Rund 20 Jahre ist es her, als Fernsehen noch wirklich wild war: Erwachsene Männer schlugen sich gegenseitig mit Bällen auf die Hoden, Singles jagten ihre Dates durch Hindernisparcours. Schrottkarren wurden von einem Rapper und seiner Crew aufgemotzt und mit Zuckerwattemaschinen, Whirlpools oder Billardtischen ausgestattet. Die Rede ist vom MTV der frühen 2000er. Der Sender setzte weniger auf Musik und mehr auf Trash. Zugegeben, Xzibit ist ein Rapper, ich kannte ihn aber nur aus Pimp My Ride.

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Als viel zu junge Zuseherin wusste ich: MTV ist cool. Und, Erwachsene würden es nie verstehen. "Meine Mutter wird das hier hassen", sagt Johnny Knoxville, Star der Realityshow Jackass, bevor er mit Seife eingerieben wird und halbnackt eine Rampe runterrutscht. Ich dachte damals: Meine auch, und fühlte mich rebellisch. Jackass ("Dummkopf") setzte sich aus teils ekelhaften und teils gefährlichen Stunts zusammen, die ich unter der Aufsicht meines älteren Bruders angeschaut habe, der leider auch versucht hatte, die Skateboard-Tricks mit seiner kleinen Schwester nachzumachen.

Vor den Kinofilmen und Spin-offs hatte Jackass seinen Anfang auf MTV. Die Mischung aus Slapstick-Humor und Punk-Mentalität wurde zum Hit: Junge charmante Männer haben sich für ihre Zielgruppe – auch junge Männer – quälen lassen oder zumindest lächerlich gemacht. Vor jeder Folge kam ein Warnhinweis, ja nichts zu Hause auszuprobieren. Trotzdem wurden zahlreiche Jugendliche inspiriert und rasten mit Einkaufswagen aufeinander zu, rasierten sich nach einer Wette die Augenbrauen ab, schmissen mitten in der Nacht Böller in das Schlafzimmer unschuldig Schlafender. Was mich überraschte: Vieles Sketches scheinen heute harmlos. Knoxville setzt sich vor versteckter Kamera in eine Yogaklasse und spielt von einem Tape Furzgeräusche ab. In einem anderen Segment macht die Truppe einen "Spermathon" und kürt denjenigen, der nach medizinischen Tests das gesündeste Sperma hat. Und irgendwann springt Chris Pontius für verdutzte Passanten nackt aus einem Kofferraum.

Jackass-Cast in Einkaufswagen.
Anfang der 2000er kombinierte Jackass Slapstick-Humor mit Punk-Attitüde.
imago images/Cinema Publishers C

Übel wurde mir, als Knoxville dem ewig missverstandenen Steve-O die Buchstaben J-A-C-K-A-S-S an den nackten Hintern und die Rippen tackert. Ersterer muss wiederum Paintballschüsse in den nur durch ein Suspensorium geschützten Intimbereich aushalten, gefolgt von einem Schlaghammer, gefolgt von einer Billardkugel, die ihn vom Dach eines Hauses im Schritt trifft. Weniger schmerzhaft, aber umso grauslicher ist der Stunt, in dem Knoxville im Baustellen WC herumgewirbelt wird. Wir haben zugeschaut, sie wurden bezahlt – ohne Rücksicht auf Verluste. Dass die liebenswert trotteligen Hauptdarsteller Steve-O und Bam Margera mit psychischen Problemen und Abhängigkeiten zu kämpften hatten, dass sie schwere Verletzungen davontrugen, dass Knoxville Hirnschäden erlitt und drei Jahre lang einen Katheter verwenden musste, erfährt man nur aus Medienberichten. Für die Realityshow war das zu real. Sie wurden immerhin Millionäre, argumentieren Fans. Heute tun mir gealterten Jackasses leid, weil sie trotz ihrer Millionen offenbar nicht aufhören können. Sie wirken nicht mehr rebellisch, sie wirken getrieben.

Zuckerwattemaschine im Kofferraum

Weit weniger lukrativ als bei Jackass war der Deal, den die Autobesitzer zu früherer Sendezeit bei MTVs Pimp My Ride ("Motz mein Auto auf") eingingen. Fürs Fernsehen wurden die Schrottkarren junger Menschen zu Schrottkarren mit LED-Lichtern, TV-Bildschirmen und Soundsystemen aufgemotzt. Der Ablauf war immer gleich: Eine arme Fahrzeugbesitzerin oder ein armer Fahrzeugbesitzer bittet MTV um Hilfe für das auseinanderfallende Auto. Moderator und Rapper Xzibit taucht vor den kreischenden Teilnehmern auf, nimmt ihre Autoschlüssel und übergibt die Karren der Werkstatt zur "Aufmotzung".

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Die Situation der 18-, 19-, 20-jährigen Autobesitzer war prekär. Wer soll in Los Angeles ohne Auto auskommen? Teilnehmerin Sara hat auf ihrem verrosteten Pickup-Truck ein Symbol der Band Van Halen mit Filzstift gezeichnet. Als Xzibit sie fragt, warum sie sich nicht einfach einen Sticker um 1,50 Dollar gekauft hat, erwidert sie: "Ich hatte keine 1,50 Dollar."

