Das Bild zeigt Apple-Geräte mit Apple Intelligence
Die neuen Betriebssysteme iOS 18, iPad OS 18 und MacOS Sequoia unterstützen alle Apple Intelligence, ein Bündel an KI-Funktionen für das gesamte Ökosystem.
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Im Wettlauf der großen Tech-Konzerne um die besseren KI-Funktionen ist Apple bislang eher mit offenen Schnürsenkeln angetreten – wenn nicht überhaupt barfuß. Während Konkurrenten wie Google und Microsoft quasi mittendrin sind, ihre Produkte mit generativer KI zu fluten, war aus Cupertino diesbezüglich nur wenig Plakatives zu vernehmen. Für Apple recht ungewöhnlich war es dann aber auch, dass man seit Monaten auf die Worldwide Developers Conference im Juni verwies: Dort würden dann die ganzen neuen KI-Funktionen vorgestellt und Firmenchef Tim Cook bekräftigte zuletzt, dass es eine "große Sache" werde, was man zu sehen bekommt.

Kein Wunder jedenfalls, dass heuer alle Augen umso stärker auf das jährliche Software-Event gerichtet sind. Konnte Apple die Lücke füllen, die Konkurrenten seit Monaten versuchen, als vermeintlichen Vorsprung zu verkaufen? Jein. Die Keynote zum Auftakt des jährlichen Software-Events wirkte aber tatsächlich so, als würde Apple aus allen Rohren feuern wollen und immerhin mit einer kleinen Evolution kontern können: Unter der Bezeichnung Apple Intelligence stellte man in Cupertino ein Bündel an KI-Funktionen vor, das nahtlos über die Apps im Ökosystem von Apple und auf allen Plattformen verwendet werden kann – die neuen Betriebssysteme iOS 18, iPad OS 18 und MacOS Sequoia.

Video: Apple kündigt neue KI für iPhones an.
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Apple Intelligence ist (bald) da

Der Gedanke hinter Apple Intelligence erscheint auf den ersten Blick klar. Die Leistung generativer KI-Modelle, wie man sie bisher oft in Form einzelner Tools von anderen Herstellern kennengelernt hat, werden nun unter einem Dach zusammengefasst. Apple scheint in diesem Zusammenhang auch seinen größten Vorteil ausspielen zu können, da Apple Intelligence tief integriert ist und über Apps und Gerätegrenzen hinweg überall im eigenen Ökosystem genutzt werden kann.

Die Funktionen können grob in drei Hauptkategorien unterteilt werden, wie man sie von der Konkurrenz auch schon in ähnlicher Form kennt: Textverarbeitung, Bildgenerierung und App-Steuerung. Im Bereich der Textverarbeitung kann das System etwa Texte zusammenfassen, umformulieren und auf Fehler überprüfen. Bei der Bildgenerierung ist es möglich, direkt in Messaging-Programme passende Bilder wie GIFs zu erstellen (Image Playground) oder eigene Emoji (Genmojis) zu gestalten, die durch einfache Texteingaben erzeugt werden und wie Sticker verwendet werden können. Die dritte Kategorie betrifft die Anwendung in Apps, wo Nutzer über Sprachbefehle an Siri verschiedene Funktionen aktivieren oder kombinieren können – zum Beispiel um bestimmte Fotos anzuzeigen und dann in anderen Anwendungen einzufügen.

Image Playground
Image Playground ist nur eines von vielen unterschiedlichen KI-Tools: Aus einem vorgeschlagenen Set an Begriffen lassen sich damit auch Bilder ohne Texteingabe erstellen.
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Bis man Apple Intelligence benutzen kann, wird man sich allerdings noch ein wenig gedulden müssen: Das System wird erst ab Herbst kostenlos als Beta-Version auf Englisch verfügbar sein und ist Teil der neuesten Betriebssystemupdates. Im Laufe des nächsten Jahres sollen dann weitere Funktionen, Plattformunterstützungen und zusätzliche Sprachen hinzugefügt werden. Hardwareseitig werden Nutzerinnen und Nutzer mindestens ein iPhone 15 Pro und iPhone 15 Pro Max benötigen oder iPads und Macs mit M1 Chip oder neuer.

Geschützte Daten, auch über die Cloud

Während der Keynote immer wieder betont hat Apple einen hohen Datenschutz-Standard. Dank der fortgeschrittenen KI-Fähigkeiten der neuesten Apple-Chips können viele Anfragen direkt auf dem Gerät bearbeitet werden ujnd bleiben auch dort. Für höheren Rechenanforderungen, die eine Cloud-Anbindung erfordern, werden nur die für die jeweilige Anfrage relevanten Daten übermittelt.

Writing Tools von Apple
Das Korrekturlesen oder Zusammenfassen von Texten erfolgt direkt am Gerät. Für komplexere Aufgaben bedient man sich auch Cloud Computing - das laut Apple neue Sicherheits-Standards setzen soll.
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Apple hält auch fest, dass diese Daten nicht dauerhaft in der Cloud gespeichert, sondern ausschließlich für die Bearbeitung der Anfrage verwendet werden. Darüber hinaus wird versprochen, dass die eigens dafür eingerichteten Systeme regelmäßig von unabhängigen Experten auf ihre Sicherheit hin überprüft werden können. Private Cloud Compute soll sogar dafür sorgen, dass iPhone, iPad und Mac die Kommunikation mit einem Server ablehnen, wenn seine Software-Protokolle nicht öffentlich prüfbar sind.

