Zu sehen ist eine Schneiderwerkstatt der Haute Couture mit drei Stickerinnen und einem Schneider, im Hintergrund eine Schneiderpuppe mit einer wertvollen Robe.
In "Lacrima" steht die Herstellung des Hochzeitskleids für die britische Prinzessin im Zentrum, insbesondere der mit 250.000 Perlen bestickte Schleier.
Caroline Guiela Nguyen

Am Schauplatz Haute Couture kreuzen sich viele Geschichten. Umso mehr, wenn es sich bei der Auftraggeberin um die britische Prinzessin handelt und sich alles um die Herstellung eines Brautkleids mit monumentalem Schleier dreht. Im Stück Lacrima fließen aber nicht nur "Blut, Schweiß und Tränen", wie eine Spitzenklöpplerin sagt, sondern verursachen auch die Ethikverträge mit der indischen Zulieferfirma Stress.

Mit Lacrima, diesem in einem Pariser Modeatelier angesiedelten Drama, ist die französische Regisseurin Caroline Guiela Nguyen erstmals in Österreich zu sehen. Die Koproduktion der Wiener Festwochen mit dem Théâtre National de Strasbourg feierte am Donnerstag Weltpremiere in der Halle E des Museumsquartiers. Am Ende, nach knapp drei Stunden, gab es stehende Ovationen.

Gleichzeitigkeit

Nguyen hat einen erfrischenden Erzählstil. Sie bedient sich dezent filmischer Mittel, um auf der großen Bühne Details scharfzustellen oder um Synchronizität zu gewähren. Beispielsweise begleiten die steten Handbewegungen des Perlenstickers in Mumbai auf einer Leinwand die Vorgänge im weitläufigen, von weißen Vorhängen begrenzten Bühnenbild des Pariser Couture-Ateliers (Bühne: Alice Duchange). Mit einem multiethnischen Ensemble aus (nicht)professionellen Darstellerinnen und Darstellern zwischen 18 und 82 Jahren umspannt die bemerkenswerte Inszenierung viele Episoden.

Das ist Nguyens großes Talent: Sie vermag von einem einzigen Gegenstand aus, einem exquisiten Kleidungsstück, weit verzweigt von menschlichen, sprich alle einenden mittleren und größeren Tragödien zu erzählen. Sie zeigt ihre Figuren, die auf der Bühne oft weniger fiktiven Charakteren als Menschen im echten Leben gleichen, verflochten in strukturelle Zwänge und gewachsene Konstellationen.

Alençon-Stickkunst

Wesentlich dabei ist, wie Nguyen Kommunikationsvorgänge abbildet. Stardesigner und Atelier zoomen mit der Prinzessin, die Atelierchefin Marion videotelefoniert mit dem indischen Stickerei-Unternehmer, es werden Geheimhaltungsverträge und Ethikabkommen geschlossen; eine Klöpplerin verschickt über Whatsapp Sprachnachrichten an ihre Enkelin in Australien. Die Tochter des Perlenstickers in Mumbai macht sich am Telefon in Neu-Delhi Sorgen über ihn. Es werden Hintergründe zur realen, heute zum Unesco-Welterbe zählenden und für den Brautschleier zentralen Stickkunst aus Alençon in der Normandie in einer live gespielten Radiosendung aufbereitet.

Ein großer Teil der Kommunikation läuft über medialen Transfer, auch zwischen Mutter und Tochter. Die Atelierchefin, mit Verve dargestellt von Maud Le Grevellec, findet im Getöse um die Fertigstellung des Kleides mit Deadline Juni 2025 – das Stück spielt in der nahen Zukunft – zu wenig Zeit für ihre Teenagertochter, die sie wider Willen auf eine Skisportwoche schickt. Und als wäre es nicht schon genug, steht auch noch häusliche Gewalt im Raum.

Filmserie

So entsteht in Lacrima eine Vielstimmigkeit (auch mit Live-Übersetzungen aus dem Englischen ins Tamilische usw.), die sich über Kontinente spannt und unterschiedliche Perspektiven bündelt bzw. sie nebeneinander zeigt. So verfolgt das europäische Couture-Haus seine Ethikregeln strikt und zieht den indischen Perlensticker, der acht Monate lang das Schleierunikat händisch bestickt hat, fünfzig Arbeitsstunden vor der Fertigstellung ab, weil die Krankenuntersuchung eine Glaukom-Diagnose ergeben hat.

Der Abend verläuft in insgesamt fünf Kapiteln, begleitet von oft dramatischer Musik, die die Konzentration in den Übergängen wahrt. Und so verwundert es auch nicht, dass Nguyen dem Theaterstück eine Filmserie folgen lassen will. (Margarete Affenzeller, 31.5.2024)