Stau an den Grenzen, Handelsbarrieren, Kontrollen wie hier vor dem Karawankentunnel in Slowenien: Das hemmt die Wirtschaftsleistung im EU-Raum am meisten.
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Vier Jahre nach dem EU-Austritt kämpft Großbritannien noch immer mit den negativen wirtschaftlichen und politischen Folgen. Der konservativen Regierung, die den Brexit vorangetrieben hat, droht bei vorgezogenen Wahlen im Juli eine schwere Niederlage. Nicht zuletzt deshalb ist es in anderen EU-Mitgliedsländern um die Forderungen nach einem Austritt aus der Union zuletzt ruhiger geworden.

In Österreich schaffte es eine deklarierte Öxit-Partei nicht, die nötige Anzahl an Unterstützungserklärungen für eine Kandidatur bei den EU-Wahlen zusammenzubringen. Dennoch wird etwa von der FPÖ offen mit der Idee eines "Rückbaus" der EU-Integration gespielt. Das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) hat erstmals eine detaillierte Studie erarbeitet, welche Folgen ein EU-Austritt Österreichs wirtschaftlich haben würde.

Basis dafür sind Simulationen anhand der Brexit-Verträge bzw. eine Analyse, wie Österreich seit 30 Jahren von Ostöffnung, Binnenmarkt, Zollunion, Euro- und Schengen-Teilnahme profitiert hat – und was geschehen würde, wenn diese Effekte wegfallen würden.

Schlimmer als Brexit

Die Ergebnisse sind dramatisch: "Gesamtwirtschaftlich würde ein Zusammenbruch der EU in Österreich den Realwert des BIP langfristig im Mittelwert um etwa 7,8 Prozent niedriger ausfallen lassen." Das wären in absoluten Zahlen 35 Milliarden Euro - pro Jahr. Die Bandbreite dieses Wohlstandsverlusts bewegt sich langfristig in einer Größenordnung von 5,3 bis 10,4 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung (BIP), 24 bis 47 Milliarden Euro (bemessen in Preisen von 2022). In Großbritannien waren es "nur" 3,2 bis 6,7 Prozent des BIP.

Pro Kopf gerechnet würde jede Österreicherin und jeder Österreicher eine wirtschaftliche Einbuße von 3860 Euro erleiden (das ist ein Mittelwert, die Bandbreite geht von 2735 bis 5190 Euro) – jedes Jahr. Kurzfristig ist sogar ein Minus von 7000 Euro pro Kopf zu erwarten. Die Relation: Im Jahr 2022 betrug das BIP pro Kopf in Österreich 49.400 Euro.

Zum Gegenrechnen: Österreich ist als Mitglied Nettozahler in der EU, zahlt mehr ins Budget ein, als es nominell durch Förderungen jedes Jahr herausbekommt. Pro Kopf lag der Nettobeitrag 2022 zwischen 113 und 184 Euro, je nach Berechnungsmethode. Der aktuelle Nettovorteil einer EU-Mitgliedschaft liegt pro Kopf bei circa 3700 Euro.

Die Autoren der Studie, Wifo-Chef Gabriel Felbermayr und Inga Heiland von der norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie, weisen darauf hin, dass es hingegen bei einem überraschenden harten Bruch der EU mit Österreich "kurzfristig wohl zu einem doppelt so hohen Schaden" käme. Viel würde auch von den Bedingungen eines EU-Austrittsvertrags abhängen, die ja in Verhandlungen erst definiert werden müssten.

Kleine Staaten profitieren von EU besonders

Kleine EU-Staaten haben dabei naturgemäß einen doppelten Nachteil: Sie profitieren deutlich mehr von einer EU-Mitgliedschaft und dem Binnenmarkt als große Flaggschiffe wie früher Großbritannien oder heute Deutschland, das unter einem Dexit schwer leiden würde. In Luxemburg etwa liegt der Pro-Kopf-Vorteil der EU-Mitgliedschaft zwischen 16.650 und 27.150 Euro. Kleine Länder tun sich aber schwerer, mit der EU und dem Rest der Welt bilaterale Verträge auszuhandeln. Österreich ist zudem durch die zentrale Lage mitten in Europa und die Öffnung zu vielen Nachbarstaaten wirtschaftlich ganz besonders begünstigt. Drei Viertel des ökonomischen Vorteils für Österreich stammen laut Studie aus der Teilnahme am EU-Binnenmarkt, offene Grenzen und Währungsunion bringen im Vergleich deutlich kleinere Vorteile.

Die beschriebenen negativen Konsequenzen eines Öxits sind für Felbermayr noch das günstigere Szenario: "Untergrenzen für die wahren Kosten". Noch gar nicht einberechnet sind dabei die nicht quantifizierbaren Vorteile einer EU-Mitgliedschaft: Innovationstätigkeit, Freiheit der Bürger, Profit von gemeinsamer Außen- und Sicherheitspolitik etwa.

Interessant ist auch der Blick auf die Zukunft bei einem Verbleib in der EU. Nach wie vor gibt es große Barrieren im Binnenmarkt, sei es bei der Energie, dem Kapitalmarkt oder Infrastrukturprojekten. Würden diese beseitigt und die wirtschaftliche Dynamik weiter angekurbelt, könnten die Österreicherinnen und Österreicher zusätzlich profitieren, weil das die gesamtwirtschaftliche Leistung des Staates antreibt. "Der Binnenmarkt ist der wichtigste Beitrag der EU zum Wohlstand in Österreich", schreiben Wifo-Chef Felbermayr und Professorin Heiland. Oder in anderer Betrachtung: Die Vorteile der EU-Mitgliedschaft übersteigen den Beitrag für den EU-Haushalt um das Zehnfache – "ein lukratives Geschäft". (Thomas Mayer, 3.6. 2024)