Die Taschen sind schwer und voll mit Steinen, einer schöner als der andere, und ein paar kommen mit nach Hause. Vor ein paar Jahren, bei einer geologischen Exkursion im wunderschönen Unesco Global Geopark Villuercas-Ibores-Jara in Extremadura und nahe dem kleinen Ort Guadalupe, war sogar ein schön geformter Bergkristall dabei. Der lag einfach so zwischen anderen Steinen auf einem kleinen Rest von Gondwana herum; mein Kind freut sich immer sehr über solche Mitbringsel. So sind unsere Wanderausflüge. Für meine Feldforschung kommen geologischer Hammer und Landkarten mit, und weil die Taschen dann meist nicht mehr ausreichen, landen die Gesteinsproben in Säckchen verpackt im Rucksack.

So auch vor kurzem für geologisch-archäometrische Feldarbeit auf der Insel Kos in Griechenland. Diese Insel ist Teil des südägäischen Vulkanbogens, wurde durch zwei große Vulkanausbrüche vor circa 3,5 Millionen Jahren und vor circa 161.000 Jahren geprägt und besteht aus einer Vielzahl an Gesteinsformationen, die Ocker bilden können. Genau danach suchten wir.

Geologische Formation auf Kos: Der Hammer fehlt nie.
Alexandra Rodler-Rørbo

Gelbocker und Rotocker

Ocker kann in vielen verschiedenen Farben vorkommen. Wir machten uns auf die Suche nach rotem und gelbem Ocker. Gar so leuchtend rot oder eben gelb sind sie in der Landschaft dann aber meist doch nicht. Wir mussten uns also schon ein bisschen bemühen. Ocker sind Gemische aus Tonen, Quarz, Karbonat und farbgebenden Metalloxiden oder Metallhydroxiden wie Hämatit für Rotocker oder Goethit für Gelbocker. Zumeist kommen Ocker an der Erdoberfläche vor und entstehen durch die Verwitterung von Gesteinen, an Flussläufen und Grubenwässern. Die Farbe hängt auch ein wenig davon ab, wie grob- oder feinkörnig der Ocker ist.

Pause während der geologischen Feldarbeit auf der Insel Kos mit Ausblick aufs Meer.
Alexandra Rodler-Rørbo

Nachdem Wurzelreste entfernt und Ockerstücke fein gemahlen sind, werden dann aus solchen natürlichen Ockervorkommen die Erdpigmente Rotocker oder Gelbocker gewonnen. Gelbocker kann durch Hitze über 300 Grad Celsius auch zu Rotocker umgewandelt werden. Diese zwei zählen wohl zu den am häufigsten verwendeten Farbmaterialien in der Menschheitsgeschichte, und ihre Verwendung beginnt bereits mit frühen Höhlenmalereien und umfasst alles Menschenerdenkliche von (Lebens-)Räumen über Grabstätten bis hin zu Gebrauchsgegenständen. Besonders häufig war ihre Verwendung auch in der antiken Kunst im Mittelmeerraum, und dort bewegt sich auch meine Forschung.

Handelswege

Gerade bei Rohstoffen wie Ocker, die recht häufig natürlich vorkommen, wird angenommen, dass wahrscheinlich einfach lokal verfügbares Material zur Pigmentherstellung verwendet wurde. Ob das nun auch so war, ist jedoch noch eine offene Frage. Die archäometrische Erforschung der Herkunft von Rohstoffen für die Pigmentproduktion steckt noch in den Kinderschuhen und hinkt Keramik-, Glas- oder Metallartefakten weit hinterher – auf dem Weg von Rohmaterialien zum Kunstwerk ist noch vieles unbekannt.

Skeptische Unterstützung beim Probensortieren und -einpacken – der geologische Hammer fehlt auch hier nicht.
Alexandra Rodler-Rørbo

Was wir schon wissen, ist, dass die Qualität und die Herkunft von Rohstoffen für die Pigmentproduktion und -verwendung wichtig genug waren, um von antiken Autoren erwähnt zu werden. Schon der griechische Philosoph Theophrast (ca. 371 bis 287 vor unserer Zeitrechnung, v. u. Z.) erwähnt Kappadokien, in der heutigen Türkei, als wichtige Quelle von hervorragendem Rot- und Gelbocker, die über Sinope gehandelt wurden. Sinope war bereits in der Antike eine wichtige Hafen- und Handelsstadt an der Schwarzmeerküste.

