Die Autorin hat schulterlange, lockige braune Haare, trägt ein schwarzes langärmeliges Oberteil und blickt freundlich-neutral gerade in die Kamera.
Autorin und Literaturwissenschafterin Cat Bohannon.
Stefano Giovannini

Ein typischer weiblicher Säugetierkörper unterscheidet sich vom männlichen – speziell in der Möglichkeit, schwanger werden und Nachwuchs gebären zu können. Genau das macht ihn in der biologischen und medizinischen Forschung aber auch komplex: Weil sich etwa die Hormonlevel je nach Zyklusphase unterscheiden, braucht es mehr Probandinnen und Zeit, um die Daten angesichts dieser "verzerrenden" Effekte kontrollieren zu können. Das kostet Geld und führte etwa dazu, dass 1996 bis 2006 im Fachjournal Pain 79 Prozent der Studien an männlichen Versuchstieren durchgeführt wurden. Ausgeglichen ist das Geschlechterverhältnis noch immer nicht.

Das ist ein großer Fehler, macht Bestsellerautorin Cat Bohannon in ihrem Sachbuch Eva klar. Das Erstlingswerk der US-amerikanischen Literaturwissenschafterin, das kürzlich in deutscher Übersetzung erschien, steht in der Tradition von Werken wie Unsichtbare Frauen, Bitch und Inferior. Die Autorin liefert eine Art Gebrauchsanweisung für den weiblichen Körper, wie er in 200 Millionen Jahren Evolution entstand, und zeigt, warum auch Männer von der besseren Erforschung des weiblichen Körpers profitieren.

STANDARD: In Ihrem Buch geht es um Geschlechtsunterschiede. Manche sagen, dass wir uns weniger auf Unterschiede konzentrieren sollten – und dass die Verschiedenheiten innerhalb eines Geschlechts größer sind als zwischen Geschlechtern.

Bohannon: Ich denke, biologisches Geschlecht ist eine nützliche Variable, solange man differenziert vorgeht. Wenn man das nicht tut, kann das zu wenig repräsentativen Ergebnissen führen. Aber hier stehen wir vor dem gleichen Problem, wie wenn man sagt: Der Menstruationszyklus ist zu kompliziert, wir sollten keine weiblichen Wesen einbeziehen.

STANDARD: Ein Credo, das die biologische und medizinische Forschung lange prägte, wie Sie schreiben.

Bohannon: Ja. Die Vorstellung, dass Geschlecht nuanciert ist und wir es deshalb nicht als biologische Variable erforschen sollten, ist für mich als queere Person so, als würden wir das queere Baby mit dem Badewasser ausschütten. Es richtet mehr Schaden an, als zu sagen: Fein, lasst uns mehr auf Variation achten – und auf Kommunikation. Die wunderbare Vielfalt von Körpern wurde so lange vernachlässigt und muss besser untersucht werden.

STANDARD: Welche Tatsache aus Ihrem Buch hat besonders viel Interesse hervorgerufen?

Bohannon: Ich hätte nicht gedacht, dass eine Abbildung viral geht, die den Uterus zeigt. Ich wollte erklären, warum Eierstockkrebs oft so spät entdeckt wird. Das liegt nicht – oder nicht nur – an Sexismus im Gesundheitsbereich. Bevor ärztliches Personal unsere Schmerzen überhaupt ernst nehmen kann, geht es um die Frage: Wann gehen wir ins Spital, wann nehmen wir die Signale unseres Körpers ernst? Wir glauben, in unserem unteren Becken ist alles ordentlich und aufgeräumt, Uterus und Eierstöcke bilden die bekannte T-Form und sind klar voneinander entfernt. Und wir glauben, dass wir Schmerzen entsprechend zuordnen können. Aber mit der Zeit lernen wir, dass sich Krämpfe im Uterus manchmal wie Blähungen anfühlen und umgekehrt. Und für viele fühlen sich schmerzende Eierstöcke infolge von Krebs nicht anders an – bis zu einem späten Stadium, in dem Metastasen entstanden sind. Ich war einmal bei einer Ultraschalluntersuchung, und die Technikerin konnte einen meiner Eierstöcke nicht finden und hat gesagt: "Ach, wahrscheinlich versteckt er sich hinter einer Darmschlinge." Das Problem wollte ich als Illustration deutlich machen, und die Künstlerin Hazel Lee Santino hat die T-Form, die wir im Sexualunterricht sehen, und die seltsame, gequetschte Masse mitten in den Gedärmen anhand von Bildern und Videos nebeneinandergestellt.

STANDARD: Aufgegriffen wurde auch Ihre Aussage, dass kastrierte Männer im Durchschnitt länger leben, kürzlich etwa vom Guardian.

