Ioan Holender
Sänger, Künstleragent und Operndirektor: Ioan Holender.
Karl Schöndorfer / picturedesk.c

Um in Ioan Holenders Büro in der Herrengasse zu gelangen, wird man mit speziellen Schlüsseln vom zweiten in den dritten Stock geleitet und durchwandert lange Gänge, bis sich endlich die Türe zu seinem Büro öffnet. Dieses ist ein weitläufiger Raum mit hohen Fenstern, Teppichboden und einem mächtigen, doppelten Schreibtisch. Daran sitzt Holenders Sekretärin, mit der er sich während des Interviews immer wieder auf Rumänisch austauscht.

Der 88-Jährige sieht gut aus, trägt graue Flanellhosen und einen weinroten V-Pullover. Sein schlohweißes, dichtes Haar ist elegant zurückgekämmt, seine hellblauen Augen leuchten fröhlich und lebendig. Wir nehmen Platz auf zwei Fauteuils an einem kleinen runden Tisch. An der Wand hängen Bilder von Opernstars und prominenten Persönlichkeiten aus Kunst und Politik. Der inzwischen ungewohnte Geruch von Zigaretten trägt einen zurück in vergangene Zeiten. Auf dem Tisch liegt ein Päckchen Zigaretten neben einem roten Aschenbecher aus Muranoglas und einem goldenen Feuerzeug.

STANDARD: Sie erzählten einmal, dass Sie, als Sie mit 24 Jahren mit Ihrem Vater Rumänien verließen, um nach Österreich zu ziehen, weinen mussten, weil Sie so unglücklich waren, Ihr Vater indessen weinte vor Glück.

Holender: Für meinen Vater bedeutete die Auswanderung Freiheit. Ich aber wollte nicht weg aus Rumänien. Es war meine Welt. Den Gedanken, woanders hinzugehen, gab es gar nicht. Ich litt nicht darunter, dass ich Orte wie Paris nicht kannte. Meine Welt war Rumänien. In Wien litt ich dann lange Zeit unter schrecklichem Heimweh. Als ich ein Stipendium erhielt und am Konservatorium aufgenommen wurde, um Sänger zu werden, erfüllte sich mein innigster Wunsch. Das war sehr tröstlich.

STANDARD: Mit wem waren Sie eigentlich das erste Mal in der Oper?

Holender: Mit meinem Vater. Er war ein großer Opernliebhaber. Wir haben eine sehr schöne Oper in Timișoara, meiner Geburtsstadt. Es war eine Aufführung von La Traviata. Ich war zwölf Jahre alt, und die Oper beeindruckte mich zutiefst. Auch wie elegant – man trug damals noch Frack in der Oper – die Leute gekleidet waren. Ab da war ich mit Haut und Haaren ein Operngeher. Ein Tag Oper, ein Tag Schauspiel. Beides interessierte mich brennend.

STANDARD: War Ihr Vater ein strenger Vater?

Holender: Ich musste immer um acht Uhr abends zu Hause sein. Das war bei meinen Opernbesuchen manchmal schwierig. Damals wurden zwischen den Akten noch die Bühnenbildner umgebaut, und daher dauerten die Opernvorstellungen manchmal bis Mitternacht. Das fand er zu spät, und da wurde er ungemütlich.

STANDARD: Ihr Vater war Besitzer einer Essig- und Marmeladenfabrik in Timișoara. Was sind Ihre Erinnerungen?

Holender: Der penetrante Essiggeruch, der auch in der Kleidung meines Vaters hing. Es war eine kleine Fabrik, in der auch Marmelade hergestellt wurde. Am 17. Juni 1948 wurde sie verstaatlicht, und von heute auf morgen konnte mein Vater die Fabrik nicht mehr betreten. Wir haben das Ende des faschistischen Regimes erlebt und wurden von der russischen Armee befreit. Das war natürlich positiv. Doch der Verlust der Fabrik war schrecklich für ihn.

STANDARD: Sprach er darüber?

Holender: Zu Hause habe ich die Spannungen und die Nervosität meines Vaters gespürt. Meine Gefühle schwankten dann zwischen Angst, Unsicherheit und Verlust. Das war prägend. Zudem war auch die Ehe meiner Eltern keine gute, und es kam zur Scheidung.

STANDARD: Sie lebten dann mit Ihrem Vater. Wie war Ihr gemeinsames Leben?

Holender: Na ja, zum Beispiel hörten wir verbotenerweise BBC. Unser Radio war unter Bettdecken versteckt. Jeden Donnerstagabend wurden aus Turin Opernkonzerte übertragen, und wir hörten die größten Sänger – Callas, Gigli usw. Mich hat die Sinnlichkeit einer Stimme und einer Arie, auch wenn ich sie nicht immer verstand, fasziniert. Es waren gute Stimmen. Schöne und berühmte Stimmen. Die Schönheit und Größe einer Stimme ist gottgegeben. Also zum Beispiel dieses Mädchen da, das ich gestern zufällig auf der Straße getroffen habe, die Netrebko: Sie ist heute die berühmteste und bekannteste Sängerin der Welt und meiner Meinung nach auch die beste. Sie hat eine Art der singenden Kommunikation. Man hört ihr zu, egal, was sie singt. Auch wenn sie das Telefonbuch absingt, hört man ihr gerne zu.

STANDARD: Sie selbst wollten Sänger werden und wurden das auch. Unterstützte Ihr Vater diese Entscheidung?

