Oftmals betone ich in diesem Blog, dass die hier getroffenen Aussagen nicht für alle Kolleginnen oder Kollegen gelten, sondern nur meine höchstpersönliche Ansicht und Erfahrung darstellen. Auch diesmal gilt dieser Disclaimer, weswegen der heutige Beitrag aus der Ich-Perspektive verfasst ist.

Abbruch der Mediation

Wir hatten uns aus diversen Gründen immer wieder im Kreis gedreht, weder diverse Interventionen noch das Beiziehen einer Kollegin half, die Klienten auf einen Weg der Einigung zu bringen. Lag es an mir? War ich einfach der falsche Mediator für diesen Fall? Mag sein. Ich bin ein Fan der These, dass es nicht an den Mediandinnen oder Medianden liegt, sondern schlicht daran, dass ich nicht den richtigen Zugang finde, wenn eine Mediation nicht klappt. Schaffen wir es nicht mit jenen Mitteln, die meine Kollegin und ich (oder ich allein, wenn ich nicht in Co-Mediation arbeite) zur Verfügung stellen, so ist es nur fair, den Klienten und Klientinnen Geld und Zeit zu sparen und eine Mediation abzubrechen. Grundsätzlich geht es in der Mediation nicht um das Wohlbefinden der Mediatorinnen und Mediatoren, sondern um die Auflösung des thematisierten Konflikts.

Ein wesentlicher Teil der Mediationsvereinbarung ist der Hinweis, dass jede an der Mediation beteiligte Person das Verfahren beenden kann.
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Grundsätzlich obliegt die Führung und Leitung der Mediation der Mediatorin beziehungsweise dem Mediator. Oftmals liegt der gemeinsamen Arbeit eine schriftliche Mediationsvereinbarung zugrunde, in der unter anderem auch Regeln festgeschrieben werden. So finden sich hier beispielsweise Punkte, wie der konstruktive und höfliche Umgang, das Unterlassen der Einbringung von allfälligen Klagen während der Mediation aber auch die Information, dass der Kontakt mit der Mediatorin oder des Mediators abseits der gemeinsamen Termine aus Gründen der Transparenz nur per Mail und in Kopie an den jeweils anderen Teil stattfinden möge. Gemeinsam mit einigen anderen Punkten hinsichtlich Fristen, Honorar und Hinweisen zur Verschwiegenheit bildet dieser Vertrag die Grundlage für so manche (nicht jede) Mediation. Ein wesentlicher Teil dabei ist auch der Hinweis, dass jede an der Mediation beteiligte Person das Verfahren beenden kann, so freilich auch die Mediatorin beziehungsweise der Mediator.

"Finden Sie nicht auch?"

Ein durchaus sehr anschauliches Beispiel für einen gut argumentierbaren Abbruch der gemeinsamen Arbeit stellte die folgende Szene dar: Nach einer recht komplizierten Sitzung im Rahmen einer Scheidungsmediation, in der sowohl die Vermögensaufteilung als auch die Übernahme des noch offenen Kredits zugunsten der Frau skizziert wurde, war ich als Mediator durchaus erleichtert, den Weg zum nächstgelegenen Bahnhof als Cooling-down-Phase nutzen zu können. In Gedanken versunken rief ich Nachrichten von meiner Sprachbox ab, als mich die Frau aus der Mediation beim Aufgang zum Bahnsteig abpasste und noch einige Aussagen bezüglich ihrer Rechtsansprüche festhalten wollte. Meinen Hinweis, dass wir in der Mediationsvereinbarung einen entsprechenden Passus hatten, ignorierte sie ebenso, wie auch meine Bitte, meine Privatsphäre zu respektieren, mit den Worten: "Finden Sie nicht auch, dass ich wirklich das Recht habe, noch mehr zu bekommen? Wir machen ja das nächste Mal den Unterhalt für mich, da brauche ich dann noch Ihre Unterstützung." "Ich glaube, es wäre besser, wenn wir die Unterhaltung hier nicht weiterführen, ich bin ja auch Ihrem Gatten verpflichtet", antwortete ich und war überrascht, dass diese Antwort dennoch nicht deutlich genug war, denn auch den darauffolgenden Hinweis auf den möglichen Abbruch der Mediation ignorierte sie.