Bohannon: Ja, die Mannosphäre (antifeministische Community, Anm.) hat sich sehr aufgeregt, als hätte ich sie dazu aufgefordert, sich zu kastrieren. Fürs Protokoll: Ich habe nie gesagt, dass Männer ihre Eier abschneiden sollen. Ich habe gesagt: Das ist die effektivste Einzelmaßnahme, die wir zur Verlängerung der Lebensspanne bei männlichen Säugetieren haben. Beim Menschen führt sie zu durchschnittlich 14 Jahren mehr. Man muss es nur einmal machen, und schon funktioniert es, im Gegensatz zu besserer Ernährung oder Sport und all diesen Dingen, die schwer anzufangen und schwer aufrechtzuerhalten sind. Die zweitbeste Maßnahme, um auf mehr Lebensjahre zu kommen, ist übrigens, Freundschaften zu schließen. Das gibt einem im Durchschnitt sieben Jahre dazu.

Cat Bohannon - “Eve: How the Female Body Drove 200 Million Years of Human Evolution” |The Daily Show
The Daily Show

STANDARD: Es gibt nicht nur Evidenzen zum Menschen – Sie berufen sich auf Daten zu US-Amerikanern, denen man im 20. Jahrhundert in psychiatrischen Einrichtungen die Hoden entfernte, und koreanischen Eunuchen. Ähnlich sieht es bei anderen Säugetieren aus.

Bohannon: Ja, man hat auch vielen Nagetieren schreckliche Dinge angetan. Es funktioniert selbst bei Fruchtfliegen. Mit winzig kleinen Pinzetten. Aber der Grund für die Aussage war die Frage: Wie bringt man Männer dazu, sich dafür zu interessieren, dass weibliche Körper zu wenig erforscht sind? Mitleid und Sympathie sind auf lange Sicht nicht sehr effektiv, um uns zu Maßnahmen und Investitionen zu motivieren. Man muss sie bei den Eiern packen, das heißt: Man muss ihnen zu verstehen geben, dass es auch um sie geht.

STANDARD: Wie würden Sie das erklären?

Bohannon: Wir wissen derzeit nicht, warum Frauen länger leben, weil wir es nicht geschafft haben, das effektiv zu erforschen, und weil unsere Körper komplex sind. Das ist der Grund, warum die Gesundheit der Männer schlechter ist. Aufgrund von Sexismus haben wir angenommen, dass es um riskantes männliches Verhalten geht, um Unfälle und Tabakkonsum. Aber es liegt nicht nur daran. Es geht um Zellreparatur und das Immunsystem, das bei Männern statistisch gesehen ein Leben lang ein bisschen beschissen ist. Die Verkürzung lautet: Man kann entweder die bessere Erforschung von Geschlechtsunterschieden fordern oder kastriert werden. Aber wie ich schon betont habe, verdienen Männer eine bessere Gesundheitsversorgung als eine Massenkastration.

STANDARD: Das haben die Männerrechtsaktivisten offensichtlich in den falschen Hals bekommen.

Bohannon: Und ich habe online sehr gewalttätige Drohungen bekommen. Da ging es um Dinge, von denen diese Leute hoffen, dass sie mir zustoßen. Sie haben den Punkt völlig verfehlt. Und sie haben einen schrecklichen Sinn für Humor. Man sollte meinen, sie würden verstehen, dass ich Witze mache. Darauf hätte man schon kommen können – ich habe Hoden als "Nuggets des Todes" und "Früchte des Zorns" bezeichnet.

STANDARD: Anscheinend fühlten sich diese übergriffigen Männer angegriffen.

Bohannon: Ein großer Teil der Mannosphäre handelt aus einem Gefühl des Schmerzes heraus. Weniger verständnisvolle Menschen würden sagen, sie handeln aus einem Gefühl des Machtverlusts heraus, womit sie nicht falschliegen. Die Welt verändert sich in mancher Hinsicht. Daher fühlen sich viele bedroht, wenn sie nicht all das haben, was sie vom Leben erwarten, weil ihnen das so beigebracht wurde. Ich weiß nicht, was zum Teufel Männlichkeit genau ist, sie scheint nicht nur schlecht definiert, sondern auch schwer umzusetzen zu sein. Es gibt viel Gejammer, viele Dinge, für die wir kein Mitgefühl haben müssen. Aber: Sexismus schadet uns allen. Wir sollten erkennen, dass es ein menschliches Projekt ist, unsere Medizin und unsere biologischen Modelle besser zu machen. Das würde das Leiden für jeden verringern.

Buchcover mit dem pinken Schriftzug
"Eva: Das Wunder des weiblichen Körpers – und wie er seit 200 Millionen Jahren die Entwicklung des Lebens auf der Erde vorantreibt". 768 Seiten / 30,90 Euro. C. Bertelsmann.
C. Bertelsmann

STANDARD: Sie argumentieren in Eva, dass Gynäkologie in der menschlichen Geschichte essenziell war. Wie sind Sie zu Ihrer Hypothese gekommen?

