Claudia Sheinbaum in Gewinnerinnenpose mit erhobener Faust
Zur Präsidentin Mexikos gewählt: Claudia Sheinbaum.
Foto: Reuters / Raquel Cunha

Mexiko hat nach einer seltenen Wahl zwischen zwei Kandidatinnen gerade seine erste Präsidentin gewählt, und eine Rekordzahl an Frauen wurde in die Nationalversammlung Südkoreas gewählt. Doch während diese Ergebnisse willkommene Schritte in Richtung Gleichberechtigung der Geschlechter darstellen, sind sie Ausnahmeerscheinungen. Das Gesamtbild ist entmutigend.

In höchsten Ämtern

Man betrachte etwa eine andere aktuelle Wahl. 30 Jahre nach Ende der Apartheid und den ersten freien Wahlen hatten die Südafrikanerinnen und Südafrikaner noch immer keine Gelegenheit, eine Frau ins höchste Amt des Landes zu wählen. Obwohl die Mehrheit der Menschen in Südafrika, die letzte Woche an die Urnen gingen, Frauen waren, werden alle wichtigen Parteien des Landes noch immer von Männern geführt. Und Südafrika ist keine Ausnahme. Bei den Parlamentswahlen in Portugal im März errangen nur 76 Frauen Mandate – ein Rückschritt gegenüber den 85 der vorherigen Wahl.

Angesichts der Tatsache, dass 2024 ein Superwahljahr ist – in dem rund die Hälfte der Menschheit ihre Stimme abgeben wird –, stand in der Frage der Vertretung von Frauen und ihrer Teilhabe am öffentlichen Leben selten derart viel auf dem Spiel. Doch in den drei größten Ländern mit Wahlen in diesem Jahr – Indonesien, Indien und den USA – sind (beziehungsweise waren) die wichtigsten Kandidaten für das höchste Amt ausschließlich Männer. Und in Afrika, wo bis Ende des Jahres in 19 Ländern Wahlen abgehalten werden, dürfte es in nur einem Land – Namibia – eine Frau ins Präsidentenamt schaffen.

Hinter dem Ziel

Unsere globalen Ziele und Zusagen in Bezug auf Gleichberechtigung sind in Gefahr. Jüngste Daten der Vereinten Nationen zeigen, dass es bei einer Fortschreibung des derzeitigen Trends 47 Jahre dauern wird, bis Frauen in den nationalen Parlamenten und anderen gewählten Gremien im gleichen Umfang vertreten sind. Das wäre 41 Jahre nach der im Ziel für nachhaltige Entwicklung zur Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern (Ziel fünf der Sustainable Development Goals, SDGs, der Vereinten Nationen) festgelegten Frist.

Sicherzustellen, dass Frauen politische Macht haben und an der Entscheidungsfindung im gleichen Umfang beteiligt sind, ist nicht nur moralisch richtig; es birgt auch praktische Vorteile. Wenn Frauen politische Führungspositionen innehaben, legen sie den Schwerpunkt mit größerer Wahrscheinlichkeit auf für die nachhaltige Entwicklung zentrale politische Maßnahmen – von Bemühungen, sicherzustellen, dass die Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, bis hin zu einer bezahlbaren Kinderbetreuung. Zudem setzen Länder, die diese Ziele verfolgen und sich in der Regierung um Gleichberechtigung bemühen, mit größerer Wahrscheinlichkeit starke Maßnahmen zum Schutz der Menschenrechte um. Untersuchungen zeigen sogar, dass sich die Wirtschaftsleistung insgesamt verbessert, wenn Frauen ihre spezifischen Erfahrungen in die Politik einbringen.

Doch erfordern echte, bleibende Fortschritte, dass Regierungen und philanthropische Einrichtungen mehr Frauen in die Lage versetzen, sich überhaupt um diese Positionen zu bemühen. Im Jahr 2022 erhielten ausschließlich geschlechtsorientierte Projekte keinerlei SDG-bezogene Fördermittel. Tatsächlich hinkt der Fortschritt beim SDG-fünf-Ziel den übrigen 16 SDGs weit hinterher.

Pflicht zu fördern

Als Frauen in Führungsrollen haben wir eine Pflicht, auf die Untätigkeit in diesem Bereich hinzuweisen. Die Open Society Foundations haben nun durch einen neuen Fonds – den Women’s Political Leadership Fund – ihre Investitionen ausgeweitet, um es weltweit zum Normalfall zu machen, dass mutige Frauen in Führungspositionen gelangen. Ziel dabei ist es, zu helfen, die repressiven, diskriminierenden Strukturen einzureißen, die Frauen bisher daran hindern, transformative Veränderungen in ihren Gesellschaften voranzutreiben. In ähnlicher Weise engagiert sich das Ellen Johnson Sirleaf Presidential Center for Women and Development dafür, erfolgreiche und aufstrebende Frauen in öffentlichen Rollen durch seine Amujae-Initiative zu unterstützen.

Zusätzlich zu unseren eigenen Bemühungen gibt es engagierte zivilgesellschaftliche Gruppen, die sich entschlossen für die Rechte und Freiheiten von Frauen engagieren. Doch sie konkurrieren um schrumpfende Finanzmittel. Solange bilaterale und multilaterale Geber und philanthropische Einrichtungen nicht mehr Geld auf den Tisch legen, werden Frauen insbesondere in den einkommensschwachen Ländern weiterhin unter dem Mangel an Investitionen in die Stärkung ihrer Mitwirkungsmöglichkeiten leiden. Wir dürfen uns nicht scheuen, Initiativen zu unterstützen, die sich ausschließlich darauf konzentrieren, mehr Frauen in Wahlämter zu bringen. Frauen sind schon so mit genügend Hürden konfrontiert.

Starke Frauen

Lassen Sie uns 2024 zu einem Jahr der Stärkung einer neuen Generation von Frauen machen, die Führungspositionen übernehmen. Gemeinsam können wir eine Zukunft schaffen, in der starke Frauen eine treibende Kraft in der Politik sind. (Ellen Johnson Sirleaf, Binaifer Nowrojee, Übersetzung: Jan Doolan, Copyright: Project Syndicate, 5.6.2024)