Nachdem sich diese Begebenheit mit durchaus bewundernswerter Beharrlichkeit auch nach dem darauffolgenden Termin wiederholte, war der Entschluss zum Abbruch nun getroffen. Das rein praktische Problem war nun, wie ich hier weiter vorgehen sollte. Einerseits war mir klar, dass ich die Mediation nun abbrechen würde, andererseits sah ich die Gefahr, noch Öl ins Feuer zu gießen und somit die Karten neu zu verteilen. Daher nahm ich die Verantwortung am Abbruch der Mediation auf mich und unterließ den Hinweis auf das Gespräch mit der Frau. Es kam in weiterer Folge noch zu einem kurzen Abschlusstermin, in dem die beiden zukünftigen Ex-Partner von mir einige für sie hoffentlich hilfreiche Kontaktadressen von Beratungsstellen, Erziehungsberaterinnen und anderen Mediatorinnen und Mediatoren erhielten, mit der Bitte, sich umgehend zwecks Fortführung der Gespräche an diese zu wenden.

Verborgenes Machtungleichgewicht

Herr A hatte die Mediation initiiert und hatte ein recht düsteres Bild der letzten beiden Jahre gemalt. Im Rahmen eines eskalierten Streits war es zu einer Situation gekommen, in der er seine Frau angeschrien und einige Gegenstände durch die Wohnung geschmissen hatte. In weiterer Folge hatte er selber die Konsequenzen gezogen, war für ein paar Wochen ausgezogen und hatte sich in Therapie begeben. Soweit die Schilderung zu Beginn der Mediation. Die ersten Sitzungen verliefen überraschend einfach, so gut wie alle Punkte, die die Frau ansprach, wurden vom Mann akzeptiert und mehr oder weniger widerspruchslos übernommen. Nachdem die Art und Weise der Verhandlungen fast zu einfach verlaufen waren, besprach ich mich mit meiner Kollegin und Co-Mediatorin und wir einigten uns dahingehend, ein offenes Ohr für Hinweise auf ein bisher verborgenes Machtungleichgewicht zu haben. Es stellte sich bald heraus, dass die Therapie auch die Verschreibung von Psychopharmaka miteingeschlossen hatte, die den Mann offenkundig massiv gedämpft und somit in seiner Rolle als Mediand massiv beeinträchtigt hatten. Wir unterbrachen die Mediation, verbunden mit der Bitte an den Mann, sich mit dem behandelnden Arzt dahingehend zu besprechen, ob die verschriebenen Medikamente seine Verhandlungsfähigkeit beeinträchtigen würden.

Die Überlegungen gingen in die Richtung, dass selbst bei einem auf den ersten Blick erfolgreichen Abschluss der Mediation die "Lösung" keinen nachhaltigen Wert hätte, da sie unter massivem Medikamenteneinfluss zustande gekommen wäre. Um eine vernünftige und nachhaltige Lösung zu gewährleisten, muss das Mediationsergebnis nicht nur am Ende der jeweiligen Sitzungen unterschriftsreif sein, sondern auch (im Rahmen einer Scheidung) beispielsweise vor Gericht Bestand haben. Selbst danach ist es unerlässlich, dass sich beide Parteien nicht nur formell, sondern auch moralisch an die getroffene Vereinbarung gebunden fühlen, was im vorliegenden Fall wohl kaum gegeben gewesen wäre.
Es vergingen in weiterer Folge ungefähr drei Wochen, bis mich die Frau vom Abbruch der Mediation informierte. Ihr Mann hatte ihr ein Angebot unterbreitet, aus dem ehelichen Haushalt auszuziehen. Sie sahen nun offenbar beide keinen Grund mehr, die Mediation fortzuführen.

