Zu sehen sind mehrere, in einer Projektion sich überlagernde Bilder eines Mannes in einem Keller.
In Projektionen und Überblendungen erzählt "The Making of Berlin" von Friedrich Mohr und seinem Orchestertraum.
Koen Broos

"Wir werden uns nicht an die Worte unserer Feinde erinnern, sondern an das Schweigen unserer Freunde." Mit Sätzen wie diesem, die Friedrich Mohr mit Fotografien und Briefen in einer Schuhschachtel aufbewahrt, rührt der betagte Orchesterwart im Stück The Making of Berlin bei den Wiener Festwochen im Theater Akzent. Der feinfühlige Herr ist groß projiziert auf Leinwand zu sehen, in einem – eben – Making-of-Film, der die belgische Gruppe namens Berlin bei der Arbeit am Stück über ihn begleitet.

Mohr, 1945 ein blutjunger Orchesterwart bei den Berliner Philharmonikern, musste nicht an die Front. Der Klangkörper unterstand direkt dem Propagandaministerium, wie Historikerinnen im Film erzählen. Der alte Mann trägt sichtlich Schuldgefühle mit sich. Er berichtet in elaborierten Gedanken, wie jüdische Musiker, darunter gute Freunde, aus dem Orchester entfernt wurden. Und er schildert ein letztlich gescheitertes Vorhaben einiger Orchestermitglieder, trotz Bombenhagels über Berlin 1945 in sieben über die Stadt verteilten Bunkeranlagen ein Stück aus Wagners Götterdämmerung zu spielen und live im Radio zu senden.

Maillon Théâtre de Strasbourg

Was für eine utopische Idee! Darüber macht die belgische Gruppe nun ein Dokumentartheaterstück und versucht, in Zusammenarbeit mit dem Opera Ballet Vlaanderen und einem belgischen Radiosender den einst gescheiterten Plan in die Tat umzusetzen. Man sieht, wie sich Regisseur Yves Degryse mit seinem Team in der Dramaturgie bespricht, wie er sich im mit Equipment vollgestopften Tourbus Szenen ausmalt. Wie er Friedrich Mohr in seiner Wohnung interviewt, sogar ein Wiedersehen mit einem Orchesterspieler von damals wird in einem Berliner Park arrangiert.

All das erzählt das Antwerpener Gastspiel (Uraufführung war 2022) in Filmbildern, die auf eine transparente Gaze-Leinwand projiziert werden. Die spürbare Unschärfe ist einkalkuliert, sitzen dahinter doch drei Musiker (inklusive Regisseur), die wie Geisterfiguren die stimmungsgeladene Filmmusik live generieren.

Fakten verschieben

Allmählich tauchen aber Ungereimtheiten in Mohrs Schilderungen auf. Waren die Bunker zum behaupteten Zeitpunkt nicht längst zerstört, wie Fotografien nahelegen? Und eigentlich stammt der eingangs zitierte Satz vom Erinnern und Schweigen nicht von einem Freund, sondern von Martin Luther King. Hat Friedrich Mohr die Geschichte frei erfunden? Das Theater wandelt nun bei laufendem Betrieb sein Genre. Die aufwendig dokumentierte Geschichte des Orchesterwarts, so stellt sich heraus, ist historisch nicht nachweisbar, der Abend kreist also um eine Fiktion.

"Wie weit müssen sich Fakten verschieben, dass daraus Fiktion wird?", stellt Regisseur Degryse einmal leicht verdattert die zentrale Frage. Hört eine Geschichte auf, bedeutsam zu sein, nur weil sie real nicht so stattgefunden hat? Gilt sie dann weniger, und um wie viel? All diese Überlegungen stellt The Making of Berlin an. Die Inszenierung sorgt jedenfalls für einen Aha-Effekt. Sie veranschaulicht – nur manchmal mit übersteuerter Suspense-Dramaturgie –, wie sich ein Doku-Genre perfekt kapern lässt. Und dass auch Geschichte und ihre Erzählung nicht ganz ohne Fiktion vonstattengehen. (Margarete Affenzeller, 4.6.2024)