Rund 40.000 Schülerinnen und Schüler stehen kurz vor dem Ende ihrer Schullaufbahn. Die vorwissenschaftliche Arbeit (VWA) ist längst abgegeben und benotet, die schriftliche Matura haben die Jugendlichen und jungen Erwachsenen auch schon absolviert, nur die letzten mündlichen Prüfungen stehen für viele noch an.

In versiegelten Kartons befinden sich die Prüfungsunterlagen für die schriftliche Matura. Vor der Prüfung mussten die Schülerinnen und Schüler bisher eine vorwissenschaftliche Arbeit abgeben.
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Diese drei verpflichtenden Säulen sieht die Reifeprüfung aktuell vor, doch eine geriet zuletzt ins Wanken: Die vorwissenschaftliche Arbeit an den AHS steht vor dem Aus, die Abschlussarbeit an den BMS (berufsbildenden mittleren Schulen) ebenso, die Diplomarbeit an den BHS (berufsbildenden höheren Schulen) soll reformiert werden.

In Kritik waren derartige Arbeiten bereits vor längerem geraten. Anfang des Jahres forderten die Vertreter der AHS-Lehrer, die verpflichtende vorwissenschaftliche Arbeit bei der Matura abzuschaffen. Die Österreichische Professorenunion und Christgewerkschafter führten neben "sozialer Ungerechtigkeit" auch die Einsatzmöglichkeiten von Künstlicher Intelligenz als Grund dafür an. Die mögliche Nutzung von KI würde zudem eine intensivere Betreuung verlangen und dazu führen, dass Lehrkräfte in Zeiten des Personalmangels weiter belastet würden. Die Gewerkschafter forderten im Februar daher, die Arbeit auf freiwilliger Basis fortzuführen.

Nur Diplomarbeit bleibt erhalten

Ähnlich argumentierte am Dienstag auch das Bildungsministerium. "Aufgrund der rasanten Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz wurden diese Arbeiten und auch die aktuelle Ausgestaltung dieser Arbeiten in den letzten Monaten immer wieder infrage gestellt", hieß es in einer Aussendung von Ressortchef Martin Polaschek. Polaschek setzte im Mai einen Expertenrat mit dem Ziel ein, "konkrete Vorschläge zur Zukunft der genannten abschließenden Arbeiten an Gymnasien, berufsbildenden höheren und berufsbildenden mittleren Schulen auszuarbeiten".

Auch wenn die Expertengruppe erst in den kommenden Wochen ein finales Ergebnispapier präsentieren wird, seien die Tendenzen und somit die Erkenntnis von Polaschek bereits klar, wie er nach einem Expertenrats-Summit im Bildungsministeriums mitteilte: "Wir werden die verpflichtende VWA abschaffen", erklärte der Minister. Ihm sei es "wichtig, dass diese Entscheidung an den Schulstandorten von den Schülerinnen und Schülern unterstützt von den Lehrkräften getroffen werden kann". Viele Stimmen aus den Schulen hätte ihn in diesem Schritt bestätigt. Es brauche keine "starre Vorgabe", sondern "mehr Entscheidungsmöglichkeiten für die Schülerinnen und Schüler".

Für alle rund 17.000 Maturantinnen und Maturanten an den AHS pro Jahr soll eine neue Wahlmöglichkeit kommen. Alternativ zur VWA wird in einem anderen Fach mündlich maturiert werden müssen. "Natürlich wird es aber weiterhin die freiwillige Möglichkeit geben, sich im Rahmen einer VWA in den Schulen mit einem Thema mehr zu befassen", erklärte Polaschek. Auch die Abschlussarbeiten an den berufsbildenden mittleren Schulen sollen entfallen. "Auch hier wird der Entfall der Abschlussarbeit, verbunden mit neuen Instrumenten der Reflexion im Rahmen des Fachunterrichts, thematisiert", heißt es aus dem Ministerium.

Die Diplomarbeit an den berufsbildenden höheren Schulen soll erhalten bleiben und wird "weiterentwickelt". So stellten "die im Diplomarbeitsprozess aufgebauten Kompetenzen eine wesentliche Erweiterung zur beruflichen Gesamtqualifikation" dar.

Ein finales Ergebnispapier des Expertenrates soll in den kommenden Wochen vorliegen. Noch vor dem Sommer solle Klarheit geschaffen werden und ab dem kommenden Schuljahr 2024/25 gelten.

Sinnvoll, aber stressig

Geht es nach einer Umfrage, die das Nachhilfeinstitut Lernquadrat Ende April präsentiert hat, erachten Maturantinnen und Maturanten die vorwissenschaftliche Arbeit als sinnvoll. 82 Prozent haben ihren Angaben nach dabei etwas gelernt. Gleichzeitig haben fast neun von zehn Befragten angegeben, dass die VWA, die bis spätestens Anfang des zweiten Semesters abgegeben werden muss, für noch mehr Stress im Maturajahr gesorgt habe. Vor allem Burschen und schlechte Schülerinnen und Schüler haben beim Verfassen laut der Umfrage auch auf den Chatbot ChatGPT zurückgegriffen, insgesamt war es mehr als ein Drittel der Befragten. 40 Prozent lehnen den Einsatz von KI bei der VWA ab; knapp ein Viertel hat ChatGPT ausprobiert, war aber mit dem Ergebnis unzufrieden. (Oona Kroisleitner, 4.6.2024)