In einer anderen Folge bekommt der zerdellte Toyota des 20-jährigen Seth Flügeltüren, einen Roboterarm, der die Triangel spielt, LEDs in den Sitzen, Musikanlagen sowie Bildschirme in der Rückbank und eine eigene Zuckerwattemaschine im Kofferraum. 2007, als die Folge ausgestrahlt wurde, ergab diese Willkürlichkeit für mich mehr Sinn als heute. Die ausgefallenen Erweiterungen, wie eine Badewanne, ein Sarg, der auch als Grill funktioniert, oder ein Billardtisch, sind wohl nützlich beim Autofahren, dachte ich. Neue Ledersitze, Heckspoiler und Chromfelgen lenken davon ab, dass die Mechaniker in der Show fast nie Motoren, Batterien oder Bremsen austauschen oder den Ölstand prüfen.

Rapper Xzibit vor West Coast Customs.
Rapper Xzibit moderierte "Pimp My Ride" und nahm den Autobesitzerinnen die Schlüssel ab.
imago images/Everett Collection

Nicht alle waren mit dem Endergebnis zufrieden, manche wurden von Produzenten aufgefordert mehr Freude zu zeigen. So erzählte es Seth Martino Jahre nach der Ausstrahlung Huffpost. Die Gadgets bedeuteten extra Gewicht, das das Fahren seines Toyotas erschwerte. Martino habe einen Monat, nachdem er sein aufgemotztes Auto zurückbekommen hatte, den Motor ersetzen müssen. Der eingebaute Roboterarm hatte keine Funktion, die Zuckerwattemaschine sei nicht richtig zugegangen, und die LED-Lichter machten die Sitze brennend heiß. Schon bevor er den Wagen aus der Werkstatt heimfuhr, wurden die Flügeltüren aus Sicherheitsgründen durch normale Türen ersetzt. Was übrig blieb, war ein mit blauen Blitzen lackiertes Auto und ein Mann, der von sich behaupten konnte, im Fernsehen gewesen zu sein.

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Entertainment um jeden Preis

Auch bei Next stand ein Fahrzeug im Mittelpunkt des Geschehens: Die Speeddating-Show zeigte fünf Bewerberinnen oder Bewerber, die in einem Bus darauf hofften, einen begehrten Single zu erobern. Vor Tinder, Bumble oder Hinge gab es MTVs Next. Denn "Next" ("Nächster") schreien die Hauptkandidatinnen und -kandidaten, sobald sie von ihrem Date genug haben und wollen, dass der oder die Nächste aus dem Bus steigt. In einer der wenigen LGBT-Folgen sucht Evan (21) nach der Liebe. Den ersten Bewerber, Alex, schickt er gleich wieder in den Bus, weil sein Handschlag ihm zu schwach war. Für die eine Minute, die das Date gedauert hat, bekommt Alex einen Dollar. Und schon kommt der Nächste aus dem Bus. Evan ist wählerisch, sagt immer wieder "Next" und ist am Ende mit dem fünften und letzten Kandidaten, Keith, übrig. Dem schlägt er ein zweites Date vor, doch Keith nimmt lieber das Geld. "Das hat er davon", denke ich mir.

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Kandidatinnen werden abgewiesen, weil sie die falschen Hosen tragen oder nicht die richtige Haarfarbe haben. Ein Kandidat sei zu haarig und wird ohne Begrüßung direkt zurückgeschickt. Wenn mal ein Gespräch entsteht, tauschen die potenziellen Paare maximal vier Sätze aus. Verglichen damit ist das Wischen auf Tinder richtig tiefgehend. Die Treffen lassen sich am besten mit dem Wort "cringe" beschreiben: Bewerber tanzen Choreografien nach, steigen in den Boxring, rennen durch Hindernisparcours, zerschlagen Piñatas, sammeln in Meerjungmann-Kostümen am Strand Plastikfische ein. Vielleicht wären aus heutiger Sicht ein paar Hindernisläufe für steife Café-Dates keine so schlechte Idee. Die gescripteten sexistischen und auch rassistischen Disses, die die Singles in die Kameras rufen, waren aber schon damals peinlich und wären heute zu Recht Grund genug, um einen Sender zu canceln. Hinzu kommt, dass sich manche schon beim Aussteigen aus dem Bus ohne Vorwarnung die Hose runter- oder das Top raufziehen. Man will nicht hinsehen, kann aber auch nicht wegsehen.

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Manche Teilnehmer tun mir heute leid: Ryan gefällt sein Stranddate mit Katie, er braucht aber dringend das Geld. "Ich kann nicht 'Next' zu meinem Vermieter sagen", meint der nun um 70 Dollar reichere 24-Jährige. Die meisten Episoden zeigen aber nicht den Kampf ums Überleben, sondern den Kampf um Aufmerksamkeit – angeheizt durch die Menschen hinter den Kameras. Immerhin das habe ich schon beim ersten Mal zusehen verstanden.

Bei Next geht es genauso wenig um Liebe, wie es bei Jackass ums Grenzen-Austesten oder bei Pimp My Ride um echte Wohltätigkeit geht. Es geht ums Entertainment um jeden Preis, und das ging nur in dieser Zeit. MTV konnte diese Jahre für sich ausnutzen und lieferte legendäre TV-Momente. Die damalige Coolness des Senders ist heute aber verblichen. (Isadora Wallnöfer, 2.6.2024)