Großes Update für Siri

Durch Apple Intelligence soll auch die Sprachassistentin Siri tiefer in die Systemfunktionen eingebettet sein und verspricht verbesserte Fähigkeiten, Sprache zu verstehen und zu interpretieren. So soll Siri jetzt selbst dann den Nutzern folgen können, wenn diese sich versprechen oder mehrere Fragen hintereinander stellen. Neu ist auch die Möglichkeit, Siri über Texteingaben zu nutzen und zwischen gesprochener und geschriebener Anfrage zu wechseln, was eine je nach Situation eine flexiblere Interaktion ermöglicht.

Die neue Siri
Die Sprachassistentin Siri wurde für Apple Intelligence grundlegend überarbeitet. Je nach Situation kann sie auch angeschrieben werden.
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Siri soll nun fähig sein, Hunderte neuer Aktionen innerhalb von Apps auf Apple-Geräten durchzuführen und bietet Nutzerinnen und Nutzern Unterstützung bei einer Vielzahl von Funktionen - vom E-Mail-Versand bis hin zum Wechsel zwischen verschiedenen Betriebsmodi. Durch das Verständnis der auf dem Display angezeigten Inhalte kann Siri Inhalte erkennen und darauf reagieren, wie das Hinzufügen einer Adresse aus einer Nachricht zu den Kontaktdaten. Nutzerinnen und Nutzer können auch spezifische Aufgaben wie das Abrufen von Artikeln aus ihrer Leseliste oder das Senden von Fotos über Sprachbefehle steuern, was den täglichen Umgang mit ihren Geräten erheblich erleichtern soll.

Integration von ChatGPT – und mehr

Siri kann künftig auch verwendet werden, um über Bild und Text mit ChatGPT zu interagieren. OpenAIs Chatbot kann genutzt werden, ohne dass dafür ein eigener Account erforderlich ist oder Kosten entstehen. Nutzer, die bereits ein ChatGPT-Abonnement besitzen, können ihr Konto verknüpfen und erhalten damit Zugang zu den Zusatzfunktionen.

Apple hat in diesem Zusammenhang angekündigt, dass ChatGPT lediglich der erste Schritt in diese Richtung sei – und man weitere KI-Modelle auf ähnliche Weise zugänglich machen wolle. Das könnte also auch die im Vorfeld spekulierte Anbindung von Googles KI-Modell Gemini zu einem späteren Zeitpunkt einschließen.

iOS 18

Grundlage für die Apple Intelligence sind die neuen Betriebssysteme für iPhone, MacOS und iPad, die Apple im Rahmen der Keynote zuvor angekündigt hatte. Neben den erwähnten KI-Innovationen bringt iOS 18 zunächst auch traditionellere Verbesserungen, wie eine besser anpassbare Benutzeroberfläche. Der Homescreen lässt sich flexibler gestalten, und im Dunkelmodus passen sich die App-Symbole an, um die Augen zu schonen. Auch lässt sich jetzt eine einheitliche Farbgebung über alle Apps hinweg festlegen.

Vorschau auf Apple iOS 18
Von links nach rechts: App-Icons lassen sich farblich vereinheitlichen, Tapback-Reaktionen werden vielfältiger und die Darstellung der Fotos ist besser kategorisiert und schließt offenbar auf Google auf.
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Das Kontrollzentrum wird erweitert und bietet jetzt die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Seiten mit Steuerelementen und Buttons zu wechseln - erstmals können auch Drittanbieter-Apps ins Kontrollzentrum integriert werden. Ein großes Redesign erfährt auch die Fotos-App, um mit Konkurrenten wie Google Fotos mitzuhalten. Sie ist nun besser für den Umgang mit großen Bildbibliotheken ausgestattet, mit Funktionen zum Sortieren von Gesichtern und dem Anheften von Sammlungen für schnelleren Zugriff.

In Sachen Datenschutz und Sicherheit will Apple mit iOS 18 eine verbesserte Kontrolle über den Zugriff auf Apps und Kontakte ermöglichen. Nutzerinnen und Nutzer können für den Zugriff auf bestimmte Apps eine Authentifizierung verlangen oder diese komplett verbergen, bis das Gerät den Hauptnutzer erkennt. Die Nachrichten-App wird durch neue Funktionen erweitert wie die Möglichkeit, beliebige Emojis für Tapback-Reaktionen zu verwenden und Texte zu formatieren. Darüber hinaus wird die Satellitenkommunikation für Nachrichten erweitert. Nicht zuletzt ermöglicht die Einführung von RCS eine verbesserte Kommunikation mit Android-Geräten.

