Mineralwasserflaschen
Die Auswahl an Mineralwässern ist riesig. Zwischen aromatisierten Wässerchen, Trink-Hype und Wasser als Lifestyle-Objekt hat sich eine fast schon perverse Form des Geschäfts um den Quell des Lebens gebildet: Luxuswässer, die in exotischen Orten abgefüllt und zu horrenden Preisen angeboten werden.
AFP/JOEL SAGET

Ein Päckchen Pulver mit Ananasgeschmack, drei Spritzer Kokosnusssirup in den halben Liter Wasser, viel Eis dazu und fertig ist das "Wasser des Tages". So bezeichnet Tonya Spanglo ihre Kreationen auf der Video-Plattform Tiktok. Sie schmecke nach Piña Colada, dazu singt sie aufgedreht "If you like Piña Colada", als würde sie einen richtigen Cocktail schlürfen. Über fünfeinhalb Millionen Mal wurde das Video aufgerufen, in dem die US-Amerikanerin Wasser mit Brause und Sirup versetzt. Spanglo gehört zu den bekanntesten Wasser-Influencerinnen auf der Social-Media-App.

Mit ihren Wässerchen erreicht Spanglo Millionen an Userinnen und Usern und beeinflusst Hunderte Nachahmer. Das Zubereiten von aromatisierten Wasser erlebte vergangenes Jahr einen Hype auf Tiktok. Sogar ein eigener Hashtag wurde durch den Wasser-Trink-Trend geboren. Unter #WaterTok findet man knapp 100.000 Videos, in denen Menschen ihre Kreationen präsentieren. Dabei geht es nicht nur um den Ekelfaktor, auch ein gewisser gesundheitlicher Aspekt spielt hier mit – man mag es trotz Kaugummi-Sirups kaum glauben. Wie Spanglo und andere User beschreiben, ersetzen diese Wasser-Cocktails für viele Cola und andere zuckrige Limonaden. Spanglo verwendet nur zuckerfreie und kalorienarme Sirupe und Brause für ihr Wasser. Andere wiederum schreiben, dass sie erst mit solchen Tricks schaffen, genug Wasser zu trinken.

2023 Stanley Tumbler TikTok WaterTok Water Recipes compilation!
WaterTok

Wassertrinken ist ein Social-Media-Trend, der nicht nur mit trashigen Wassercocktails zu tun hat. Influencer und Memes rufen zur "Hydration", also zum Wassertrinken, auf. Beauty-Expertinnen geben für schöne straffe Haut einen simplen Tipp: reichlich Wasser trinken. Mit bunten und stylischen Flaschen wird die Wasserzufuhr als absolutes Muss inszeniert. Besonders bei der Gen Z gilt Wassertrinken als hip und gar nicht mehr fad.

Wasser ist essenziell für einen "gesunden, nachhaltigen und sanften Lifestyle", wie Katharina Auer-Zotlöterer, Professorin für Marketing an der Universität Wien, sagt. Die sogenannte Self-Care rückt das Trinken von Wasser in den Vordergrund. Menschen besitzen ein neues Bewusstsein für Wasser, beschäftigen sich mit dessen Herkunft und dem Geschmack, sagt auch die Wasser-Sommelière Gerlinde Mock. Wasser als Genussmittel macht solche Berufe möglich. Welches Wasser Kaffee- oder Teenoten hervorhebt, welches Wasser Sportler trinken sollen, welches besser zum Steak schmeckt – das alles weiß die Sommelière. Wasser ist eben nicht gleich Wasser.

Edle Erfrischung

Zwischen aromatisierten Wässerchen, Trink-Hype und Wasser als Lifestyle-Objekt hat sich eine fast schon perverse Form des Geschäfts um den Quell des Lebens gebildet: Luxuswässer, die in exotischen Orten abgefüllt und zu horrenden Preisen angeboten werden. Fiji-Water ist eines der bekanntesten Marken edler Mineralwässer. Preislich immerhin noch erschwinglich: Eine Ein-Liter-Flasche kostet in den hiesigen Supermärkten knapp vier Euro. Der Umweltaspekt ist die andere Seite der Medaille: Das Wasser aus dem Südwestpazifik hat einen Transportweg von über 16.000 Kilometern hinter sich. Das "feinste Wasser der Erde", wie sich Fiji-Water selbst bezeichnet, hinterlässt damit einen gewaltigen CO₂-Abdruck.

Mineralwasserflaschen aus aus aller Welt
Das Wasser von den Fiji-Inseln (zweite Flasche von links) wird als "feinstes Wasser der Erde" beworben.
Getty Images

Klimaschädlicher, exotischer und vor allem teurer geht es im Segment der Luxuswässer aber allemal. Dabei müssen zwei Arten unterschieden werden: jene, deren Wasser besondere Inhaltsstoffe zugeschrieben und jene, die in exklusiven Flaschen abgefüllt werden. Das angeblich teuerste Wasser der Welt fällt in letztere Kategorie. "Acqua di Cristallo Tributo a Modigliani" nennt sich die kostspieligste Wasserflasche überhaupt. Die Glasflasche in Form eines Gesichtes basiert auf Kunstwerken des verstorbenen italienischen Künstlers Amedeo Clemente Modigliani und ist mit 24-karätigem Gold überzogen. Um knappe 55.000 Euro wurde das Wasserflaschenkunstwerk 2010 versteigert. Ja, das hat wirklich jemand gezahlt. Der Inhalt ist im Vergleich zur Flasche schon fast ein Gschloder: Abgefüllt wurde ein Cuvée aus französischem Quellwasser, Wasser aus Fidschi und isländischem Gletscherwasser.