Klagseinbringung während der Mediation

Wir hatten einen ersten Termin vereinbart, das scheidungswillige Paar hatte sich scheinbar auf den Weg der Mediation geeinigt, wir hatten die Vorgaben für eine gute Zusammenarbeit besprochen, als der Mann sein Smartphone zückte und sich entschuldigte. Ich bat um eine Erklärung, weswegen er mitten im Gespräch nun telefonieren musste, hatten wir uns doch zu Beginn dahingehend verständigt, die elektronischen Störenfriede auszuschalten. Die Antwort "ich muss kurz meine Anwältin anrufen, es läuft eine Frist ab" erstaunte mich und ich bat, den Anruf erst nach Verabschiedung (in circa 20 Minuten) durchzuführen. Er ließ sich nicht beirren und erklärte nach Rückkehr, dass er auf Rat der Anwältin "sicherheitshalber" eine Scheidungsklage parallel zur Mediation einbringen musste. Der Abbruch der Mediation erfolgte sowohl durch die Frau, wie auch durch mich als Mediator.

Nachbarschaft und Kindeswohl

Die Parteien, es handelte sich um Nachbarn eines Mehrparteienhauses, waren schon länger nicht gut aufeinander zu sprechen. Doch als die junge Familie dann den Geburtstag der Kinder bis in die Abendstunden feierte, war der Geduldsfaden von Frau G. gerissen und sie verfasste einen Beschwerdebrief an die Hausverwaltung, der in weiterer Folge dann zur Einleitung einer Mediation führte. In kleinen, aber stetigen Schritten konnten wir uns zwar einer Verbesserung der nachbarschaftlichen Kommunikation annähern, doch blieb das Misstrauen seitens Frau G. gegenüber der jungen Familie weiterhin bestehen: "Es wird sicher wieder laut werden, Ihre Kinder können sich halt nicht benehmen."

Die Mediation drehte sich nun in mehreren Runden um den Leidensdruck beider Parteien, bis in einem Nebensatz eine Vermutung beziehungsweise Unterstellung seitens der Familie fiel: "Haben Sie damals Öl ausgeschüttet?" Auf meine Nachfrage, was damit gemeint war, kam eine durchaus überraschende und ehrliche Antwort: "Ja, ich habe damals Öl auf die Stiegen bei Ihrer Tür gegossen, damit die Kinder langsamer rennen. Ich hab das Getrampel nicht mehr ausgehalten." An diesem Punkt wurde die Mediation in der bestehenden Form mangels der Möglichkeit der Wertneutralität abgebrochen. Neutralität hinsichtlich moralischer Wertungen ist grundsätzlich wichtig in der Mediation, doch gab es hier wenig Spielraum, die Gefährdung der Kinder wertneutral zu betrachten.

Einige wenige Telefonate mit Frau G. führten zwar nicht zur Einsicht, dass das Wohl von Kindern außer Streit stehen sollte, aber aufgrund der Gespräche und der Beschäftigung mit ihr und dem Thema meinerseits, entstand ein gewisser vertrauensvoller Kontakt, der mittelfristig zur Deeskalation des Nachbarschaftskonflikts führte.

Nicht instrumentalisieren lassen

Der Abbruch einer Mediation ist eine heikle Angelegenheit, denn die Medianden als Auftraggeber haben das Recht, die volle Unterstützung zur Lösung des zugrunde liegenden Konflikts zu bekommen. Ein Abbruch könnte auch die Machtverhältnisse im Konflikt beeinflussen ("Die Mediatorin hat nur wegen dir abgebrochen, nicht einmal sie hält dich aus!"). Daher ist es wichtig, diesen Schritt gut und intensiv zu überlegen und gegebenenfalls vorsichtig zu setzen, ohne Verantwortung und Schuld zu verteilen. Manchmal kann der Abbruch sogar gleich einer paradoxen Intervention einen Schritt in Richtung Lösung bewirken, wenn die Parteien die Wichtigkeit eines Gesprächs begreifen. Eins muss jedenfalls gewährleistet bleiben, die Mediation und wir als Mediatorinnen und Mediatoren sind Teil der Lösung, nicht Bestandteil des Konflikts und dürfen uns auch nicht dahingehend instrumentalisieren lassen. (Ulrich Wanderer, 5.6.2024)