Poesiefestival Sprachspiel Artmann
In der alten Schieberkammer in Rudolfheim-Fünfhaus entfaltet sich posthum sein Eigensinn – und macht dem Pegasus Flügel: H. C. Artmann, geistiger Impulsgeber für "Sprachspiel. Biennale West.".
imago images/SKATA

Mit seiner Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes hat Weltliterat H. C. Artmann (1921–2000) jeder Sprachschöpferin, jedem Sprachschöpfer eine anständige Mutinjektion verpasst. In seiner Anleitung zur poetischen Mündigkeit wird unter Punkt vier vermerkt: "der poetische act wird starkbewusst extemporiert (…)". Der blinde Zufall ist bei seinem Vollzug wenig behilflich, denn in eine bloß poetische Situation "könnte jeder trottel geraten, ohne es aber jemals gewahr zu werden". Kleinschreibung Ende.

Anlässlich der fünften Ausgabe des "Sprachspiel. Biennale West."-Festivals bleibt praktisch nichts dem Zufall überlassen. Unter dem Widmungswort "grotesk!" möchte man – unter besonderer Beobachtung der Wiener Gruppe und deren Ausläufer – dem Eigensinn, der äffenden Miene, der wissenden Verzerrung des sonst bloß Hundsordinären eine Bühne bieten. Ort der Zurschaustellung hemmungsloser Übertreibungen in den kommenden drei Tagen: die Alte Schieberkammer in der Meiselstraße, Wien 15.

Sound, Film, Dichtung

Sound-Video-Performances (Sabine Marte) finden ebenso Beachtung wie Filmwerke von Artmann-Tochter Emily (Artmann tanzt) und Katharina Copony. Poetisch in sich hat es vor allem das Dichtungsprogramm: Artmann-Witwe Rosa Pock, eine famose Prosakünstlerin, gerät mit Kollege Thomas Raab ins Gespräch. Am Samstag wird sich Peter Waterhouse in kritischem Rekurs auf den Alfred-Kaiser-Kurzfilm Ein drittes Reich essayistisch mit dem Zusammenhang von Krieg und Sprache befassen.

Sprachmagier Christian Steinbacher aus Linz gestaltet sonntags seine Leseperformance tiefer fege rand ins blaue als sogenannte Verlaufskontrolle: Er würfelt Textbausteine einer eigenen Raymond-Roussel-Übertragung absichtsvoll durcheinander. Gerhard Rühm rezitiert, und auch die Schule für Dichtung ist vor Ort: Werke der Onlineklassen von Rebekka Kricheldorf und Stefanie Sargnagel werden präsentiert. Für germanistische Umsicht sorgen die bewährten Kräfte von Alexandra Millner, Thomas Eder und Johanna Öttl. Starkbewusstes Extemporieren wird garantiert garantiert! (Ronald Pohl, 7.6.2024)