Donnervogel
So könnte die bekannteste Donnervogelart Genyornis newtoni laut der neuesten Rekonstruktion ausgesehen haben.
Jacob C. Blokland

Die größten von ihnen waren über drei Meter hoch und brachten eine halbe Tonne auf die Waage. Die riesigen Donnervögel oder Dromornithidae, die auch als Mihirungs bekannt sind (nach der Aborigines-Bezeichnung für „Riesenvogel"), bewegten sich in grauer Vorzeit und auf ziemlich kräftigen Beinen durch die Wälder und Grasländer Australiens. Die Letzten von ihnen starben in etwa zur Zeit der Besiedlung Australiens durch den Menschen aus.

Eine der bekanntesten Donnervogelarten wurde bereits 1896 erstmals beschrieben: Genyornis newtoni, der bis vor rund 45.000 Jahren in Südaustralien lebte. Zwar ließen Knochenfunde Rückschlüsse auf die Größe und Masse der flugunfähigen Giganten zu, die für Donnervögel "nur" mittelgroß waren, aber auch noch gut zwei Meter maßen und knapp 250 Kilogramm schwer wurden.

Schädelfund löst Rätsel

In Ermangelung eines gut erhaltenen Schädels wusste man bis kurz kurzem nichts über die Kopf- und Schnabelform dieser Spezies, deren Lebens- und Ernährungsgewohnheiten sowie über mögliche Gründe ihres Aussterbens. Diese missliche Lage änderte sich erst dank eines ziemlich einzigartigen Fundes: Zwischen 2013 und 2019 legte ein Team um Phoebe McInerney (Flinders University in Südaustralien) im Lake Callabonna, einem heute ausgetrockneten Salzsee, mehrere Schädelfragmente und das Skelett eines Vogels frei.

Schädel Donnervogel
Die neuen Schädelfragmente von Genyornis newtoni, die einige offene Fragen beantworteten.
Flinders University

Damit klärten sich nach und nach einige Rätsel der gesamten Gruppe der Dromornithiden. Zudem bestätigten sich bisher nur vermutete Gemeinsamkeiten mit modernen Wasservögeln wie Enten, Schwänen und Gänsen. Genyornis newtoni hatte laut McInerney und ihren beiden Kollegen Jacob C. Blokland und Trevor H. Worthy einen relativ kurzen Schädel und einen sehr ungewöhnlichen Schnabel, der jenen heutiger Gänse ähnelt.

Schnabel Genyornis newtoni Gans Australien Donnervögel
Künstlerische Lebensrekonstruktion des seltsamen Schädels der Donnervogelart durch Co-Autor Jacob C. Blokland.
Jacob C. Blokland / X

Die Kiefer waren massiv und wurden von kräftigen Muskeln gestützt, was neue Schlüsse auf die Ernährungsweise von G. newtoni zulässt, wie die Forschenden im Fachblatt Historical Biology schreiben: Der Riesenvogel dürfte sich vermutlich vor allem von Süßwasserpflanzen ernährt haben.

Hatte der Schnabel zwar definitiv Gänseähnlichkeit, so erinnert der restliche Schädel an Papageien, mit denen die Donnervögel nicht eng verwandt sind, aber auch an Hühnervögel, die ihnen näherstehen. In gewisser Weise wirke das Äußere von G. newtoni wie eine seltsame Kreuzung von nur sehr weitläufig verwandten Vogelfamilien, gehöre aber letztlich zur Ordnung der Gänsevögel (Anseriformes).

Genyornis newtoni Donnervögel
Die Neuverortung der Donnervögel in der Ordnung der Vögel.
Phoebe McInerney

Klimawandel als Killer?

Die meisten Merkmale dieser ausgestorbenen Megagänse deuten also darauf hin, dass sie an die Umgebung von Sümpfen, Feuchtgebieten und Seen gut angepasst waren. Und das könnte ihnen vor rund 45.000 Jahren zum Verhängnis geworden sein, wie die Forschenden vermuten.

Lange war darüber spekuliert worden, dass ihnen die Menschen, die vor vermutlich 65.000 Jahren in Australien ankamen, den Garaus gemacht haben könnten. Bisher gibt es freilich noch keine Hinweise darauf, dass die ersten menschlichen Bewohnerinnen und Bewohner Australiens die riesigen Genyornis-Vögel jagten, um ihr Fleisch zu verzehren. Allerdings wurden Reste verbrannter Eierschalen an mehr als 200 Fundorten entdeckt. Daher liegt die Vermutung nahe, dass Menschen zumindest die Eier gebraten und verspeist haben.

In der neuen Publikation weisen McInerney und ihre Kollegen hingegen darauf hin, dass der australischen Kontinent aufgrund von Klimaveränderungen vor rund 50.000 Jahren langsam trockener wurden. Die Seen und Tümpel schrumpften, ehe sie in Südaustralien fast ganz verschwanden – und mit ihnen vermutlich auch die letzten Donnervögel. (Klaus Taschwer, 6.6.2024)