Eines der teuersten, aber leistbareren Luxuswässer stammte ebenso vom Gletscher. Bis 2020 wurde unter dem Markennamen "Svalbardi" Wasser von schmelzenden Eisbergen in Spitzbergen abgefüllt. Zwischen 65 und 300 Euro musste man für das Polarwasser zahlen. Andere Wässer werben ebenso mit besonderen Abfüllmethoden: "Pineo" aus den spanischen Pyrenäen wird nur bei Vollmond abgefüllt. Beim japanischen Wasser "Rokko No Mizu" steht das Abfüllgebiet im Fokus: Dort lebt eine überdurchschnittlich hohe Anzahl an Über-Hundertjährigen. Deswegen wird dem Wasser, das rund 100 Euro kostet, eine lebensverlängernde Wirkung zugeschrieben.

Millionenbusiness

"Ökologisch ist es vollkommen widersinnig, in einem Land wie Österreich importiertes Mineralwasser zu trinken", sagt die Marketingexpertin, "aber Konsumentinnen und Konsumenten sind vielseitig getrieben in ihren Bedürfnissen". Die Wasser-Sommelière zieht einen Vergleich zum Wein: "Brauchen wir australische Weine? Mich interessieren eben auch andere Produkte, auch wenn ich sie nicht täglich trinke."

Man gibt einem Impuls nach, will etwas Neues oder Exotisches ausprobieren oder verbindet damit positive Erlebnisse wie einen Urlaub oder eine Romanze, erklärt Auer-Zotlöterer die Gründe, zu solchen Wässern zu greifen.

Das Geschäft mit dem Wasser ist auch abseits des Edel-Mineralwassers ein Millionenbusiness. In Österreich allein werden pro Jahr mehr als 670 Millionen Liter Mineralwasser getrunken, das sind durchschnittlich 83 Liter pro Person, Tendenz steigend – trotz der hohen Leitungswasserqualität, die im Land vorherrscht. "Den beiden traditionellen Marken Vöslauer und Römerquelle ist es sehr gut gelungen, ihre Produkte als Alltagsbegleiter zu positionieren", sagt Auer-Zotlöterer. Die Marken bauen auf Emotionen, Wohlbefinden und Vitalität. Nicht durchgesetzt hat sich Lunaqua aus dem Hause Red Bull Anfang der Nullerjahre, ein nur bei Vollmond abgefülltes Mineralwasser.

Aludose, Liquid Death, Wasser
In Dosen abgefüllt und mit auffallendem Logo wurde oberösterreichisches Wasser in den USA als Lifestyle-Getränk vertrieben.
Liquid Death

Österreichisches Wasser wird aber nicht nur hierzulande getrunken. Die US-amerikanische Marke "Liquid Death" importierte Wasser aus dem oberösterreichischen Frankenmarkt in die USA. In Dosen abgefüllt und mit auffallendem Logo wurde das Wasser dort als Lifestyle-Getränk vertrieben. "Die Marke richtet sich an junge Zielgruppen, die sich in vielerlei Hinsicht von anderen Gruppen abgrenzen wollen: Einerseits gegenüber allem was für 'Traditionelles' steht, andererseits gegenüber allem, was 'Mainstream' ist." Auf Amazon war das Wasser in der Dose im Zwölferpack für knapp 18 Euro zu haben. Verpackung und Name erregen Aufmerksamkeit und irritieren, sagt die Marketingexpertin. Das finde durchaus eine Zielgruppe. Österreichisches Wasser quer über den Atlantik zu schiffen, war für den Produzenten mit Ende vergangenen Jahres zu teuer: Man stellte die Kooperation ein und wechselte zu einem Abfüller im US-Bundesstaat Virginia.

Mineralwasser mausert sich

Der heutige Trend zum (Mineral-)Wasser geht mit dem Aufstieg von Limonaden in der Mitte des 20. Jahrhunderts einher, wie Auer-Zotlöterer sagt. Süße Sprudelgetränke wie Coca-Cola gewannen eine große Anhängerschaft. Diese Getränke sprachen "genussorientierte" Konsumenten an, so die Expertin, die solche Limonaden dem herkömmlichen Leitungswasser als Durstlöscher bevorzugten. "Mineral- beziehungsweise Sodawasser diente vor allem dem Spritzen von Säften, Sirup oder Wein", sagt die Marketingprofessorin. In den Achtzigerjahren kam es dann zu einem Umschwung hin zu mehr Gesundheitsbewusstsein: Fitness und fettarme Ernährung wurden zum Massenphänomen. Da passte ein Zuckertrankerl aus der Dose nicht mehr dazu. Die Leute konsumierten wieder vermehrt Säfte und Mineralwasser. Limos setzten auf Süßungsmittel statt Zucker. Coca-Cola zum Beispiel lancierte 1982 die kalorienarme Light-Version ihres Getränks, ganz dem Zeitgeist entsprechend.

