Im SB-Container in Hornstein steht ein Mann und sucht Regal für Regal ab. Hin und wieder nimmt er ein Produkt in die Hand und schaut es sich genau an. "Ich war früher – das ist jetzt auch schon paar Jahre her – öfter hier einkaufen", erzählt er. "Da hatte der Container rund um die Uhr offen. Ich wohne nur ein paar Schritte weiter, und wenn mir am Wochenende beim Kochen etwas fehlte, dann habe ich es oft hier gekauft."

Ein SB-Einkaufs-Container.
Der SB-Container des Kastlgreisslers in Hornstein darf noch nicht, aber vielleicht bald auch am Sonntag am Vormittag öffnen.
Guido Gluschitsch

Dieser Selbstbedienungscontainer mit dem Namen Hofladen, der damals von Hansagfood betrieben wurde, schloss allerdings 2021. Mit dem Kastlgreissler öffnete einige Zeit später ein anderer Anbieter einen SB-Container – und der hatte nur noch zu bestimmten Zeiten offen. Damit hatte der SB-Container für den Mann seinen Reiz verloren. "Am Samstag bin ich dann nicht extra hierhergefahren, um Biogemüse zu kaufen, das ich eh auch im Supermarkt mitnehmen konnte", erklärt er. "Aber wenn der Kastlgreissler jetzt wieder am Sonntag aufmacht, dann komme ich sicher wieder."

Eine Änderung der Regelung der Ladenöffnungszeiten im Burgenland ermöglicht es ab sofort – unter bestimmten Bedingungen –, dass Selbstbedienungsmärkte in Containern und Kaufhäuser, die alle technischen Voraussetzungen erfüllen, etwa auch an Sonntagen von sieben bis zwölf Uhr öffnen. Bisher war das im Burgenland nur in 43 Tourismusgemeinden möglich. Die Märkte müssen ganz ohne Personal auskommen, dürfen maximal 300 Quadratmeter Verkaufsfläche haben, und die Wochenöffnungszeit darf 72 Stunden nicht überschreiten. Angeboten werden dürfen Artikel des täglichen Gebrauchs – mit Ausnahme von Alkohol. Eine Verpflichtung, sonntags zu öffnen, gibt es nicht, auch wenn die betroffenen Märkte mitunter die einzigen Nahversorger eines Ortes sind.

Das Los des Pioniers

Für Hans Goldenits kommt diese Änderung zu spät. Er war es, der seinerzeit mit seiner Firma Hansagfood seinen "Hofladen" in einem Container unterbrachte. Es gab vor allem Biogemüse und regionale Produkte. Der Container war rund um die Uhr offen. Man verrechnete seinen Einkauf selbst und zahlte am SB-Terminal. Sechs bis sieben Jahre, überschlug Goldenits bei der Eröffnung, würde es dauern, bis sich sein Konzept rechne.

Doch dazu kam es nicht. Nur zwei Jahre später musste er dieses Projekt beenden. Eine Anzeige, hinter der angeblich die großen Lebensmittelketten standen, zwang ihn dazu, seine Bauernläden an Sonn- und Feiertagen zu schließen. Weil er auch Produkte anbot, die er von anderen Landwirten zukaufte, fiel sein Geschäft ins Gewerberecht und unterlag damit dem Öffnungszeitengesetz.

Hans Goldenits vor einem SB-Markt
Hans Goldenits 2019 vor seinem neu errichteten Hofladen. Nur zwei Jahre später musste er ihn wieder schließen.
Guido Gluschitsch

"Ein Vollschuss in beide Knie", sagt Hans Goldenits heute, seien seine Container gewesen. Die neuen Öffnungszeiten bringen ihn sicher nicht mehr dazu, das Konzept noch einmal auszuprobieren. Er will damit und mit der Politik nichts mehr zu tun haben. Er sei rundum enttäuscht.

"Wir finden es sehr schwierig, einen Unterscheid zwischen unserem Geschäft und einem Automaten zu machen", sagt Anna Pongracz vom Kastlgreissler, der nun mit seinem Container jenen Platz in Hornstein eingenommen hat, auf dem einst der Hofladen stand. Der Kastlgreissler hat SB-Märkte etwa im Burgenland, in Kärnten und in Tirol. Warum die nicht rund um die Uhr offen haben dürfen, erschließt sich ihnen nicht. "Wir brauchen Arbeitskräfte nur zur Belieferung – und die findet nicht am Wochenende statt", erklärt Pongracz. "Tankstellen dürfen rund um die Uhr offen haben, Lebensmittel verkaufen und haben im Gegensatz zu uns auch noch Personal."

