Screenshot The Acolyte.
"The Acolyte" erzählt erneut von Jedi-Rittern und Bösewichten, ist zeitlich aber 100 Jahre vor "Episode 1: Die dunkle Bedrohung" angesiedelt.
Disney

Mit The Acolyte startet der Disney-Konzern seinen nächsten Anlauf, dem hauseigenen Streamingdienst Disney+ mit der Star Wars-Marke ein Alleinstellungsmerkmal zu verpassen. Die neue Serie von Leslye Headland (Russian Doll) ist hundert Jahre vor Episode 1: Die dunkle Bedrohung und somit den Ereignissen rund um Anakin Skywalker und andere bekannte Charaktere angesiedelt. In dieser Epoche der galaktischen Geschichtsschreibung herrscht weitgehend Frieden, die Jedi-Ritter fungieren als Ordnungshüter der Republik – bis das Gerüst durch zwei Zwillingsschwestern (beide gespielt von Amandla Stenberg), von denen eine der dunklen Seite der Macht verfällt, ins Wanken gerät.

The Acolyte | Official Trailer | Disney+
Star Wars

Das Setting klingt zunächst frisch und vielversprechend, Carrie-Ann Moss (Matrix) und Lee Jung-jae (Squid Game) erweitern die Besetzung um bekannte Namen. Und tatsächlich sind Kritiker, welche die ersten vier Folgen von "The Acolyte" sehen durften, davon durchaus angetan. Auf Metacritic, einer Plattform für aggregierte Bewertungen von popkulturellen Werken, sammelt die Serie bei professionellen Rezensionen 69 von 100 möglichen Punkten, bei Rotten Tomatoes sind es gar 88 Prozent Zustimmung. Laut einer Rezension von Mashable ist der neue Anlauf "genau das, was Star Wars braucht", und laut dem Paste Magazine "atmet 'The Acolyte' neues Leben in die Star Wars-Galaxie".

Alles schön und gut. Bis man sich ansieht, was die Fans zur neuen Jedi-Ritter-Story sagen. Die vergeben auf Metacritic nämlich nur magere 3,3 von zehn möglichen Punkten und auf Rotten Tomatoes nur 46 Prozent Zustimmung für die ersten beiden Folgen, die bis dato für die Allgemeinheit zu sehen sind. Während die einen frohlocken, dass Headland durch die zeitliche Abkapselung von der Skywalker-Saga mehr Gestaltungsspielraum hat, kritisieren die anderen, dass die Story dennoch platt und vorhersehbar ist, die Charaktere zu wenig Tiefgang besitzen.

Vom Fan ...

Diese Kritik kommt wenig überraschend für jemanden, der mit dem Star Wars-Franchise einst ein inniges Verhältnis pflegte und seit Disneys Übernahme des Franchise zunehmend den Glauben an dessen Zukunft verlor. Ich bin einer dieser Ex-Fans, und in meinem Werdegang werden sich wohl viele andere einstige Wegbegleiter wiederfinden.

Nachdem wir die Filme der Originaltrilogie gesehen hatten, haben wir als Kinder die Raumschiffe mit Legosteinen nachgebaut, als Jugendliche und junge Erwachsene den einen oder anderen Roman aus dem breiten Fundus gelesen und vor allem etliche Computerspiele gezockt: Tie Fighter, Dark Forces und wie sie nicht alle hießen. Auch mit Battlefront 2 verbrachten wir zig Stunden, auch wenn sich damals schon abzeichnete, dass Publisher EA – unter anderem durch die Verwendung von Glücksspielmechaniken – die Cashcow zu Tode zu melken gedachte.

In den ersten Jahren unserer Beziehung backte mir meine spätere Frau zum Geburtstag regelmäßig einen Kuchen im Darth-Vader-Look. Zu unserer Hochzeit organisierte mein Trauzeuge, dass wir statt einer Piñata mit einem Lichtschwert auf einen Todesstern aus Pappmaschee eindreschen konnten. Den Trailer zu Episode 1 habe ich mir im Jahr 1999 stundenlang über ein 56K-Modem heruntergeladen – und weil ich den Fortschrittsbalken gebannt verfolgte, anstatt für die damals anstehende Mathematik-Schularbeit zu lernen, musste ich selbige später wiederholen.

... über den Enttäuschten ...

Ähnliche Geschichten können andere Ex-Fans vermutlich auch erzählen. Und es ist schwer zu sagen, wann diese kollektive Euphorie konkret ihr Ende fand. Vermutlich war es eher ein schleichender Prozess des kontinuierlichen Niedergangs, der schon vor der Disney-Ära seinen Anfang fand, in den vergangenen Jahren aber deutlich beschleunigt wurde.

