßen und in Schaufenster (Edward Hopper grüßt), auf Autos und hinunter auf Vorgärten oder durch offene Türen in die Wohnräume typisch amerikanischer Mittel- und Unterschichtfamilien hinein. In den Räumen leiten gerne Spiegel die Blicke.

Nasse Straßen und Nebelschwaden helfen wiederum sehr oft, Licht "sichtbar" zu machen, hie und da brennt etwas, Schnee drückt auch emotionale Kälte aus. Menschen sitzen oder stehen stets ausdrucks-, gar teilnahmslos herum; befinden sich mehrere Personen im selben Raum, interagieren sie doch nicht. Warum etwa sitzen Mutter und Sohn in einer Aufnahme von Beneath the Roses (2003/08) so mit einander ausweichenden Blicken am gedeckten Esstisch?

Schweigen und wegschauen: Was ist hier los? Das fragt man sich bei Gregory Crewdson oft – und vergebens. Antworten gibt's – auch in der Serie "Beneath the Roses" – keine.
Albertina/ Gregory Crewdson

Eine Anekdote, die Crewdson gerne über sich selbst erzählt, ist, dass er als Sohn eines Psychoanalytikers während der Sitzungen des Vaters das Ohr auf den Fußboden im ersten Stock presste, um zu lauschen. Heute spürt er Abgründen und Ängsten einer Gesellschaft in seinen Fotos nach. Einsamkeit, Isolation, Gefangensein, auch Gewalt. Und wir sind es, die die Ohren an diese Bilder drücken und Antworten suchen: Warum ist der Rock des Mädchens hochgeschoben? Warum steht der Mann bei strömendem Regen neben seinem Auto mitten auf der Straße und blickt auf seine Hand? Man könnte jedes Bild sehr lange betrachten, sich in Schildern, Pillendosen, Tapetenmustern verlieren – und sie würden doch keine Hinweise zur Auflösung liefern. Weil es die auch gar nicht gibt.

Für die Serie "An Eclipse of Moths" (2018/19) nahm sichGregory Crewdson einer deindustrialisierten Gegend an.
Albertina/Gregory Crewdson

Ebenso wenig erzählen Crewdsons Serien in sich zusammenhängende Geschichten. Aber es dominieren jeweilige Themen. In An Eclipse of Moths (2018/19) etwa mitten in der Ära Donald Trumps der Verfall eines einst von Industrie geprägten realen Ortes.

Digital statt Plattenkamera

Crewdson verwischt bewusst die Grenzen zwischen Dokumentarischem und Inszenierung. Auf die sehr aufwendig inszenierte Serie Beneath the Roses folgte etwa die im Wald spielende Cathedral of the Pines (2013/14), mit vergleichsweise wenig Aufwand und sogar Mitgliedern seiner eigenen Familie als Statisten in kleinen, realen Häusern aufgenommen. Es ist zugleich die erste Serie, die der Fotograf nicht mehr mit der Plattenkamera einfing, sondern digital.

Mit vergleichsweise wenig Aufwand abgelichtet: die Serie "Cathedral of the Pines" (2013/14). Der Fotograf entwickelte sie ausgehend von dem Ort, auf den er gestoßen war.
Albertina/Gregory Crewdson

Diese Bilder sind zu schön, um wahr zu sein. Um eine gleichmäßige Schärfe in allen Bereichen seiner Bilder herzustellen, die mit einer normalen Einzelaufnahme nicht möglich wäre, nimmt Crewdson seit Anbeginn aus gleichbleibender Perspektive mit wechselnder Tiefenschärfe und variierendem Fokus bis zu 40 Bilder auf, die er dann zum Endprodukt übereinanderlegt. Das visuelle Ergebnis ist so hyperreal, in der Farbkraft so extrem gleichmäßig, in der Dramatik der Schatten und der Differenziertheit der Lichtreflexe so exakt, dass man heute versucht ist, an KI-generierte Bilder zu denken.

Von der Wucht des Unheimlichen im vermeintlich Heimeligen benommen, kann man sich darüber freuen, dass die Albertina jetzt 182 Werke des Künstlers ihr Eigen nennt. Ein Rätselgefühl beschleicht aber auch: Braucht ein österreichisches Museum die weltweit größte Crewdson-Sammlung? 2025 verleiht man die Retrospektive jedenfalls nach Bonn. (Michael Wurmitzer, 29.5.2024)