Die erweiterten Öffnungszeiten, die es im Burgenland auch abseits der Tourismusgemeinden möglich machen, am Sonntag zu öffnen, begrüßt sie sehr. "Das macht für uns auf jeden Fall einen sehr großen Unterschied. Es ist attraktiv für die Menschen, am Sonntag einkaufen zu können. Wir bieten von der Zahnbürste bis zur Milch alles, die Hälfte unseres Sortiments ist regional, und mitunter sind wir der einzige Nahversorger in einer Gemeinde."

Einziger Nahversorger

So ist das etwa in Raiding. Rund 1000 Einwohner hat die Gemeinde, ein großes Pflegezentrum, das Liszt-Zentrum – aber eben keinen Supermarkt. "Kurz vor Corona wollten wir einen Nah & Frisch aufmachen. Wir waren kurz vor dem Spatenstich – zwei Wochen später ist es mit Corona losgegangen, und alles hat sich verzögert, und wir haben bemerkt, dass sich der Markt nicht gerechnet hätte", erklärt Bürgermeister Markus Landauer (ÖVP). "Der Kastlgreissler war dann eine echte Option für uns." Heute spricht Landauer von einem perfekten Konzept, das den Bewohnerinnen und Bewohnern des Pflegezentrums dient, deren Besuchern wie auch den Gästen des Liszt-Zentrums. Und die Pendler aus den umliegenden Orten, die durch Raiding müssen, blieben auch oft beim SB-Container stehen.

Raiding hat nicht die Nächtigungszahlen, um von der laxeren Öffnungszeitenregelung von Tourismusgemeinden zu profitieren, wie es diese auch in anderen Bundesländern gibt. Raiding ist eine von einem Dutzend Gemeinden, die eigens um die großzügigeren Öffnungszeiten für SB-Märkte angesucht haben.

Mit dem Dorfladen Wirth gibt es in Steinbrunn ein kleines Geschäft, das mit etwas gutem Willen die Voraussetzungen schaffen würde, um sonntags zu öffnen. Man müsste die kleine, aber gut sortierte Vinothek abtrennen und eine SB-Kassa installieren. Doch davon will Petra Wirth nichts wissen: Dass am Sonntag jemand ohne Firmenpersonal in ihrem Geschäft einkauft? Unvorstellbar. Sie hat mit ihrem Mann die ehemalige Billa-Filiale im Ortszentrum gekauft und zur Greisslerei umgebaut. Der Billa hat am Ortsrand zwei Nummern größer gebaut.

Der Greissler, der nicht will

Einen SB-Container gibt es im Ort nicht. Und dennoch hat Steinbrunn um Aufnahme in die Liste der Gemeinden mit den erweiterten Öffnungszeiten angesucht. Warum, das kann sich Petra Wirth, die für die ÖVP im Gemeinderat sitzt, auf die Schnelle nicht erklären. Bürgermeisterin Isabella Radatz-Grauszer (SPÖ) kann das allerdings.

Steinbrunn hat am anderen Ortsende vom neuen Billa einen See, der umgeben ist von Häusern, die ursprünglich wohl Wochenendhäuser waren. Am Eingang zum Seebad befindet sich ein alter, etwas heruntergekommener Kiosk. Er hat aktuell wochentags am Vormittag bis elf Uhr geöffnet. Und dennoch ist genau dieser Kiosk der Grund für das Ansuchen, am Sonntag zu öffnen. "Wir denken an, den Kiosk in den nächsten zwei bis drei Jahren zu sanieren", sagt die Bürgermeisterin. "Damit attraktiveren wir den See", ist sie überzeugt, weil sie so den Badegästen und Wochenendurlaubern auch am Wochenende die Möglichkeit bietet, einkaufen zu gehen.

Wie sich die Sonntagsöffnung auf den "Grundversorger, den wir zum Glück im Ort haben", auswirken könnte, will sich der Bürgermeisterin nicht erschließen. "Da geht es um eine ganz andere Klientel", eine touristische, die dann den Kiosk aufsuchen werde.

Die Macht der Supermärkte

In Hornstein erzählt man sich, dass es der Billa war, der den Dorfladen vom Goldenits auf dem Gewissen hat. Unter diesen Vorzeichen ist es für manche verständlich, dass Hornstein für den aktuellen Kastlgreissler noch nicht um die neuen Öffnungszeiten angesucht hat. Der Lebensmittelhandel übe da sicher enormen Druck aus, heißt es da etwa.

Das sei allerdings nicht der Grund, versichert Bürgermeister Christoph Wolf (ÖVP). Er möchte sich die Sache noch genau ansehen. Und auch im Büro des zuständigen Landesrats Leonhard Schneemann (SPÖ) will man einen etwaigen Druck der großen Einzelhandelsketten nicht näher kommentieren. Klar sei aber, dass eine Rund-um-die-Uhr-Öffnung, wie sie Hans Goldenits probiert hat, nicht gehe. (Guido Gluschitsch, 4.6.2024)