Klimaprotest
Klimademonstranten weisen auf die Kosten von Klimaschäden hin.
AFP/EARVIN PERIAS

Die Zeichen sind unübersehbar: Seit mittlerweile einem Jahr hat jeder einzelne Monat den langjährigen Temperaturrekord gebrochen, auch dieser Mai war global der wärmste Mai der Messgeschichte. Seit inzwischen elf Monaten ist die Durchschnittstemperatur um mehr als 1,5 Grad höher als im vorindustriellen Zeitalter.

Gut möglich, dass es kurzfristig wieder kühler wird, doch die Tendenz ist klar: Wir sind dabei, das Klimaziel, das 2015 in Paris beschlossen wurde, zu verfehlen. Die Zahlen sprechen für sich und unterstreichen die Dringlichkeit von Klimaschutzmaßnahmen, daran gibt es nichts herumzudeuten – jedenfalls nicht, ohne den Boden der Evidenz zu verlassen.

Es gibt aber auch noch ganz andere Fakten, die uns zu denken geben sollten: Erst kürzlich hat eine Studie gezeigt, dass schon mit der bisherigen Erwärmung die Kosten einer Bekämpfung der Klimaschäden viel höher sind, als ein angemessener Klimaschutz kosten würde. Bis 2050 sind die Schäden bereits sechsmal teurer als die Maßnahmen, die es brauchen würde, um das Pariser Klimaabkommen einzuhalten. Schon die bisherigen Emissionen werden bis zur Mitte des Jahrhunderts einen globalen mittleren Einkommensverlust von 20 Prozent verursachen. Ab 2050 ist mit noch größerem Wohlstandsverlust aufgrund von Klimaschäden zu rechnen, wenn Klimaschutzmaßnahmen ausbleiben.

Der Planet braucht uns nicht

Die Berechnungen bestätigen abermals eine Erkenntnis, die sich seit langem abzeichnet: Wir müssen das Klima schützen, nicht um die Erde zu retten – der Planet kommt sehr gut ohne uns zurecht. Die Biodiversität gerät durch unser Handeln zwar zunehmend unter Druck, doch die Erde hat schon fünf große Artensterben hinter sich, und immer wieder hat sich aufs Neue eine erstaunliche Vielfalt an Pflanzen und Tieren entwickelt.

Es geht beim Klimaschutz nicht primär um den Planeten oder die Pflanzen und Tiere, es geht vor allem um uns selbst. Wir müssen das Klima schützen, um unseren Wohlstand zu sichern und das erreichte Maß an Lebensqualität auch für künftige Generationen zu erhalten. Nicht die Erde wird an einer unkontrollierten Erhitzung zugrunde gehen, sondern unsere Zivilisation.

Jede Verzögerungstaktik beim Klimaschutz bringt das Wirtschaftssystem und das Sozialwesen von morgen zusätzlich unter Druck. Global gesehen fällt es natürlich kaum ins Gewicht, ob im kleinen Österreich noch länger Autos mit Verbrennungsmotoren unterwegs sind. Doch auch in diesem Fall gilt: Die langfristigen Folgekosten von ausbleibendem Klimaschutz übersteigen bei weitem jene Investitionen, die jetzt für den Ausstieg aus fossiler Energie notwendig wären.

Eine zukunftsfitte Wirtschaftspolitik ist nicht möglich ohne engagierten Klimaschutz. Wer das Gegenteil behauptet, ignoriert bewusst die Fakten oder hat beim größten Problem unserer Zeit ganz grundlegend etwas missverstanden. Der Glaube, dass Verzögerungen beim Klimaschutz ökonomische Vorteile bringen könnten, ist ein fataler Irrtum, der längst vielfach durch Fakten widerlegt ist.

Es geht beim Klimaschutz nicht darum, den Weltuntergang abzuwenden, sondern darum, unsere Lebensgrundlage zu erhalten. Den Ausweg zeigt ein geflügeltes Wort auf, das in der Klimaforschung gerne paraphrasiert wird: Der beste Zeitpunkt für Klimaschutz war vor Jahrzehnten. Der zweitbeste Zeitpunkt ist jetzt. (Tanja Traxler, 5.6.2024)