"Becoming Karl Lagerfeld" mit Daniel Brühl als Karl Lagerfeld und Arnaud Valoir (re.) als Yves Saint Laurent, zu sehen auf Disney+.
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Die erste Begegnung zwischen dem 38-jährigen Karl Lagerfeld und Jacques de Brascher verläuft eher unerfreulich. Er sehe Ludwig von Bayern täuschend ähnlich, eröffnet Brascher kokett: "Interessant, dass Sie mich mit einem Verrückten vergleichen", entgegnet Lagerfeld aasig. Brascher zeigt sich kurz irritiert, wechselt das Bein, und probiert es anders – direkter: "Ich möchte Sie gern kennenlernen." Darauf reagiert Lagerfeld überhaupt nicht, was für den Anwärter das Signal ist, aufs Ganze zu gehen: Monsieur de Brascher (Théodore Pellerin) legt den Mantel ab und zeigt sich in voller Pracht: Krachlederne – Shorts natürlich. Und auch, wenn er es sich nicht anmerken lässt, so könnte diese Hartnäckigkeit doch beeindruckt haben. Brascher wird bis zu seinem Tod 1989 an Lagerfelds Seite bleiben.

Knisternde Begegnungen

Welche Aufgaben der mehr oder weniger treue Begleiter dem jungen Lagerfeld zu lösen geben wird, davon erzählt die Serie Becoming Karl Lagerfeld auf Disney+. Zum Beispiel Seitensprünge, ausgerechnet mit Yves Saint-Laurent, zu der Zeit Lagerfelds größter Konkurrent. Die 1970er bringen weitere knisternde Begegnungen, so etwa mit Marlene Dietrich, großartig gespielt von Sunnyi Melles. Im Mittelpunkt steht aber das süßsaure Leben eines Genies, das in der glamourös-schillernden Modewelt zwischen Paris, Rom und Monaco aufsteigen und anerkannt werden will. In sechs Episoden, zu sehen auf Disney+.

Berühmte Persönlichkeiten zu spielen ist immer eine Gratwanderung. Es besteht die Gefahr, dass die Interpretation in die Parodie abrutscht. Lagerfeld-Darsteller Daniel Brühl weiß das. 2013 spielte er in Rush Niki Lauda, wie Lagerfeld einzigartig auf seinem Gebiet: "Bei mir war es so, dass ich beide Male die Figuren verteidigt habe und mit einem großen Verantwortungsgefühl rangegangen bin."

Lauda und Lagerfeld

Sowohl Lauda als auch Lagerfeld seien "komplexe Geschenke" gewesen, sagt der Schauspieler im Interview mit dem STANDARD. Tatsächlich als "längeren Weg" beschreibt Brühl die Aneignung des Stils Lagerfelds, der sich als Erscheinung zu inszenieren wusste: "Aufgrund der Exzentrik und der Extravaganz der Modewelt in den 1970er-Jahren ging es mir sehr darum, das Karikaturhafte zu vermeiden", sagt Brühl.

"Ich habe erst mal viel über ihn gelesen. Die Biografien widersprechen einander zum Teil, was daran liegt, dass Karl Lagerfeld sie mitunter selbst verändert hat. Er war ja ein sehr guter Selbstpromotor, schon als junger Mann." Zum Glück gebe es "viel Material mit Interviews, in denen ich genau seine Sprache und auch seine Körperlichkeit studieren konnte - insbesondere als junger Mensch."

Karl Lagerfeld und sein Lebensgefährte Jacques de Brascher führten eine abwechslungsreiche Beziehung. Daniel Brühl (li.) und Théodore Pellerin in
Karl Lagerfeld und sein Lebensgefährte Jacques de Brascher führten eine abwechslungsreiche Beziehung. Daniel Brühl (li.) und Théodore Pellerin in "Becoming Karl Lagerfeld" bei Disney+.
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Die Frage, die sich Brühl stellte: "Wie war er als jüngerer Typ? Und da war ich richtig verblüfft, wie er aussah und wie er war." Zudem mussten eingerostete Französischkenntnisse aufgefrischt werden. "Aber am wichtigsten war, sich irgendwann zu trauen, sich einfach reinzustürzen, auszuprobieren." So geschehen in seiner Heimat Spanien und vor einem ganz speziellen Publikum: "Zwei Schafe und ein Esel haben zugesehen, wie ich mit Absätzen auf und ab spaziert bin und mit mir selbst Französisch geredet habe". Den Tieren habe es gefallen, sagt der 45-Jährige schmunzelnd: "Die Schafe mochten das. Ich habe ganz deutlich gesehen, dass sie das gut fanden."

Volle Montur

Geholfen habe auch eine persönliche Begegnung mit der Modelegende, erinnert sich Brühl: "Das war jetzt schon vor über 20 Jahren im Rahmen eines Fotoshootings, das er gemacht hat. Ich habe ihn getroffen und war sehr aufgeregt. Er hat mir die Angst nach zwei Minuten genommen, indem er einen sehr guten Witz gemacht hat. Ich kann mich leider nicht mehr genau erinnern, worum es ging. Er war in voller Montur, mit Handschuhen, verspiegelten Brille, charmant, höflich, aber auch distanziert. Ich habe seine Augen nur einmal kurz gesehen. Es gibt ein Foto davon, und wenn ich mir dieses Foto ansehe, denke ich, das ist schon irre, wie das Leben manchmal verläuft."

Sehenswert ist in jedem Fall die Garderobe, mit der sich die Modewelt zu jener Zeit schmückte. Brühl, der sich selbst modebewusst bezeichnet und als Schauspieler weiß, was ihm passt oder nicht, hat zur Lagerfeld-Couture ein eher gespaltenes Verhältnis: "Am Ende der Dreharbeiten hat mich die Kostümbildnerin gefragt: Was willst du denn behalten? Ich sagte, ehrlich gesagt, kein einziges Stück. Das ist alles too much. Ich kann das nie tragen, es sei denn, ich gehe zum Kölner Karneval." Lediglich einen Fächer habe er heimlich mitgehen lassen: "Den kann ich in Spanien gut gebrauchen, wenn es heiß wird." (Doris Priesching, 8.6.2024)

Becoming Karl Lagerfeld | Official Trailer | Hulu
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