Bohannon: Wir sind fasziniert von dem Moment, an dem Menschen begannen, Steinwerkzeuge zu benutzen. Sie sind praktischerweise bis heute erhalten geblieben. Allmählich begreifen wir übrigens, dass unsere Vorfahren auch Werkzeuge aus Holz hatten, die wohl sehr vielfältig waren und schon lange vor Steinwerkzeugen genutzt wurden. Aber was waren die wichtigsten Instrumente? Wir haben uns lange auf die Jagd konzentriert, aber beispielsweise dürfte die Großwildjagd erst spät in unserer Evolution dazugekommen sein. Was ist der Sinn eines Werkzeugs? Es geht darum, die Einschränkungen des Körpers zu überwinden, die zwischen uns und einem Ziel stehen. Dann habe ich mich gefragt: Was ist ein großer Makel unseres Körpers? Wir sind miserabel darin, Kinder zu kriegen.

STANDARD: Der große Kopf eines Babys muss durch ein relativ enges Becken.

Bohannon: Wir haben ein verqueres Fortpflanzungssystem, bei dem vieles schieflaufen und für Mutter und Nachkommen tödlich sein kann. Fruchtbarkeit spielt evolutionär eine wichtige Rolle. Ich denke, Eingriffe in die Fruchtbarkeit waren schon früher ein wichtiges Verhaltensmerkmal. Ein ähnliches Beckenproblem hatte Lucy, der vor 3,2 Millionen Jahren lebende weibliche Australopithecus. Ich bin nicht die Erste, die sagt, dass Lucy wahrscheinlich eine Hebamme hatte. Geburtshilfe und Maßnahmen, um die Fruchtbarkeit zu erhöhen und zu senken, würden Frauen und Babys helfen, zu überleben. Da geht es etwa darum, nicht zu früh im Leben schwanger zu werden, weil die Risiken vor dem Ende der Pubertät astronomisch sind. Dass wir erst mit der Antibabypille angefangen haben, unsere Fertilität zu beeinflussen, ist kurzsichtig – es gibt sogar Hinweise aus dem Tierreich zum medizinischen Gebrauch entsprechender Pflanzen. Da liegt es nahe, dass auch unsere Vergangenheit so aussah. Und dass wir nur durch Zusammenarbeit auf acht Milliarden Menschen kommen konnten.

Auf einem Kissen liegt eine Babypuppe, dahinter ist eine Art weißes Kissen mit Loch in der Mitte zu sehen, das das weibliche Becken darstellen soll.
Der Geburtskanal des Menschen, wie er durch das weiße Kissen in Form eines Beckens dargestellt wird, ist ziemlich eng für ein Baby. Der aufrechte Gang und die Entwicklung eines großen Gehirns haben Geburten anatomisch schwieriger gemacht.
AP/George Walker IV

STANDARD: In vielen Ländern des Globalen Nordens ist die Geburtenrate sehr niedrig. In unserer Gesellschaft kann das für Probleme sorgen, Stichwort Generationenvertrag. Sie sagen aber, dass niedrige Geburtenraten nur dann ein Problem sind, wenn weibliches Leid keine Rolle spielt. Warum?

Bohannon: Der Rückgang der Geburtenrate betrifft vor allem weiße, wohlhabende Frauen. Mit ein paar Ausnahmen, etwa der chinesischen Stadtbevölkerung. Trotzdem sind alle im Zuge der aktuellen großen Babypanik sehr besorgt darüber, was dieser demografische Wandel bedeutet. Konkret: dass viele nichtweiße Menschen kommen und die alternde Bevölkerung unterstützen, bis sich die Lage normalisiert. Immerhin geht es um eine Übergangszeit von einigen Jahren, in denen es sehr viele ältere Menschen geben wird. Die Sache dreht sich also vor allem um Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Aufregung um die Frage, was kulturelle Identität überhaupt bedeutet. Deutschland und Österreich hatten seit Ende des Zweiten Weltkriegs immer wieder Gastarbeiterprogramme. Es scheint, als hätten diese Programme die Länder nicht völlig zerstört. Es wirkt sogar, als ginge es ihnen ziemlich gut, die Wirtschaft der Länder ist im EU-Vergleich ziemlich robust.

STANDARD: Und in Bezug auf den weiblichen Körper?

Bohannon: Wir tun unsere Fortpflanzungsorgane ständig als unwichtig ab – und auch die unglaublichen Schäden, die sie bei Frauen anrichten können. Eine Schwangerschaft ist nicht gerade das Beste, was dem weiblichen Körper passieren kann. Da geht es nicht nur um die offensichtlichen Schmerzen während und nach der Geburt, sondern um Veränderungen für den Rest des Lebens. Das sollten wir nicht ignorieren. Nur weil etwas normal ist, heißt es nicht, dass es in Ordnung ist. Und es bedeutet: Immer, wenn man eine Frau dazu auffordert, mehr Kinder zu bekommen, als sie möchte, tut man etwas unglaublich Unethisches. Man sagt: Ihr Leiden zählt nicht. Aber das tut es. (Julia Sica, 16.6.2024)