Die seit nunmehr einem Jahr andauernde Rezession in Österreich sorgt nicht nur kurzfristig, sondern auch auf mittlere Sicht für ein abnehmendes Wohlstandsniveau. Nach einem Minus bei der Wirtschaftsleistung (BIP) im ersten Quartal, das um 1,1 Prozent unter dem Vorjahresniveau lag, erreicht sie auf Sicht von fünf Jahren lediglich einen Zuwachs von 0,9 Prozent. Zunächst wurde der Einbruch durch die Corona-Pandemie durch eine dynamische Erholung überkompensiert, bevor die Inflationswelle und die hohen Zinsen für eine neuerliche Rezession sorgten. "Man kann von einer Seitwärtsbewegung seit der Corona-Krise sprechen", sagt Statistik-Austria-Chef Tobias Thomas über die Entwicklung.

Ein Mitarbeiter der Müllabfuhr schiebt einen Wagen, im Hintergrund sind viele Menschen zu sehen.
Die Wirtschaft stagniert seit fünf Jahren de facto, die Bevölkerung wächst aber weiter. Pro Kopf sinkt daher der Wohlstand in Österreich.
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Dennoch, pro Person bleibt im Durchschnitt weniger vom Kuchen, denn die Bevölkerung wächst im Gegensatz zur Wirtschaft dynamisch. Inzwischen leben 9,17 Millionen Menschen in Österreich, das sind um etwa 310.000 mehr als vor fünf Jahren. "Der Wohlstand geht zurück", erklärt der Chef der Statistikbehörde, "verglichen mit dem ersten Quartal 2019 hat das BIP pro Kopf real um 2,4 Prozent abgenommen."

Gastro als Bremse

Treiber der Wirtschaft und damit auch des Wohlstands war in dieser Zeit das produzierende Gewerbe. Allerdings straucheln Industrie und Bau derzeit, seit nunmehr 14 Monaten gehen im industriellen Sektor die Umsätze zurück, dennoch liegt die Wertschöpfung noch immer um 28,4 Prozent über dem Niveau der Zeit vor der Pandemie. Im April verlangsamte sich der Abwärtstrend bereits wieder. "Von einer positiven Entwicklung kann man aber noch nicht sprechen", sagt Thomas.

Als Konjunkturbremse hat sich seit 2019 die Gastronomie erwiesen, wo die Wertschöpfung im ersten Quartal um 20,4 Prozent unter dem Vorkrisenniveau lag. Zudem hat die Bewirtung zuletzt den Energiebereich als stärksten Treiber der Inflation in Österreich abgelöst. Die Teuerung hat sich hierzulande zwar kontinuierlich von zweistelligen Zuwachsraten auf 3,3 Prozent im Mai verringert und damit dem zweiprozentigen Zielwert der Europäischen Zentralbank (EZB) genähert. Allerdings weist die Teuerung in Österreich den fünfthöchsten Wert der Eurozone, wo die Preise zuletzt um 2,6 Prozent gestiegen sind, aus. Dazu tragen nicht nur stärkere Preiserhöhungen in der Gastronomie bei, sondern auch die besonders hohe Gewichtung der Gastronomie in der Inflationsberechnung im Tourismusland Österreich.

Wachstum voraus

Der Arbeitsmarkt entwickelt sich trotz der Rezession "überaus robust", mit einer Arbeitslosenquote von 6,4 Prozent im Mai, die somit gegenüber dem Vorjahr nur einen "moderaten Anstieg" verzeichnete. Dennoch verschärft sich der Arbeitskräftemangel bereits wieder, die Unternehmen haben Probleme, offene Stellen zu besetzen. Laut dem Offene-Stellen-Index der Statistik Austria betrifft das fast 200.000 Jobs, für die kaum Personal zu finden ist. Und es dürfte schlimmer werden – gewissermaßen als Kehrseite der Medaille, dass Österreichs Wirtschaft im zweiten Halbjahr wahrscheinlich wieder auf den Wachstumspfad zurückkehren wird.

Das erwartet zumindest Bank-Austria-Chefökonom Stefan Bruckbauer, der insgesamt für heuer von einem leichten Wachstum um 0,3 Prozent ausgeht. Beitragen sollen dazu eine Stabilisierung der globalen Konjunktur, der Rückgang der Inflation und die näherrückende Leitzinssenkung – derzeit sieht es danach aus, dass die EZB am Donnerstag das derzeit hohe Zinsniveau wieder etwas verringern wird. Im Jahr 2025 soll der Zuwachs der Wirtschaftsleistung Bruckbauer zufolge auf 1,5 Prozent steigen. (Alexander Hahn, 3.6.2024)