Eines ist sicher, auch wenn das Endergebnis vorerst noch nicht feststand: Der ANC hat seine Absolute verloren.
AP/Themba Hadebe

Nach dem Ende der Apartheid im Jahr 1994 steht Südafrika eine zweite demokratische Geburtsstunde bevor. Nach dem deutlichen Verlust der absoluten Mehrheit für den ANC wird das Land von einer Koalition regiert werden. Ein Unterfangen, das weit homogenere Gesellschaften in Europa an ihre Grenzen der Verhandlungsfähigkeit bringt.

In Südafrika ist die Nervosität entsprechend groß. Der marode ANC verharrt in Schockstarre angesichts seiner Zertrümmerung. Denn die Partei hat ihren Absturz um 17 Prozentpunkte maßgeblich ihrer antikonstitutionellen und Zulu-nationalistischen Splitterpartei MK von Ex-Präsident Jacob Zuma zu verdanken.

Größtmöglicher Schaden

Ausgerechnet er, der einst ANC und Staat untergraben hatte, bringt sich als Koalitionspartner in Position – unter der Bedingung, dass sich Präsident Cyril Ramaphosa zurückzieht. Das wäre der größtmögliche Schaden für die Nation, eine ANC-Koalition mit ihrer bislang größten Splitterpartei, den linksradikalen EFF, kaum besser.

Nun haben die liberalen Oppositionsführer der DA Bereitschaft signalisiert, sie fordern weniger Zugeständnisse als MK und EFF. Es klingt unmöglich: die mehrheitlich von Weißen gewählte DA als Juniorpartner des ANC. Dessen Identität beruht auf dem Kampf gegen das Apartheidregime. Für beide ist das Risiko groß, würden sie doch ihre Stammwähler brüskieren.

Risiko eingehen

Dennoch wäre es die richtige Entscheidung – und wohl nicht die unwahrscheinlichste. Es gibt ANC-intern Widerstand, aber dem Vernehmen nach auch Fürsprecher, etwa in der Ostkap-Provinz, dem Herzen der frühen ANC-Jahre. Die Partei kann nur mit wirtschaftlichen Erfolgen Vertrauen zurückgewinnen. Und die DA müsste sich bei einem Nein vorwerfen lassen, in ihrer Rolle als Oppositionsführer zu resignieren.

Die anstehende Phase der Demokratie wird turbulent – und nicht so verklärt wie in den 1990er-Jahren während der friedlichen Transition. Das Land wird mit den Tücken von Koalitionsregierungen konfrontiert.

Das bietet weniger Stoff für große Filme. Aber es steht erneut viel auf dem Spiel. (Christian Putsch, 2.6.2024)