Holender: Das Singen unterstützte meine Mutter sehr. Meine Mutter hat alles unterstützt, was ich gemacht habe. Und sie erlebte auch noch, als ich Staatsopern-Direktor wurde. Wenn ich mich das jetzt so sagen höre und wir über die Vergangenheit sprechen, kommt es mir so absurd und undenkbar vor, dass ich Direktor der Wiener Staatsoper geworden bin. Das war ja nie ein Ziel von mir. Es war eine Situation, in die ich gekommen bin. Es wäre ja dement gewesen, wenn ich es von meiner Seite aus angestrebt hätte. Alles begann durch meine Bekanntschaft und dann Freundschaft mit Eberhard Waechter und seinem überraschenden Tod. Er hat meine Meinung über Sänger sehr geschätzt, und so entstand unsere Zusammenarbeit.

STANDARD: Sie waren Agent für Sänger. Waren Sie eine väterliche Figur für Ihre Sänger?

Holender: Ich denke schon, dass ich ihnen Schutz, Unterstützung und Weiterführung gab. Doch ich sehe, dass ich diese 22 Jahre nicht Agent, sondern Bühnenvermittler war. Ich ging von Theater zu Theater und fragte: "Was brauchen Sie?", und konnte dann vermitteln. Und mir wurde vertraut. Ich war eine Stütze des Operndirektors und wusste mehr als er, wen er engagieren soll.

STANDARD: Gab es außer Ihrem Vater Vaterfiguren in Ihrem Leben?

Holender: Ja, es gab einen Mann, der prägend für mein Leben war. Also: Ich wurde Sänger und bekam ein Engagement im Stadttheater Klagenfurt. Der Tag, an dem ich dort vorgesungen habe und man mir sagte: "Wir engagieren Sie als ersten Bariton", war der glücklichste in meinem Leben. Bis heute. Es gibt keinen anderen Tag, an dem ich so erfüllt und glücklich war. Dass ich mit dem, was ich kann und habe – also mit meiner Stimme – Freude vermitteln kann und auch noch bezahlt wurde, war das Größte. Für mich war das eine enorme Freude und Genugtuung. Mehr gab es nicht. Ich kam aber nicht weiter in Klagenfurt. Und dieser Mann, den ich unglaublich bewunderte, sagte mir: "Sie sprechen fünf Sprachen, Sie interessieren sich sehr dafür, was überall in den Opernhäusern geschieht. Sie müssen das machen, wo Sie Menschen am meisten geben können." Ich sagte: "Das ist mein Singen." Er meinte: "Nein, das ist nicht Ihr Singen, denn Ihr Singen ist durchschnittlich und nicht außerordentlich." Er war damals der berühmteste Agent und Bühnenvermittler. Sein Büro war in der Mariahilfer Straße 3. Er bot mir einen Posten bei ihm an, und ich akzeptierte. Das war 1966.

STANDARD: Gaben Sie das Singen schweren Herzens auf?

Holender: Nein. Es war auch nicht schweren Herzens, als ich nach 70 Jahren das Tennis aufgab. Stellen Sie sich vor: Die meiste Zeit meines Lebens habe ich mit Tennisspielen verbracht.

STANDARD: Single oder Doppel?

Holender: Single! Doppel ist der Weg zum Golf, und Golf ist das Ende, die Impotenz. Na gut, lassen wir das. Mein Vater sagte immer: Im Westen musst du Bridge spielen, da kommst du in gute Gesellschaft. Bridge spiele ich nicht, für mich war es Tennis. Das hat mir auch sehr geholfen. Jeder, der mit mir spielte, spielte besser. Und jeder wollte deshalb mit mir spielen. Ich habe auch mit Kreisky, der sehr gerne, aber sehr unbegabt spielte, gespielt. Als ich dann Operndirektor wurde, ich war immer schnell braun gebrannt, das ist eine Pigmentsache, las ich in der Zeitung: Ein Tennisspieler ist jetzt Operndirektor.

STANDARD: Als Direktor, das war zumindest Ihr Ruf, waren Sie bei allen, die dort arbeiteten, von den Sängern bis zu den Technikern, sehr beliebt.

Holender: Wenn ich heute an der Oper vorbeigehe und Leute von der Technik treffe, weil sie jetzt vor dem Haus und nicht mehr im Haus rauchen können, begrüßen sie mich begeistert. Sie hatten Respekt. Auch die Sänger. Ich sprach immer die Sprache der Angestellten. Und ich glaube, ich habe auch alle gleichbehandelt.

STANDARD: Sind Sie noch oft in Rumänien? Mögen Sie es noch immer so gerne?

Holender: Ja, immer mehr. Rumänien wird mir immer wichtiger, je älter ich werde. Aber ich habe dort keine Freunde mehr. Tote habe ich dort. Viele.

STANDARD: Mit Ihrem Vater einmal wöchentlich auf den Friedhof zu gehen ist eine Ihrer Kindheitserinnerung, nicht wahr?

Holender: Ja, dort liegen meine Großeltern väterlicher Seite. Ja, schauen Sie, ich erzähle Ihnen das nur so: Ich will ja niemandem zur Last fallen, aber irgendwann endet das. Mein Vater und meine Mutter – mit ihrem zweiten Mann – sind hier in Wien auf dem jüdischen Friedhof begraben. Mein Vater hat schon einen Platz für mich "reserviert". Na gut. Also wenn ich geh, würde ich ein Ehrengrab bekommen. Das will ich gar nicht. Bei den Juden gibt’s kein Ehrengrab, da gibt’s diesen Zirkus nicht. Bei uns ist das Begräbnis am nächsten Tag. Abgesehen davon will ich bei meinem Vater sein. Schauen Sie, ich sollte dankbar sein. Im Sommer werde ich 89 Jahre. (Cordula Reyer, 9.6.2024)