"Giorgia, Giorgia, Giorgia!" So tönt es tausendfach auf der Piazza del Popolo mitten im Rom, wohin Ministerpräsidentin Giorgia Meloni zur Wahlkundgebung gerufen hatte. "Elly, Elly, Elly!", lautet ein Tag später die Antwort der Fans von Oppositionsführerin Elly Schlein im römischen Gastro- und Künstlerquartier Testaccio. Der Schlagabtausch zwischen der vor 39 Jahren in der Schweiz geborenen Schlein, Chefin des sozialdemokratischen Partito Democratico (PD), und der 47-jährigen, aus dem Römer Arbeiterviertel Garbatella stammenden Regierungschefin Meloni hat den italienischen Europawahlkampf wochenlang dominiert.

Links gegen rechts: Elly Schlein gegen Giorgia Meloni.
AP Photo/Gregorio Borgia/Alessandra Tarantino

Eigentlich war ein TV-Duell geplant gewesen – aber die kleineren Parteien, die alle von Männern angeführt werden, hatten Einspruch eingelegt: Sie würden damit im Wahlkampf bezüglich Fernsehpräsenz benachteiligt. Die nationale Regulierungsbehörde für Telekommunikation Agcom gab ihnen absurderweise recht. Nun duellieren sich Schlein und Meloni eben auf den Plätzen in den Städten und in politischen Talkshows, ohne direkt aufeinanderzutreffen. Bei diesen Fernduellen fliegen regelmäßig die Fetzen: Schlein und Meloni respektieren sich, aber sie mögen sich nicht. Zu unterschiedlich sind sie nicht nur politisch, sondern auch von ihrer Herkunft und ihrem politischen Werdegang her.

"Underdog" gegen "Professorin"

Meloni, aufgewachsen als Tochter einer alleinerziehenden Mutter, gibt sich volkstümlich und bezeichnete sich selbst auch schon als "Underdog". Sie ist schlagfertig, impulsiv, gelegentlich auch aggressiv. Ihre schärfste Waffe ist ihre Selbstironie. Als Antwort auf den Vorwurf Schleins, den Staatssender RAI in ein "Tele Meloni" verwandelt zu haben, stellte sie ein Video ins Netz, in welchem sie sich wie eine Tagesschausprecherin ans Publikum wendet. Oben im Bild ist groß ein Senderlogo mit "Tele Meloni" eingeblendet – und die Regierungschefin sagt: "Das hier ist das einzige 'Tele Meloni', das es gibt." Dann zitiert sie eine unabhängige Untersuchung, die belegt, dass alle ihre – männlichen – Vorgänger an der Spitze der Regierung viel mehr Sendezeit beim staatlich-öffentlichen Sender RAI erhalten haben als sie.

Ganz anders Elly Schlein: Die Tochter eines jüdischen US-Politologen und einer italienischen Rechtsprofessorin ist zwar ebenfalls eloquent, aber ihre Reden erinnern immer ein wenig an ein soziologisches Universitätsseminar. Im Vergleich zu ihrer Konkurrentin wirkt Schlein kühler und intellektueller – was heutzutage alles andere als ein Vorteil sein dürfte. Andererseits ist Schlein die Hoffnungsträgerin einer ganzen Generation von enttäuschten Linken, die wieder eine Partei wollen, die sich vermehrt für soziale Gerechtigkeit einsetzt, ohne dabei Umweltanliegen aus den Augen zu verlieren. Mit ihrer Forderung nach einem Mindestlohn, die von vielen jungen Italienerinnen und Italienern geteilt wird, bringt sie Meloni regelmäßig in Bedrängnis.

Streit über Frauenrechte

Frauenrechte sind im Wahlkampf zwar kein zentrales Thema, aber immer gut für einen Schlagabtausch von zwei Politikerinnen, die auch bei diesem Thema grundverschieden sind. Meloni zeigt den Männern in ihrer postfaschistischen Partei zwar resolut, wo es langgeht, und hat auch ihrem Lebensgefährten nach sexistischen Äußerungen sofort den Laufpass gegeben – aber grundsätzlich vertritt sie in der Familienpolitik konservative Positionen. Schlein wirft ihr vor, das Rad der Zeit beim Schwangerschaftsabbruch und vor allem bei der Genderpolitik zurückdrehen zu wollen: "Meloni will einen Staat, der bestimmt, wer wen lieben darf", kritisierte Schlein kürzlich. Meloni konterte, dass Schlein stumm geblieben sei, als sie, Meloni, von einem linken Politiker und einem linken Schriftsteller als "stronza" (Arschloch) und als "bastarda" (Bastardin) beleidigt wurde. "Hört Schleins Feminismus auf, wenn es um mich geht?", fragte Meloni rhetorisch.

Für beide Frauen steht bei den Europawahlen relativ viel auf dem Spiel. Zuletzt hatte Meloni die Nase vorn: Laut Umfragen liegen ihre Fratelli d'Italia bei 26 Prozent – also auf dem genau gleichen Niveau wie bei ihrem Wahlsieg im September 2022. Der PD ist mit 20 Prozent zweitstärkste Kraft, somit etwas beliebter als vor 15 Monaten, als Schlein von der Basis zur Parteichefin gewählt wurde.

Vieles deutet darauf hin, dass sowohl Meloni als auch Schlein noch zulegen werden. Das ist bemerkenswert in einem Land, in welchem bei den Europawahlen vor fünf Jahren noch ausschließlich Männer im Ring standen: Der damalige Regierungschef Giuseppe Conte von der längst verblassten Fünf-Sterne-Bewegung, Lega-Chef Matteo Salvini, der heute um sein politisches Überleben kämpft, der 2023 verstorbene ehemalige Premier Silvio Berlusconi und der in der politischen Versenkung verschwundene damalige PD-Chef Nicola Zingaretti – das alles scheint eine Ewigkeit her zu sein. (Dominik Straub aus Rom, 8.6.2024)