Der russische Präsident Wladimir Putin sitzt auf einem Sessel.
Zweifel säen, das Vertrauen in die Demokratie schwächen: der russische Präsident Wladimir Putin.
Foto: AFP / Anton Vaganov

Am Wochenende verbrachte ich wieder einmal zu viel Zeit auf Instagram, Twitter und Telegram. Im Wunderland der Ablenkungen waren es diesmal nicht die Abenteuer von Cosimo, einem deutschen Kater mit 340.000 Followern, oder kurze Kochvideos oder gar waghalsige Kletterpartien, die mir die Zeit raubten. Bewusst tauchte ich am Handy ein in die Welt russischer Desinformation und Propaganda.

Sei es eine erfundene Bettwanzenplage im Vorfeld der Olympischen Spiele in Paris oder das Aufbauschen von Genderdebatten: Jede vermeintliche Bruch- oder Schwachstelle unserer Gesellschaft wird in einschlägigen Kanälen genützt. Zweifel zu säen, Angst zu verbreiten und das Vertrauen in die Demokratie zu schwächen – das scheint mir im Kern die Strategie. Es geht darum, Spaltkeile in unsere Gesellschaft zu treiben. Auch nach dieser Wahl zum Europäischen Parlament wird Russland weiterhin viel Geld in diese Form der psychologischen Kriegsführung investieren. Der Kampf an der digitalen Kommunikationsfront in unseren Demokratien ist strategisch fast genauso wichtig für Wladimir Putin wie jener gegen die Armee der Ukraine.

Logische Folgekapitel

Durch längeres Herumklicken und -wischen bekam ich einen unzensierten Zugang zur russischen Sicht der Weltlage. Anders als beim Kater Cosimo, der auf dem Rücken seines Herrchens gerne Fahrradtouren macht, gibt es auf diesen Kanälen nichts zu schmunzeln. Besonders aufschlussreich fand ich ein längeres englischsprachiges Interview mit Alexander Dugin, dem modernen Rasputin und Einflüsterer Putins. Die Erzählung des bärtigen Philosophen lautet ungefähr so: Dank Russland etabliert sich gerade eine neue, multipolare Weltordnung. Diese repräsentiert einen Befreiungsschlag gegen den Westen, dessen Aufstieg vor 500 Jahre begann. Der säkulare Liberalismus ist des Teufels, und die Aufgabe des russisch-orthodoxen Volks ist nun, dessen Macht zu brechen und uns "woke" Antichristen zu besiegen.

Die "Revolte" der russischsprachigen Bevölkerung im ukrainischen Donbass-Gebiet 2014 steht für den Beginn eines globalen Aufstands gegen die Dekadenz und läutet das Ende der Hegemonie der westlichen Welt ein. Die Besetzung der Krim und der Angriffskrieg gegen die Ukraine sind logische Folgekapitel in dieser großen Erzählung. Ganz nebenbei geht es darin auch um die Wiedererrichtung eines Imperiums, der "Russki Mir" (der "Russischen Welt").

Etwas weniger philosophisch geht es auf einschlägigen Telegram-Kanälen zu. Da marschieren die Truppen schon Richtung Berlin, und auf dem Weg wird die eine oder andere Atombombe abgeworfen. Ich kann in all dem kein Heilsversprechen einer neuen multipolaren Weltordnung erkennen, sondern nur psychopathische Halluzinationen und gefährliche Drohgebärden. Den Ausflug in die Gedankenwelt Dugins und seiner ideologischen Genossen kann ich Ihnen empfehlen, falls Sie daran Zweifel hegen sollten und sich fragen, ob es sinnvoll ist, die Ukraine dabei zu unterstützen, für unser freies Europa zu kämpfen. Dieser Kampf findet gerade ganz real in Schützengräben statt und nicht am Handy. (Philippe Narval, 10.6.2024)