"Ende der 1990er-Jahren hatte sich das Mineralwasser vor allem in der gehobenen Mittelschicht weitgehend als antialkoholisches Tischgetränk für Erwachsene durchgesetzt", sagt Marketingexpertin Auer-Zotlöterer. Im Lokal schenkte man Evian oder San Pellegrino ein. Damit sollte Exklusivität signalisiert werden. In dieser Zeit wurde auch das bereits erwähnte Fiji-Water lanciert – luxuriöser ging es damals kaum. Wer etwas auf sich hielt, setzte auf Wasser aus Übersee.

Quelle, Wasser, Glas
Leitungswasser steht Mineralwasser in nichts nach.
Getty Images

Das Umschwenken der Bevölkerung auf Mineralwasser und die stärkere Bedeutung am Markt blieb den globalen Getränkeherstellern natürlich nicht verborgen. Der Riesenkonzern Coca-Cola begann um die Jahrtausendwende zahlreiche Mineralwasserabfüller aufzukaufen. In Österreich gehört die Marke Römerquelle seit 2003 zum Unternehmen.

Wobei Mineralwasser als besseres und gehaltvolleres Wasser gegenüber dem Leitungswasser auch nur ein Marketing-Schmäh ist. Es gibt keine wissenschaftlichen Belege, dass Mineralwasser gesünder oder besser für den Menschen sei als herkömmliches Leitungswasser. Untersuchungen des VKI haben ergeben, dass beide Wasserarten eine ähnliche Mineralisierung besitzen. Mineralwasser kaufen viele wegen des Sprudels.

Die Heimsprudelanlage Soda Stream konnte sich etablieren, in den Geschäften mischten sogenannte Near-Water-Produkte, also Wasser mit Geschmack, den Markt auf. In diese Kerbe schlagen derzeit Start-ups wie das Unternehmen Water Drop. Dieses bietet einen wasserlöslichen Würfel an, der das Wasser mit Brombeere oder Zitroneneisteegeschmack aromatisiert. Brausetabletten nur in cool. Ähnliches bietet die Firma Air-up an: dort trinkt man klassisches Wasser, der Geschmack wird durch das Riechen an einer Duftkapsel über die Nase aufgenommen. Diese Produkte "zielen auf eine andere Konsumentengruppe ab, jene, die Self-Care und Nachhaltigkeit in den Vordergrund stellt", sagt die Marketingexpertin.

Der Kampf ums Wasser

Die steigende Nachfrage nach Mineralwasser im Land hat laut WKO auch mit den höheren Temperaturen zu tun, die durch die Klimakrise häufiger auftreten. Das sind die ersten Vorboten um das zukünftige Geschäft mit dem Wasser. Die Ressource Wasser wird knapper, der Preis steigen. Am Markt werden nur mehr die großen Player übrigbleiben, die alles bestimmen, sagt die Marketingexpertin voraus. Die Lebensnotwendigkeit von Wasser rückt stärker in den Fokus, bestätigt auch die Wasser-Sommelière.

Konzernlogo, Nestlé
Der Nahrungsmittelkonzern Nestlé steht immer wieder in der Kritik. Der Vorwurf: Man grabe den Menschen im globalen Süden buchstäblich das Wasser ab.
AFP/FABRICE COFFRINI

Im globalen Süden ist die Wasserknappheit bereits heute ein gewaltiges Problem. Der umstrittene Lebensmittelkonzern Nestlé gräbt in Teilen Afrikas das Grundwasser ab, um dieses dann weltweit als Tafelwasser in Flaschen zu verkaufen. Das Unternehmen steht dafür immer wieder in der Kritik. Wasser in Regionen abpumpen, in denen es zu schweren und langanhaltenden Dürren kommt und die Bevölkerung Wasser rationieren muss – Nestlé sieht darin kein Problem: Man habe die Wasserrechte gekauft und beeinflusse auch nicht das Wasservorkommen. 2018 machte Nestlé mit Wasser allein rund sieben Milliarden Euro Umsatz.

Bei uns steht noch der Genuss im Vordergrund. "Wir sind sehr verwöhnt mit unserem Leitungswasser", sagt Mock. Wir müssen nur den Hahn aufdrehen, um richtig gutes Wasser zu bekommen. Importe aus der Südsee oder der Polarregion bräuchte es nicht. Wasser wie Kaugummi oder Kuchen zu aromatisieren auch nicht. Eigentlich reicht ein Glas kaltes, klares Wasser. (RONDO Exklusiv, Kevin Recher, 13.6.2024)