MacOS Sequoia

Für Macs stellte Apple auf der Keynote das neue MacOS Sequoia vor – und zu Beginn das Continuity-Feature in den Vordergrund. Ein neues Highlight ist in diesem Zusammenhang das "iPhone Mirroring", das es ermöglicht, das iPhone direkt vom macOS aus zu steuern. Dies inkludiert auch den Zugriff mit Trackpad, Maus und Tastatur, während Benachrichtigungen des Smartphones auch auf dem Mac erscheinen. Die Audioausgabe des iPhones kann ebenfalls über den Mac abgespielt werden, wobei das iPhone selbst gesperrt oder im Standby-Modus bleiben kann. Inhalte lassen sich leicht zwischen verschiedenen Apple-Geräten verschieben und direkt in entsprechenden Apps weiterverarbeiten.

Apple stellt MacOS Sequoia vor
Von links nach rechts: Das iPhone Mirroring für MacOS, Safari zeigt "Highlights" auf Webseiten an und ein neuer Gaming-Schwerpunkt kündigt sich auch an
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macOS bietet zudem fortschrittliche Funktionen zur Bildschirmorganisation, wenn mehrere Apps gleichzeitig offen sind. Das System kann automatisch eine effiziente Aufteilung des Bildschirms vorschlagen und unterstützt neue Shortcuts, die die Einrichtung dieser Anordnungen erleichtern sollen. Bei Videotelefonaten führt macOS neue Optionen ein, darunter eine Vorschau für Präsentationen sowie die Möglichkeit, den Hintergrund des eigenen Kamerabildes zu verbergen oder zu ändern.

In Bezug auf den Safari-Browser strebt Apple mit macOS 15 an, den "schnellsten Browser der Welt" zu schaffen, wie man selbst betont, der zudem auch noch energieeffizienter als Googles Chrome sein soll. Safari wird ab Herbst fähig sein, auf Webseiten automatisch "Highlights" wie Informationen zu Orten, Hotels oder Personen anzuzeigen, was ähnliche Funktionen wie Googles KI-gestützte Suche bietet. Außerdem wird ein Picture-in-Picture-Modus für die Videowiedergabe eingeführt, der das Multitasking während des Surfens verbessert.

iPad OS 18

Zu den Highlights des aktualisierten iPad-Betriebssystem iPad OS 18 gehört eine integrierte Taschenrechner-App, die das Herunterladen von werbeüberladenen Drittanbieter-Apps endlich überflüssig macht. Ein besonderes Feature ist dabei allerdings die Kompatibilität mit dem Apple Pencil. Nutzer können mathematische Probleme handschriftlich eingeben und auf diese Art auch direkt lösen lassen.

Apple zeigt iPad OS 18
Von links nach rechts: Wie für iOS 18 gibts auch bei iPad OS mehr Personalisierungsoptionen für die Darstellung von Homescreen, App-Icons und Kontrollzentrum. Smart Script und nativer Taschenrechner ermöglichen es unter anderem, mathematische Probleme handschriftlich lösen zu können.
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Weiters führt Apple mit Smart Script eine neue Funktion in der Notizen-App ein, die mithilfe von maschinellem Lernen die Handschrift verbessert und sogar in der Lage ist, geschriebenen Text in den eigenen Handschriftstil zu übertragen und Rechtschreibprüfungen durchzuführen. Eine neue Bildschirmfreigabefunktion in SharePlay ermöglicht es außerdem, das iPad einer anderen Person fernzusteuern.

Darüber hinaus wird die nächste Betriebssystem-Version für iPads viele zuvor erwähnten Features von iOS 18 enthalten, darunter die neuen Individualisierungsoptionen für den Homescreen, aber etwa auch die Integration von Drittanbieter-Apps im Kontrollzentrum. Zusätzlich zur neuen Personalisierung sind auch jene Funktionen vorgesehen, die den Zugriff auf Apps und Kontakte optional einschränken.

Vision Pro kommt nach Europa

Im Rahmen der WWDC kündigte Apple nicht zuletzt an, dass die Mixed-Reality-Brille Vision Pro ab Juli in Deutschland erhältlich sein wird. Dies erfolgt etwa fünf Monate nach der Einführung in den USA. In Deutschland wird das Basismodell mit 256 GB Speicherplatz mindestens 4000 Euro kosten. Die Vorbestellung des Headsets beginnt Ende Juni auch in Frankreich und Großbritannien, und der Verkaufsstart ist für den 12. Juli geplant, exklusiv über Apples eigene Vertriebskanäle. Wann die Brille offiziell nach Österreich kommt, bleibt weiterhin offen.

Apple Vision Pro
Teurer Spaß: Wie vermutet, wird Apple Vision Pro in Europa mindestens 4.000 Euro kosten.
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Neben der Hardware-Veröffentlichung hat Apple auch Updates für die dazugehörige Software angekündigt. Das Betriebssystem visionOS wird auf Version 2 aktualisiert und soll unter anderem ein virtuelles Mac-Display als Ultrawide-Bildschirm mit höherer Auflösung unterstützen, was mehr Raum für Inhalte bietet. Neu sind auch Gesten zur Steuerung des Homescreens und des Kontrollzentrums sowie die Fähigkeit, 2D-Fotos als räumliche "Spatial Fotos" darzustellen. (Benjamin Brandtner, 10.06.2024)