Eine Frau legt mit einer Hand eine Holzeisenbahn in eine Kiste. Darin liegen schon ein Teddybär, eine Decke und drei Jeans.
Unsere Autorinnen sind sich uneins, ob das Loswerden von Dingen langfristig wirklich befriedigend ist.
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Pro

Zugegeben, es kostet etwas Überwindung, etwa wenn ich auf dem Boden sitzend Kinderkleidung aussortiere: Da kommt mir dann diese eine grüne Latzhose in die Hände, die zwar megaherzig ausschaut, die wir dem Kind aber kein einziges Mal angezogen haben, weil sie einfach unpraktisch ist. Wieso sollte ich sie also aufheben?

Das Gefühl, wenn sie im Altkleidersack verschwindet, ist einfach himmlisch und überwiegt jeden Funken Wehmut. Dinge loszuwerden, die dann nicht mehr verstaut, aufgeräumt oder sonst wie bedacht werden müssen, ist das beste Gefühl überhaupt. Statt 20 kleinen Matchboxautos reichen einfach auch zehn. Das sind immerhin zehn weniger, die ich dann abends in die Hand nehmen und in eine Spielzeugkiste schmeißen muss.

Obwohl wir als Familie vom Minimalismus weit entfernt sind – mein Mann würde hier sicherlich zustimmend und heftig nicken – und auch ich die eine oder andere alte Schuhschachtel im Schrank stehen habe (weil die könnte ja irgendwann noch einmal praktisch sein), habe ich das Ausmisten liebgewonnen.

Denn Fakt ist: Die meisten von uns haben einfach viel zu viel Zeug. Vor allem Familien sind betroffen. Ich weiß selbst nicht so genau, wo das alles überhaupt herkommt. Großeltern, die Überraschungseier, Kinderpullis und Playmobilsets vorbeibringen, haben aber jedenfalls etwas damit zu tun.

Und sogar das Kind ist mit weniger Sachen glücklich – auch wenn es das auf Nachfrage wohl so nicht bestätigen würde. Uns ist jedenfalls aufgefallen: Je weniger Zeug im Spielzeugregal liegt, desto mehr wird damit gespielt.

Und wem das Loslassen schwerfällt: Unlängst habe ich gelesen, dass man nur Dinge behalten sollte, die man noch einmal kaufen würde. Mit dieser Methode wird aus Ausmisten fast Shoppen im eigenen Heim – das müsste doch für viele ein Anreiz sein. (Bernadette Redl)

Kontra

Ja, auch ich bin vor einigen Jahren dem Hype um Marie Kondō verfallen und habe gnadenlos ausgemistet. Kleidung, Elektrogeräte, Dekozeugs – alles, was keine "Joy" mehr "sparkte", so nannte die Aufräumexpertin das damals, wurde zumindest schwer infrage gestellt, manches online verkauft oder im Rahmen einer Kleidertauschparty weiterverschenkt.

Und es war tatsächlich manch unnötiges Zeug dabei. Wer braucht zum Beispiel einen Eierköpfer, noch dazu in einem veganen Haushalt? Weg damit. Viel schwerer wiegen aber jene ausgemisteten Dinge, die mir seither schmerzhaft abgegangen sind. Der Sandwichmaker zum Beispiel oder der riesengroße orange Blazer, der zu Kleidern immer so toll ausgesehen hat.

Beides hatte lange Zeit ein trauriges Dasein im Schrank gefristet. Aber zumindest in der Mode gilt: Alles kommt irgendwann wieder. Und dieses Irgendwann wäre jetzt. Darum habe ich schon vorsichtige Erkundungen gemacht, wer aus meinem Bekanntenkreis damals bei der Kleidertauschparty wohl den Blazer mitgenommen hat. Bisher erfolglos.

Von meinem Marie-Kondō-Wahn bin ich jedenfalls bekehrt. Manches liegt möglicherweise tatsächlich eine Weile ungenutzt im Schrank. Und nicht jeder Gebrauchsgegenstand bringt einem stets Freude. Aber irgendwann braucht man alles wieder – spätestens wenn Kinder zu Besuch kommen, die nach Käsetoast verlangen.

Weitaus nachhaltiger und besser für meine Psyche ist es da, mir jede Neuanschaffung genau zu überlegen, um gleich gar kein unnötiges Zeug zu Hause anzuhäufen. Vieles muss man heute gar nicht mehr besitzen. Werkzeug und sogar Handtaschen kann man längst mieten. Und wer weniger Kramuri anhäuft, lebt nicht nur nachhaltiger, sondern spart sich auch viele Stunden an Lebenszeit, die mit mühsamen Ausmisten draufgehen. Aber wer hat jetzt noch einmal meinen orangen Blazer? (Franziska Zoidl, 8.6.2024)