Auch der römische Architekt Vitruv (ca. 80/70 bis 15 v. u. Z.), der römische Beamte Plinius der Ältere († 79 unserer Zeitrechnung, u. Z.) und der römische Arzt Dioskurides (ca. 40 bis 90 u. Z.) erwähnen die Verbindung von Kappadokien und Sinope für den Pigmenthandel. Später wird der Name Sinopia sogar synonym für Rotocker verwendet. Obwohl diese Schriftquellen nicht von pigmentherstellenden und -handelnden Menschen verfasst wurden, geben sie einen Einblick in Handelsverbindungen. Das und ein Hinweis darauf, dass ein besseres Verständnis der Pigmentproduktions- und Handelsnetzwerke auch kulturelle Beziehungen auf ganz neue Art und Weise erschließen könnte.

Pigmentproduktion in der späthellenistischen Stadt Kos

In der Antike gab es Gebäude mit vielfarbigen Wandmalereien und auch bunt bemalte Skulpturen. Wir wissen also auch, dass der Bedarf an Pigmenten nicht unbeachtlich war. Außerdem kennen wir bereits ein paar Werkstätten, wo Pigmente produziert wurden. Eine solche befindet sich in der späthellenistischen Stadt, die sich zum Teil noch immer unter der heutigen Stadt Kos auf der Insel Kos befindet.

Direkt im Zentrum der heutigen Hauptstadt von Kos und als Teil der späthellenistischen Agora kommen ein paar Mauerreste und Reste von Brennöfen zum Vorschein, die ins erste Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung datiert werden. Dank der sorgfältigen Arbeit vieler Archäolog:innengenerationen ist es heute klar, dass dort neben Metallen auch verschiedene Pigmente produziert wurden. Neben Erdpigmenten, also kleinen Brocken von verarbeiteten Rot- und Gelbocker, wurden auch etliche Ägyptisch-Blau-Kügelchen gefunden.

Für die Produktion von Ägyptisch Blau brauchte diese Werkstatt ausreichend Quarz, Karbonat und als farbgebende Zutat auch noch Kupfer. Lokale Sandstrände hätten Quarz und Karbonat beisteuern können; woher Kupfer für die Ägyptisch-Blau-Produktion auf Kos kam, ist jedoch nicht klar. Lokale Vorkommen gibt es jedenfalls keine.

Ausblick von Aspri Petra übers Meer.
Alexandra Rodler-Rørbo

Um herauszufinden, ob wenigstens lokale Rot- und Gelbocker in dieser Pigmentwerkstatt verarbeitet wurden, machten wir uns mit Hammer, geologischen Landkarten und Rucksack auf, um Proben an verschiedenen Standorten über die Insel Kos verstreut zu sammeln. Dabei konnten wir den höchsten Berg auf Kos (Dikaios) von Zia aus besuchen, ebenso eine heiße Quelle südlich der Hauptstadt und eine bereits neolithisch bewohnte Höhle in der Nähe von Kefalos. Ein sehr kleines und zu Beginn noch weißes Mietauto brachte uns über etliche Schotterwege überall hin und ließ uns zum Glück nie im Stich. Am schönsten war sicher die Aussicht von Aspri Petra übers Meer, in Richtung der Nachbarinseln Gyali und Nisyros.

Proben von Ocker, die nahe der hydrothermalen Quelle, südlich von Kos Stadt, gesammelt wurden, sind trotzdem am vielversprechendsten. Neben mineralogischen Untersuchungen werden auch Spurenelement- und Isotopenuntersuchungen Teil dieser Forschung sein. Das ist dann wie ein Fingerabdruck, der verwendet wird, um die natürlich vorkommenden Ocker mit den Erdpigmenten aus der späthellenistischen Pigmentwerkstatt und mit Erdpigmenten von Wandmalereien aus Kos Stadt zu vergleichen.

Zusammen bilden die archäologischen und geologischen Informationen, die auf Kos gesammelt wurden, dann eine wichtige Grundlage für weitere Forschungen: eine Referenzsammlung, die auf Pigmente angepasst ist. Die im Feld gesammelten und im Labor analysierten Proben machen es schließlich möglich, lokale Pigmentproduktion und Rohstoffhandel besser zu verstehen – und damit die Interaktionen zwischen Menschen und von Menschen mit ihrer natürlichen Umgebung. (Alexandra Rodler-Rørbo, 11.6.2024)