Jakob Pöltl (li.) weilt wie jeden Mai in Wien.
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Wien – Jakob Pöltls Basketballkarriere hat schon erfreulichere Zeiten gesehen als die vergangenen acht Monate. Seine Toronto Raptors waren nach der Vertragsverlängerung des Wieners mit Playoff-Ambitionen in die NBA-Saison gestartet, kamen aber nur mäßig ins Rollen und wurden deshalb im Winter von der Teamführung in ihre Einzelteile zerlegt. Filetstücke wie All-Star Pascal Siakam, OG Anunoby oder Dennis Schröder wurden im Tausch für Zukunftsaktien zu anderen Teams getradet, die neu zusammengesetzte Truppe schien anfangs auch ordentlich zu funktionieren. "Es hat sehr gut ausgeschaut, wir haben auch einige Spiele in Folge gewonnen." Dann kamen die Verletzungen: Scottie Barnes fiel länger aus, auch Pöltl selbst musste wegen Verletzungen im Knöchel und danach im kleinen Finger der linken Hand zweimal über sechs Wochen lang aussetzen.

In Abwesenheit ihrer Leistungsträger waren die Raptors hoffnungslos überfordert, von den letzten 21 Saisonpartien gewann die einzige kanadische NBA-Franchise nur zwei. Laut Pöltl brach die Struktur der Mannschaft zusammen: "Wir hatten dann nur mehr einen echten Center, da kommen verschiedene Sachen zusammen." Potenzial habe der Kader in den Augen des 28-Jährigen dennoch bewiesen, nun gehe es um zweierlei Schwerpunkte: Jeder Spieler müsse sich individuell entwickeln, zudem müsse ein geschlossenes Teamgefüge entstehen. Den Ansatz, auch Individualtraining zu zweit zu betreiben, hat Pöltl aus seiner Zeit bei den San Antonio Spurs mitgenommen. "Ich hoffe, dass dieses Team, das wir neu zusammengebaut haben, eine Chance bekommt, sich wirklich zu beweisen", sagte Pöltl. "Man wünscht sich die ruhigeren Gewässer."

Zukunft in Toronto?

Weitere Trades sind in der NBA immer möglich, doch Pöltl hat seinen 18-Millionen-Euro-pro-Jahr-Vertrag unterschrieben, um zu bleiben. "Die Trainer haben mir zugesichert, dass ich ein Dreh- und Angelpunkt unserer Offense und der Anker der Defense bin", sagte er im Rahmen eines Pressegesprächs am Rande seines zum dritten Mal stattfindenden Basketball-Camps in Wien. Den acht- bis 14-jährigen Kindern wolle er in der Sporthalle Kagran vor allem Spaß am Sport vermitteln, er selbst freue sich nach acht Jahren NBA eher auf die Spiele als auf das Training. Im Sommer geht es freilich nur um Letzteres, wie in früheren Jahren leistet Pöltl im Juni ein Coach der Raptors zweimal eine Woche lang Gesellschaft in Wien. Die Schwerpunkte dabei seien die der letzten Jahre: Passspiel, mehr Aggressivität im Eins gegen Eins und natürlich Werfen.

Grundsätzlich sei er auch nach einem durchwachseneren Jahr mit seiner Entwicklung zufrieden, betonte Österreichs erster NBA-Export. "Individuell habe ich mich stetig verbessert, habe größere Rollen in besseren Teams aufgenommen. Es ist eine geradlinige Steigerung, aber es ist noch Luft nach oben." In der vergangenen Saison gelangen ihm in 50 Partien 11,1 Punkte, 8,6 Rebounds, 2,5 Assists und 1,5 Blocks pro Spiel.

Mehr Kontakt erlaubt

Mag sein, dass dem Verteidigungsspezialisten auch die im Februar von der Liga veranlasste Neuauslegung der Regeln zugutekommen wird. Nachdem den modernen Offensivmaschinerien immer weniger beizukommen war, purzelten die Punkterekorde, im Wochentakt knackten einzelne Spieler die 50-Punkte-Marke. Also ging während der kurzen All-Star-Game-Ligapause die Order raus: Pfeift weniger Fouls! Regular-Season-Spiele wurden fortan gepfiffen wie sonst nur Playoff-Spiele, die härtere Gangart sorgte wieder vermehrt für Matches, bei denen keines der Teams die 100-Punkte-Marke knackte. Pöltl selbst hat die Änderung auf dem Parkett verletzungsbedingt kaum erlebt: "Es wird interessant, ob das nächste Saison so weitergeführt wird. Im ersten Monat der Saison bekommt man ein Gefühl dafür." (Martin Schauhuber, 31.5.2024)