Spotify
Große Plattformen wie Spotify bezeichnet Sabine Reiter als "Marktmacht" und "Gatekeeper".
Foto: APA/dpa/Fabian Sommer

Gender-Gap, Fair Pay, Abhängigkeit von Streamingdiensten: Wer in der heimischen Musikszene Fuß fassen will, wird mit entsprechenden Problemen konfrontiert. Das Musikinformationszentrum Mica – Music Austria unterstützt österreichische Musikschaffende und fördert Vernetzung im Kampf um Fairness und Diversität. Direktorin Sabine Reiter spricht sich im APA-Interview für eine Streamingsteuer und ein newcomerfreundlicheres ORF-Radio aus.

Prekariat

"Die größten Problemfelder der Branche liegen sicherlich in der mangelnden fairen Bezahlung von Musikschaffenden", erklärt Reiter. In der Musikszene gebe es kaum kollektivvertragliche Regelungen, die sicherstellen, "dass der Wettbewerb nicht auf dem Rücken der schwächeren Partei ausgetragen wird". Das Fehlen solcher gemeinsamen Komponenten und die Fülle an Musikschaffenden generiere schlechte Verhandlungspositionen und erzeuge zurzeit im größten Teil des Musikbereichs ein Prekariat.

Nicht nur faire Bezahlung in Honorarform, sondern auch faire Beteiligung an Erlösen im Tonträgerbereich sei aufgrund der Abhängigkeit von Streamingdiensten wie Spotify ein Problem. Folglich wurde Fair Pay mittlerweile zur kulturpolitischen Kategorie erhoben. Als "Novum" und "wichtige Beleuchtung der Förderpraxis" bezeichnet Reiter die Auseinandersetzung des Kulturministeriums und der Bundesländer mit fairer Bezahlung im Kultursektor.

Auch im als Selbstverpflichtung gedachten, zwei Jahre alten Fairness-Kodex wird Fair Pay angesprochen – die Forderung nach "arbeits- und sozialrechtlicher Sicherheit, familienfreundlichen Arbeitsbedingungen und angemessener Bezahlung" erfährt in diesem Kontext Beachtung. Allerdings bleibe "der Kodex selbst sehr allgemein", sagt Reiter. Er müsse eigenständig weitergedacht werden, sei aber ein "guter Ausgangspunkt", um "Corporate Social Responsibility für die eigene Organisation" zu entwickeln. "Die Tatsache, dass Fairness als kulturpolitische Kategorie im Raum steht, ist ein wichtiges Zeichen."

Vielfalt

Nicht minder bedeutend wird im Kodex der Wunsch nach "Vielfalt in den Formen, Inhalten und diversen Perspektiven" geäußert. Unter dem Aspekt der Vielseitigkeit sei, so Reiter, die Unterstützung marginalisierter Musikschaffender zu verstehen – hierbei handle es sich primär um migrantische Perspektiven und "Flinta*"-Personen (nicht cis-männlich, aufgrund sexueller/geschlechtlicher Identität von Marginalisierung betroffen). Letztlich könne der Gender-Gap in der Branche nur durch die Sichtbarmachung queerer Musikschaffender und die Vernetzung innerhalb entsprechender Kreise geschlossen werden.

Diversitätskampagnen von Streaminganbietern wie Spotify seien, "solang das Bezahlungssystem nicht geändert wird, ein Feigenblatt", meint die Vereinsleiterin. Große Plattformen bezeichnet sie als "Marktmacht" und "Gatekeeper", besonders im Tonträger- und Videobereich. Aufgrund der Verteilungsregeln dieser Dienste ergebe sich für unbekanntere Musikschaffende ein erheblicher Nachteil, denn es handle sich nicht um "User-Centric Payment". Das bedeutet, selbst wer in erster Linie die Musik heimischer Künstler konsumiert, zahlt über das eigene Plattform-Abo primär Größen wie Drake und Taylor Swift, da diese weltweit die meisten Streams generieren.

"Es gibt wenig Willen von den Streaminganbietern, dieses System zu ändern. Deswegen ist es dringend notwendig, eine Streamingsteuer zu implementieren, die wiederum Musikschaffenden im Land in Form von Fördermodellen zugutekommen soll." Reiter verweist auf eine Studie des deutschen Pro Musik Verbands. Sie habe ergeben, dass über ein Viertel der Gesamteinnahmen von Streaminganbietern umverteilt werden könnte, wodurch fast die Hälfte der dort vertretenen Profile ihr Einkommen steigern würde.

Fortschritte

Trotz massiven Aufholbedarfs an unterschiedlichen Stellen des Sektors sind Fortschritte zu beobachten. Ein Schritt in die richtige Richtung sei immerhin die Erhöhung der Fördermittel für den Musikbereich gewesen. So auch der Corona-bedingte Fokus von Verwaltung und Politik auf faire Bezahlung. Die während der Pandemie vergebenen Gelder wurden in Form von Arbeitsstipendien beibehalten und ermöglichen "Zeit für künstlerische Produktivität".

Um unter anderem bei Fördereinreichungen zu unterstützen, bietet das 1994 auf Initiative der Republik Österreich gegründete Musikinformationszentrum Mica jährlich bis zu 40 Workshops zu verschiedenen Wissensgebieten an. Als Anlaufstelle für Informationen über zeitgenössische österreichische Musik und Ansprechpartner für Musikschaffende ist der unabhängige, gemeinnützige Verein in der Öffentlichkeit zwar recht unbekannt. Seine Zielgruppe, die sich vor allem auf Berufseinsteiger in der Musikbranche fokussiert, erreiche er aber gut. "Unsere Tätigkeit ist Kulturpolitik, weil wir Wissen vermitteln. Wissen ist Selbstermächtigung", so die Mica-Direktorin.

Export

Seit September 2009 setzt Reiter als Leiterin besonders auf Unterstützung im Musikexport. Unter der Dachmarke "Austrian Music Export" widmet der Verein gemeinsam mit dem österreichischen Musikfonds einen großen Teil seiner Ressourcen der Hilfe bei Internationalisierungsbestrebungen. Auch in diesem Bereich gebe es in der Branche Aufholbedarf. "Der gesamte Sektor wünscht sich, dass der ORF als Entdeckungsplattform für österreichische Musikschaffende in ihrer ganzen Breite und Vielfalt fungiert", erläutert Reiter. Dafür müsse unter anderem das Konzept des Formatradios zumindest teilweise aufgebrochen und neu gedacht werden. "Bevor man im Export Chancen hat, muss man in Österreich Airplay haben." Als zentralen Rat für eine Person, die in der Musikbranche Fuß fassen möchte, betont Reiter daher die Wichtigkeit des Austauschs und Netzwerkens innerhalb des Musiksektors. (APA, 4.6.2024)