Ein Meilenstein dieser Entwicklung war sicher Episode 1: Die dunkle Bedrohung, welche fast zwei Jahrzehnte nach dem finalen Teil der Originaltrilogie, Die Rückkehr der Jedi-Ritter (1983), in den Kinos landete. Die Erwartungen der Fans waren nach der langen Wartezeit groß, der Hype war es ebenso – und umso lauter waren die Stimmen der Kritiker, die etliche Design- und Storyentscheidungen infrage stellten. Wohl niemand brachte dies damals so deutlich auf den Punkt wie der Sprecher von Red Letter Media, der Episode 1 als "die größte Enttäuschung seit meinem Sohn" bezeichnete.

Star Wars: The Phantom Menace Review (Part 1 of 7)
RedLetterMedia

George Lucas ließ sich davon nicht beirren und machte weiter, legte noch zwei Kinofilme nach. Und auch wenn diese qualitativ um keinen Deut besser waren, blieben die Fans dabei: Das neue Zeug mag zwar nicht mehr so gut sein wie das alte, aber das Franchise ist noch immer fantasievoller als Star Trek, so das Credo gegenüber den Enterprise-Fans im Freundeskreis. Vor allem: Wir hatten viel weniger Content als die Trekkies, und wir mussten wertschätzen, was wir hatten.

Dieses Blatt sollte sich wenden, als Disney Lucasfilm 2012 für 4,05 Milliarden Dollar übernahm. Dass der Konzern dieses Investment zu Geld machen will, war von Anfang an klar. Und während Episode 7: Das Erwachen der Macht 2015 anfangs so wirkte, als habe man auf die Fans gehört und liefere diesen, was sie wollen, so ist der Mangel an Mut und Einfallsreichtum in wenigen filmischen Werken so auffällig wie in diesem: Erneut gibt es einen Wüstenplaneten, erneut eine kugelförmige Killerraumstation und ein absolutistisches System, das an das Imperium erinnert, auch wenn dieses im chronologischen Filmvorgänger doch eigentlich vernichtet wurde.

... zum "Ist mir wurscht"

Ab diesem Punkt beginnen meine Erinnerungen an Star Wars – und wohl auch die vieler anderer Ex-Fans – zunehmend zu verschwimmen. Ja, es gab noch zwei weitere Filme mit Rey-Darstellerin Daisy Ridley, aber große Kinomomente finden sich darin nicht. Irgendwann in dieser Zeit erschienen dann auch die ersten Spin-off-Filme, wie etwa Rogue One, welches vor fürchterlichen Klischees nur so strotzt. Und diese Spin-off-Filme legten den Grundstein für den Serien-Overkill.

Dieser äußert sich in Staffel-Marathons wie Der Mandalorianer, Ahsoka, The Book of Boba Fett und Obi-Wan Kenobi, die von Disney gefühlt schneller veröffentlicht werden, als das Publikum sie verarbeiten kann. Gemein haben sie, dass sie meist Nebenhandlungen zur Skywalker-Saga aus den Filmen erzählen – und genau darin liegt das Problem: Die dort porträtierten Charaktere und ihre Anliegen sind belanglos, der Zuschauer kann sich nicht mit ihnen identifizieren. Das haben die ehemaligen Fans spätestens gemerkt, als Ahsoka auf irgendeinem Planeten irgendeinen Freund rettete, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnern kann.

Too little, too late

Das soll nicht heißen, dass es keine Lichtblicke gab: Die ersten Folgen von Der Mandalorianer versprachen ein frisches Western-Setting, bevor sich die Handlung in Belanglosigkeiten verlor. Das düstere Andor brachte nicht nur eine andere Atmosphäre, sondern auch neue Erzählformen in das Franchise. Und auch The Acolyte bietet nun die Chance, neue Geschichten in einem unverbrauchten Setting zu erzählen.

Leider fallen diese wenigen Ausnahmen aber in die Kategorie des "Too little, too late" – und es ist verständlich, wenn viele ehemalige Fans angesichts des vorherigen Overkills der Banalitäten trotz positiver Kritiken nur noch gelangweilt die Schultern zucken und sich lieber frischeren Settings wie jenem von Fallout zuwenden. Weil sie inzwischen erkannt haben, dass die Geschichte von Star Wars seit Episode 3, wenn nicht sogar seit Episode 6 im Jahr 1983 längst fertigerzählt wurde. Vor langer Zeit, in einer weit, weit entfernten Ära. (Stefan Mey, 6.5.2024)