Serhij Schadan steht bei der Preisverleihung an einem Rednerpult.
Würdigung des literarischen Werks: Schriftsteller Schadan bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche im Oktober 2022.
Reuters/Wolfgang Rattay

Er gilt als eine der wichtigsten Stimmen der ukrainischen Gegenwartsliteratur. Eines seiner Gedichte wurde im Februar 2023 von der amerikanischen Schauspielerin Helen Mirren auf dem Londoner Trafalgar Square vorgetragen. Den eindringlichen Worten, mit denen sich der Schriftsteller in dem bereits 2014 entstandenen Gedicht gegen den Krieg wandte, ließ der Dichter zunächst humanitäre und nun – im dritten Jahr des russischen Großangriffs auf die Ukraine – militärische Aktionen folgen: Ein am Donnerstag veröffentlichtes Foto zeigt den Autor in Militäruniform hinter einem Kalaschnikow-Sturmgewehr. Seine Ende März angedeuteten Pläne, einem Bataillon der ukrainischen Nationalgarde beizutreten, hat er damit offiziell in die Tat umgesetzt: "Ich diene dem ukrainischen Volk :)", schrieb Schadan am Donnerstag.

Als unzureichend empfundene Hilfe

Den Schritt, für die Ukraine nicht mehr mit der sprichwörtlichen Feder, sondern mit dem ebenso sprichwörtlichen Schwert zu kämpfen, begründete Schadan auch mit der als nachlässig empfundenen Hilfe des Westens für die angegriffene Ukraine. Wie der Schweizer Professor für Osteuropastudien, Ulrich M. Schmid, im April für die NZZ schrieb, sei dies "Ausdruck einer Resignation über die mangelnde Unterstützung aus dem Westen". Bereits im Februar hatte Schadan seine Reisen ins Ausland zu Unterstützungsveranstaltungen abgesagt. Er nannte als Grund für die Absagen seine wachsende Frustration darüber, dass er im Westen argumentieren müsse, die Ukraine werde angegriffen und Russland sei der Urheber der Aggression.

Der Schriftsteller postete am Donnerstag auf Facebook ein Bild das ihn in Militäruniform und mit einem auseinandergebauten Sturmgewehr zeigt. Das ukrainische Heer übernahm dies.
Der Tarnkleidung tragende Schriftsteller Serhij Schadan in halb kniender Position über einer zerlegten AK.

Der auch von der ukrainischen Agentur RBK Ukraina bestätigte Eintritt des Dichters in die Nationalgarde kann als Zeichen der zunehmenden Verzweiflung einiger ukrainischer Kunstschaffender verstanden werden. Bei einer Tagung im März wurde der ebenfalls prominente ukrainische Autor Jurij Andruchowytsch etwa gefragt, ob man denn wirklich von russischem Imperialismus sprechen könne – was dieser unter anderem mit der Aufforderung quittierte, man möge diese Frage in beschossenen Orten der Ukraine stellen.

Aktivistischer Autor

Der 1974 in der Oblast Luhansk geborene Schadan arbeitet in seiner Wahlheimat Charkiw als Schriftsteller, Dichter, Übersetzer und Rocksänger. Während der Orangen Revolution Anfang der 2000er-Jahre und bei den Euromaidan-Protesten 2014 engagierte sich Schadan politisch. 2017 gründete er einen Hilfsfonds, der kulturelle, pädagogische und humanitäre Arbeit leistet. Für sein literarisches Werk erhielt Schadan zahlreiche Preise, darunter 2014 den BBC-Preis "Ukrainian Book of the Decade" und 2022 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Im selben Jahr wurde er von der Polnischen Akademie der Wissenschaften für den Literaturnobelpreis nominiert.

Bei der Verleihung des Friedenspreises in der Frankfurter Paulskirche kritisierte Schadan die aus seiner Sicht mangelnde Solidarität des Westens. Die warmen Häuser Europas seien mit "vernichteten Existenzen und zerstörten Häusern von Menschen erkauft, die auch in einem friedlichen und ruhigen Land leben wollten".

Der Dichter Serhij Schadan steht lesend auf einer Bühne. 
Serhij Schadan bei einer Lesung im zentralukrainischen Saporischschja im November 2023.
Meridian Czernowitz

In seinem von Helen Mirren verlesenen Gedicht Wіsmi Lische Najwaschliwіsche ("Nimm nur das Nötigste mit"), zeichnet Schadan ein herzzerreißendes Bild von Menschen, die nach dem Krieg im Donbass auf der Flucht waren: "Nimm nur das Wichtigste mit. Nimm die Briefe mit / Nimm nur, was du tragen kannst / (...) Nimm etwas Brot, das Gemüse aus dem Garten, dann geh. Wir werden nie mehr zurückkehren", heißt es in dem Gedicht (Wiedergabe nach Original und englischer Übertragung). Das Poem schließt mit den Worten: "die Stille eines Friedhofs, der Lärm eines Gefechtsstandes / und Listen der Toten, gedruckt ohne Korrekturen, / die so lang sind, dass die Zeit nicht ausreicht, / um den eigenen Namen darauf zu suchen". (Noah Westermayer, 6.6.2024)